bellevue

Gar keine schöne Aussicht

Nahe der Stadt Rimini hat er es vollbracht, sein berühmtestes Wunder: der heilige Antonius, dem die gottvergessenen Stadtbewohner nicht zuhören wollten, kehrte ihnen den Rücken und sich dem Ufer des Meeres zu und predigte die seine Lehren nach Christi an die Fische. Die sollen ihm andächtig zugehört haben wie dem heiligen Franz von Assisi die Vögel. Diesem und anderer seiner Wunder eingedenk, wurde St. Antonius zum Patron der Bäcker und der Schweinehirte, der Mütter und der „Sozialarbeiter“– und der verlorenen Sachen. Mit Lilie, Heiliger Schrift und lauschigen Fischen bewehrt, soll er helfen gegen Unfruchtbarkeit und bei Fieber, wider Schiffbruch und Kriegsnöte und auch Viehkrankheiten soll er auskurieren.

Auch am Ufer des Müggelsees war der heilige Antonius zu Hause. Über ein halbes Jahrhundert lang wirkten unter seinem Schutz die Schwestern und Ärzte im St.-Antonius-Krankenhaus. Die waren 1945 eingezogen, wo bis dahin mit schöner Aussicht auf Müggelberge und See die Parvenü und die wirklich Reichen, Vorstadtschönen und die Sommerfrischler verlustierten: im Hotel und Bad Bellevue. Das hatte auf dem Grundstück der heutigen Josef-Nawrockistraße 34 Tradition seit 1873. Nahe der alten Poststraße nach Erkner, wo seit 1753 eine Bockwindmühle am See stand, kaufte der Schiffer Louis Sucrow das Grundstück am damaligen Mühlenweg, wechselte den Beruf, ließ ein Wirtshaus errichten und machte in Versorgung und Unterhaltung. Eine Kegelbahn und ein Eiskeller entstanden und bis zum Ende des Jahrhunderts wurde aus dem „Hotel Fischer“ das „Restaurant und Hotel Bad Bellevue“ in Friedrichshagen.

Die Eigentümer wechselten, aber das Bellevue wurde zu einer der ersten unter den wahrlich vielen guten Adressen am Müggelsee, zu einem der „hervorragendsten Sommerlokale“, zum „Nobeletablissement“ von Rang, „nicht nur im anmutigen Friedrichshagen, sondern auch aller Ortschaften in der Umgebung Berlins“, wie die damalige Presse befand. Das Hotel Bellevue war modern, war chic. Das Saalgebäude wurde erweitert, es gab größere und kleinere Casinomensen, die 800 Gäste zu Tisch baten. Ein Terrassengarten bot Schatten und schönen Ausblick, eine Badeanstalt lud in die Fluten des damals noch haifreien Müggelsee und Dampfer luden Ladungen amüsierfreudiger Berliner am Gestade vor Bad Bellevue im Jahr zu Tausenden ab.
Glücklich war, wer eines der 30 mondänen Hotelzimmer mit Zentralheizung, Brause- und Wannenbad und Blick auf Berg und See ergattern konnte. So bedeutend der Ort, konnte die Ortsverwaltung nicht anders, benannte die anliegende Straße um in Bellevuestraße. Das war 1895. Mit der Familie Schmidt zog es 1897 die erste Garde der Berliner Hoteliers nach Friedrichshagen. Als Sohn des Inhabers der Restaurants in den Berliner Zentralhotels war Carl Schmidt prädestiniert, dem Bellevue einen weltstädtischen Glanz zu verleihen. Elegant war das Interieur in Haus und Garten und berühmt wurden die Feste der ortsansässigen Vereine. Die „Friedrichshagener Liedertafel“ frönte hier Wein und Gesang und der „Gustav- Adolf-Frauenverein“ parlierte mit schöner Aussicht. Und im großen Saal, über die legendäre Rosendiele, Glastanzfläche, von unten beleuchtet, diffuses Halbdunkel, schwebten die Ballkleider der Damen, vor den Panoramafenstern Wasserfeuerwerk mit „illuminierten lebenden Bildern auf dem See“. Und wem es dabei zu heiß wurde, der fand Kühlung beim Winterfeste, am Eisbuffet auf Bad Bellevue, im Eisschlitten bei einer Fahrt über den Müüggelsee.

Rums, aus, und Ende – spätestens als im Februar 1943 die letzten Soldaten der 6. Armee vor Stalingrad die Waffen legten und das OKW im Großdeutschen Rundfunk den Untergang „unter der vorbildlichen Führung von Paulus“ und „ungünstigen Verhältnissen erlegen“ verkündete. Da war der Blick auf den Müggelsee die einzig schöne Aussicht, die den Angehörigen der Wehrmacht blieb, die es bis hierher geschafft hatten – auf die Lazarettbahren, die nun in den Suiten und Ballsälen die Möblierung bildeten. Als das Reich samt Wehrmacht untergegangen, ward am Müggelsee einer Hotellerie à la Bad Bellevue nicht mehr bedurft. Siechenpflege und Demut, aber auch hoffnungsfrohe Fürsorge und Mütterglück zog in den einstigen Tempel des Vergnügens. Als im Mai 1945 die sowjetische Militäradministration die Gebäude des St.-Antonius-Krankenhauses in Karlshorst beschlagnahmten, mussten stante pede die pflegenden Schwestern mang 125 schwerkranker Patienten ihr Spital verlassen, nach Hirschgarten in eine aufgegebenen Restauration umsiedeln, bevor man ihnen das alte Bellevue als Heimstätte zuwies. Die Schwestern wirkten hier wider alle Unbill der Zeit und errichteten zum Trotz einer gottvergessenen Welt und unter vielen Widerständen innerhalb weniger Jahre ein barmherziges Hospital von medizinischer Güte. Bald verfügte das St.-Antonius-Krankenhaus über 200 Betten, eine Spezialabteilung der Gynäkologie und Geburtshilfe, eine Chirurgie und eine Abteilung Innerer Medizin. Dort, wo früher im großen Saal mit Bühne geschwoft und wo über die Rosendiele geschweift wurde, standen nun die 50 Krankenlager der Männerstation. In einem kleinen Saal daneben wurden Frauen gepflegt. Und im Erdgeschoss entstand ein Operationssaal. Näh- und Plättzimmer wurden eingerichtet und eine Kantine im Keller. Im ersten Stock schliefen die Schwestern und unter dem Dach wuschen sie in der Waschküche die Wäsche.

Und nun: „Einer der letzten Schandflecke am Ufer des Müggelsees soll verschwinden. In diesen Tagen beginnt der Abriss des früheren St. Antonius-Krankenhauses an der Josef-Nawrocki-Straße“, hieß es im Januar diesen Jahres in einer kurzen Mitteilung, kaum wahrgenommen hat es die lokale, weniger noch die regionale Presse. „Der Investor hat bereits eine Baugenehmigung beantragt. Das alte Krankenhausgebäude soll abgerissen werden und dort entstehen drei Häuser mit insgesamt 43 Wohnungen“, wo seit dem Jahr 2001 bereits die Tore des Hospiz für immer geschlossen wurden, die Schwestern des Hl. Antonius ausgezogen waren. Seit einigen Tagen nun ist er wieder frei, der Blick auf den Müggelsee – und „der letzte Schandfleck“ beseitigt. Steht man am südöstlichen Eckgrundstück der Josef-Nawroki-Straße und schaut gen See, tuckern Bagger durchs Bild und Kipper räumen die Reste von Schutt und Geschichte vom Hof, türmen Sand hier und planieren Gelände für Künftiges dort. Als ich gestern Morgen daselbst stand, wollte mir scheinen, als verstelle solch ein ungehemmter Blick an manchem Ort doch die Sicht auf etwas ganz Wesentliches, auf etwas, das hinter uns liegt und doch dazugehört. Oder, wie es der Schutzheilige verlorener Sachen gesagt haben soll: Wenn Du es eilig hast, setze Dich.

Bildquelle: Antiquariat Brandel


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“