Rückhand cross gegen die Leinwand

Ateliergespräch mit der Künstlerin Elisa Klinkenberg
Erstveröffentlichung am 01.12.2021
Ursprünglich hatte sich Elisa Klinkenberg für eine Profikarriere auf dem Tenniscourt entschieden. Doch dann tauschte sie Tennisnetz gegen Leinwand. Wir besuchten die aufstrebende Künstlerin in ihrem Atelier in Rahnsdorf, um mehr über sie und ihre Entscheidung für die Kunst zu erfahren.

 

Wir sind hier heute in den Müggelsee-Ateliers, um mehr über dich und deine Kunst zu erfahren. Kannst du uns bitte vorher etwas zu deinem schönen Atelier erzählen?
Eingezogen bin ich im Mai diesen Jahres. Im Zuge des Einrichtens und Ankommens habe ich natürlich auch etwas über das Gebäude erfahren. Das Hotel hatte vor der Wende eine nicht ganz so schöne Historie. Ich will jetzt nicht sagen „Stasi-Hotel“, das klingt glaub ich sehr sehr hart, aber anhand dessen, was wir hier so im Hotel gefunden haben, kann man schon sagen, dass es auch von der Stasi genutzt wurde.

Ich weiß, dass es dann um die 2000er rum nochmal ein Kongresshotel war, als Jugendherberge diente und sogar Hochzeiten stattgefunden haben. Seit Mai diesen Jahres ist es dann aufgrund einer glücklichen Fügung das geworden, was es jetzt heute ist, ein Ort wo viele Künstler:Innen arbeiten und wo wir versuchen, kreative Dinge zu schaffen.

Schön! Und wo warst du mit deinen ganzen Utensilien davor?
Ich hab davor in meinen eigenen vier Wänden gearbeitet. Sehr zum Leidwesen meine Mannes, der sein Büroraum mit mir teilen musste. Man muss aber dazu sagen, so großformatig wie jetzt hier, habe ich zu Hause nicht gearbeitet. Ich komme eigentlich aus dem Aquarell-Bereich wo man eher kleinformatig malt.

Wie es zu diesem Wechsel von Form und Technik gekommen?
Ich bin Autodidakt und habe vor ca. 6 Jahren angefangen, als Ausgleich zu meinem festen Job meine Aquarellkästen rauszuholen und zu malen. Für mich war das das erste Herantreten an die Kunst. Dank meines Instagram-Accounts bin ich auf die Idee gekommen, diese Arbeiten zu teilen, ohne die Intention, jetzt wirklich eine künstlerische Karriere anzustreben. Irgendwann kam dann die Erkenntnis, dass mich die Möglichkeiten von Aquarellarbeiten auf Papier limitierten, ich Werke auch mal drei Tage stehen lassen und dann daran weiterarbeiten wollte. So richtig großformatig male ich also erst, seitdem ich hier eingezogen bin.

Horea von Elisa Klinkenberg
„Horae“ /// 2021 /// 80 x 90 cm /// Acryl, Acryl Marker, Spray Paint

 

Gibt es Kriterien um Kunst machen zu können, muss man dafür studieren oder etwas Besonderes an sich haben?
Das beste Beispiel, künstlerisch tätig zu sein ohne den klassischen Weg zu beschreiten, bin ich selbst. Die Frage begegnet mir oft. Ich werde gefragt, wo ich denn studiert habe oder welchen künstlerischen Background ich mitbringe. Im Abitur habe ich Kunst gerade so hinbekommen und mir wurde in der Schule vermittelt, dass ich künstlerisch nicht die Leuchte bin. 2019 habe ich ein Buch geschrieben und für mich gemerkt, dass Kunststudium nicht bedeutet, dass man an eine Kunstakademie geht.

Es ist aber auch schwierig zu sagen, man sei „nur“ künstlerischer Autodidakt, da alle Künstler:Innen auch nur Autodidakten sind, da sie im Selbststudium arbeiten, viel ausprobieren, wie etwa Malmedien oder Techniken.

Viele Wege führen nach Rom, wenn man künstlerisch tätig sein möchte und die Passion dafür hat.

Ich hab immer diesen Drang, irgendwas zu machen und seien es nur Skizzen zu Hause. Und ich glaube, das ist eine Art Studium, die einen künstlerisch voran bringt.

Eigentlich komme ich aus dem Leistungssport und habe, seit ich vier Jahre alt war, Tennis gespielt, später sogar professionell. Verletzungsbedingt musste ich mich dann umorientieren. Mein ganzes Leben bestand eigentlich mehr oder weniger aus Sport. Nie hätte ich gedacht, dass ich nach meinem Leistungssport nochmal etwas finde, was mich so erfüllt und was ich der in gleichen Intensität und mit gleicher Freude machen kann - wie den Sport.

Du hast Jura, später Literatur und Medienwissenschaft studiert, spielt dein Studium eine Rolle in deiner Kunst?
Als ich Aquarell gemalt habe, arbeitete ich sehr eindimensional. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich probieren möchte, mich in Thematiken reinzudenken und gesellschaftskritisch zu arbeiten. Eben nicht nur eine Leinwand zu malen, auf der sich Farben zusammenfügen, sondern auch zu schauen, was ist der aktuelle, gesellschaftskritische Diskurs und im Zuge dessen auch nochmal den Bogen zu spannen zu literarischen Dingen, mit denen ich mich befasst habe.

 

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In deiner Kunst thematisierst du auch das Thema Nachhaltigkeit. Wie nachhaltig kann Kunst und der künstlerische Prozess überhaupt sein kann?
Ich glaube, man kommt heutzutage gar nicht mehr am Thema Nachhaltigkeit vorbei. In meinem privaten Alltag gelingt mir das sehr gut, das in vielen Bereichen miteinfließen zu lassen. Ich habe einen grünen Background und komme aus einer Försterfamilie, bin hier im Wald groß geworden und schau immer, wie ich nachhaltiger sein kann.

In der Kunst habe ich mich vor einem Jahr damit auseinandergesetzt: Was sind natürliche Malmedien mit denen ich arbeiten kann, Pigmente aus der Natur usw. In dem Zusammenhang habe ich aber auch gemerkt, wie weit zurück die Kunst da einfach noch ist. Dass fängt an bei Acrylmalfarben, die ein Bindemittel enthalten, welches man nicht einfach so in den Ausguss kippen kann, das geht weiter bei Keilrahmen, die man nicht mit nachhaltigem Holz oder behandelten Stoffen baut.

Kunst hat im Bereich Nachhaltigkeit noch einiges zu tun.

Ich arbeite mit Biobaumwolle und für eine Ausstellung nächste Woche haben fünf Künstler:Innen aus Berlin einen Transporter zusammen organisiert, der unsere Werke sammelt und nach Hamburg fährt. Meine Atelierkollegin macht Collagen. Wenn ich also Skizzen habe, die ich wegschmeißen würde, wandern die ein Atelier weiter und man guckt, ob es dort Verwendung findet. Man kann, wenn man sich in der Community vernetzt, auch Lösungen finden, die für alle gut funktionieren.

Annea von Elisa Klinkenberg
„Annea“ /// 2021 /// 80 x 100 cm /// Acryl, Spray Paint

 

Hattest du schonmal Zweifel an deiner Kunst?
Also an der Liebe für die Kunst gar nicht, weil es wirklich was ist, was mich jeden Tag erfüllt. Vor meiner großen Ausstellung in Berlin habe ich mich auch ein paar Tage vorher dabei erwischt, wie ich in meinem Atelier saß und geguckt habe: Ist das denn schon gehaltvoll genug und für eine breite Masse zugänglich? Andererseits habe ich mir ins Gedächtnis gerufen, dass ich auf Instagram ja auch eine sehr große Audience habe. Und nur, weil ich die Leute eben nicht persönlich sehe wie bei einer Ausstellung sind das ja trotzdem viele Kritiker:Innen, die ja auch ihre Kommentare abgeben.

Was ist deine Hauptinspiration?
Es gibt Tage, da bist du unheimlich kreativ und produktiv. Dann hast du Tage, wo du gerade schaffst, deine Leinwand zu grundieren und ich glaube, dass man das so annehmen muss und immer wieder schaut, wo ist denn jetzt gerade meine Inspiration. Das ist auch das Faszinierende an der Kunst. Sie wartet überall auf dich, überall kannst du sie finden und kannst sie dann neu verarbeiten. In Alltagssituationen, Politik, Farben an einer Litfaßsäule in Berlin.

Wo siehst du dich und deine Kunst in der Zukunft?
Jeder Künstler, jede Künstlerin würde erstmal sagen irgendwo draußen in der Welt, in Galerien, unter Menschen. In erster Linie sehe ich meine Kunst in meinem Atelier in meinem Raum, wo sie entsteht und wo sie wachsen kann. Ich find es aber auch wahnsinnig schön, Leute kennenzulernen, die mit meiner Kunst interagieren und sich auseinandersetzen, selbst inspiriert sind von meiner Kunst. Mitunter sogar sagen, sie gibt mir Hoffnung oder eröffnet mir neue Türen, also diese Kraft, die Kunst hat, Leuten zu helfen und Dinge neu zu interpretieren.

Und natürlich freue ich mich auch auf Ausstellungen und auf alles, was so kommt. In erster Linie, aber dass ich Menschen damit erreiche, berühre oder auch einfach einen kleinen Anstoß geben kann mit manchen Themen, das ist so das, worauf ich mich freue mit meiner Kunst.


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