In meiner Küche hängt eine postkartengroße Fotografie. Darauf ist ein junger Mann im hellblauen Trikot. Die Nummer 14. Er hält ein Megafon in der Hand. Das Bild ist drei Jahre alt, der Mann darauf ist immer noch jung und heißt Sebastian Bönig. Statt des Trikots trägt er heute ein akkurat gebügeltes Hemd, Pullover und Jeans. „Ich bin ganz entspannt und locker, ich bin ja kein Fußballer mehr“, behauptet er.

Sebastian Bönig hat die Seiten gewechselt. Bis 2009 spielte er bei den Profis, inzwischen arbeitet er in der Geschäftsstelle des 1. FC Union Berlin und trainiert außerdem den Nachwuchs. Vor allem aber ist er Fan geworden. Seine Karriere als Spieler hat er mit 27 Jahren von sich aus beendet. „Ich wollte nicht mehr woanders Fußball spielen.“ Dass er sich dafür besonders feiern lassen muss, findet er nicht. „Für mich hat sich die Frage einfach nicht mehr gestellt.“ Vom Fußballstar zum Normalsterblichen. Vom Rasen an den Schreibtisch. Wie verkraftet man das?„Ich hab’ jeden Tag Fußball gespielt, seit ich laufen kann. Das war eine brutale Umstellung.“ Den im Umgang mit Medien geschulten Profi merkt man ihm dennoch an. Er ist vorsichtig mit seinen Antworten, diplomatisch. Manche Fragen hat er vielleicht ein paar Mal zu oft gehört. „Es fällt nicht schwer, das wäre der falsche Ausdruck. Aber es ist eine Umstellung. Man ist dann nicht mehr der Fußballer, der im Rampenlicht steht. Man ist dann im Alltag angekommen und muss sich durchsetzen. Da interessiert das nicht, ob man Mal im Stadion ein Tor geschossen oder einen Zweikampf gewonnen hat. Das muss man wissen.“

Sebastians Arbeitsalltag nach der Profikarriere begann holprig. Die Ballsporthalle in Erding wurde nicht der erhoffte Erfolg, er musste sich nach etwas anderem umsehen. „Dirk Zingler und Oskar Kosche haben mir die Möglichkeit gegeben, wieder Fuß zu fassen.“ Dafür ist er dankbar. „Ich hoffe, dass ich die Leute nicht enttäusche.“ Ehrgeizig und fleißig ist er geblieben. „Ich muss nachweisen, gut zu sein. Mich würde keiner einstellen, wenn ich ´ne Vollflachzange wär´.“

Er organisiert Veranstaltungen und ist für „Union in Fahrt“ mit dem Trainingsmobil unterwegs. „Da werden keine Präsente verteilt, sondern Anregungen fürs Training gegeben.“ Eine Aufgabe, die ihm sichtlich gefällt. „Und wenn wir dann noch einen kleinen Messi da rumspringen sehen – oder besser gesagt, einen kleinen Mattuschka …“ Da muss er selber lachen.

Er sagt Torsten und nicht Tusche, wenn er von Mattuschka spricht. „Die Jungs ändern sich ja vom Charakter her nicht, und ich auch nicht. Von daher ist es so wie früher. Wie sehen uns, wir flachsen miteinander, wir lachen.“ Sebastian Bönig ist nicht mehr Teil dieser Mannschaft, aber sehr wohl Fan. Und so hört man auch eher Stolz denn Bedauern, als er sagt: „Wir haben vor sechs Jahren noch in Torgelow gespielt, oder in Neustrelitz. Es ist unfassbar, wo die Jungs jetzt stehen.“ Eine magische Zeit war das. „Wir haben uns irgendwann unschlagbar gefühlt.“

Wie sehr er vom Unionspieler zum Unionfan geworden ist, wird deutlich, wenn man ihn auf das Thema Fankultur anspricht. Sebastian ist Mitglied des Wuhlesyndikats, einer Union-Ultra-Gruppe. „Da bin ich sehr stolz drauf und würde mich gerne mehr engagieren.“ Nicht viele Spieler werden bei Union mit einer eigenen Pyro-Show verabschiedet. „Ich werde einfach stinksauer, wenn es heißt: ‚Zu euch geh’ ich nicht, zu gefährlich, scheiß Stehplätze.’ Das sind die, die ich dann sofort mit ins Stadion nehme.“ Das ist seine Art, Leute von Union zu überzeugen.

Sebastians Lieblingsplatz in der Alten Försterei ist trotzdem nicht auf den Rängen. „Da gibt’s doch nur einen – auf dem Feld.“ Das ist der einzige Moment, in dem ein Hauch Wehmut zu spüren ist.


Stefanie Fiebrig

Ein Beitrag von Stefanie Fiebrig

schreibt, fotografiert und designt. Von Zeit zu Zeit hat sie eine Idee. Angeblich war auch schon mal was Gutes dabei! Zitat: „Ich geh jetzt in mein Stadion.“