Paul Ogorzow – Der Berliner S-Bahnmörder

„Ich glaube mich nicht zu täuschen, daß die Karlshorster Umgebung seit Jahren eine Art Zentrum einer ganzen Reihe von Sittlichkeitsverbrechen recht übler Art ist“, konstatierte der Kriminalrat. Er und seine Kollegen hatten gerade eine Menge Ärger am Hals. Selbst im Reichskriminalhauptamt am Werderschen Markt würde man den nächsten Monaten ins Rotieren kommen wie selten zu vor. Für die Kriminaler begann das Dilemma im Spätsommer des Jahres 1940. Es war Krieg. Tausende Männer standen bereits im Felde und in der Reichshauptstadt war, wie im ganzen Land, seit dem 3. Mai 1940 die totale Verdunkelung von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang angeordnet worden.

In den Laubenkolonien Gut Land I und Gut Land II in Friedrichsfelde, zwischen den Bahnhöfen Wuhlheide und Rummelsburg gelegen, ging aber ein an-derer Schrecken bereits um. Hier waren in den letzten Jahren 32 Sittlichkeitsdelikte angezeigt worden. Begonnen hatte es, als alleine durch die Dunkelheit des Abends gehende Frauen plötzlich mit einer Taschenlampe erschreckt wurden. Der das tat, war aber alles andere als ein Witzbold. Denn hier probte jemand die Methode. Aus dem Anleuchten wurden Handgreiflichkeiten – bald schon versuchte und dann tatsächlich verübte Notzucht. Die Frauen waren gewürgt und mit einem schweren, stumpfen Gegenstand geschla-gen worden. Was sie angaben: Der Täter habe eine Eisenbahneruniform getragen.

Am 4. Oktober 1940 wird in der Laubenkolonie Gut Land II die 20-jährige Gertrud Ditter ermordet – ihre beiden Kinder schlafen im Nebenraum. Und die Angst geht um in Gut Land. Der Täter genießt es – sucht sein nächstes Opfer. Als dieses ihm an einem der nächsten Abende über den Weg läuft, bemerkt der Bösewicht nicht die Begleitung der jungen Frau, die um einige Meter hinter ihr geht. Als die Frau angegriffen wird, um Hilfe ruft, eilen die beiden Männer herbei und verprügeln den Strolch nach Strich und Faden. Doch kann er ihnen entwischen.

Und damit beginnt das eigentliche Drama. Denn der beschließt nun, die Frauen, auf die er es abgesehen hat, gründlich an Gegenwehr zu hindern und erst dann „zu gebrauchen“.

Am 20.9.1940 wird gegen 23.35 Uhr zwischen den Bahnhöfen Wuhlheide und Karlshorst eine Frau aus dem fahrenden Zug gestoßen. Die überlebt wie durch ein Wunder, berichtet der Polizei vom Täter, welcher eine Eisenbahneruniform getragen haben soll. Anfang Oktober ein neuer Fall. Vernehmungsunfähig liegt eine Frau im Krankenhaus, deren Kopfverletzungen nicht allein vom Sturz aus dem Zug herrührten. Das Tatmotiv blieb un-klar. Beide Frauen waren nicht beraubt worden und auch ein Sittlichkeitsverbrechen war offensichtlich nicht erkennbar. Dann, es ist der 4. November, ereilt eine junge Angestellte das gleiche Schicksal zwischen den Bahnhöfen Hirschgarten und Köpenick. Auch sie fuhr spät am Abend und ohne Begleitung in einem Abteil II. Klasse der Berliner S-Bahn, als sie angefallen, mit einem großen harten Gegenstand gegen den Kopf geschlagen wurde – und sich im Gleisbett der Bahn wieder fand. Aber sie lebte.
Als Waffe können die Kriminalisten ein Stück schweres Bleikabel ausmachen, fünfzig Zentimeter lang und dick wie eine grüne Gurke. Die Polizei hat es in einem Waggon zwischen Sitzpolster und Rückenlehne in einem Zweite-Klasse-Abteil gefunden. Und man weiß: Solche Telefonkabel waren im Mai 1939 entlang der S-Bahn-Strecke vom Ostkreuz nach Wuhlheide verlegt worden.

Dann kommt der 3. Dezember 1940. Unter dem Aktenzeichen 4 P Js 3001/40 findet sich der Eintrag: „… gegen 24 Uhr, wurde die 26jährige Krankenschwester Elfriede Franke zwischen den Bahngleisen bei der Station Karlshorst mit schweren Schädelverletzungen tot aufgefunden. Nähere Tatumstände konnten nicht ermittelt werden“. Die Mordkommission arbeitet an diesem Morgen mit Hochdruck. Denn immer offensichtlicher wird, dass es zwischen den Überfällen im Bereich der S-Bahnlinie Rummelsburg–Erkner und den Übergriffen in der Laubenkolonie am Betriebswerk Rummelsburg einen Zusammenhang geben könnte. Auch im Ministerium des Minister Goebbels ist man auf die Sache aufmerksam geworden, hat ein striktes Verbot, die Presse in die Ermittlungen einzuschalten, erteilt.

Und dann das: Eine zweite Tote wird noch in der gleichen Nacht gefunden. Passanten finden die neunzehn Jahre alte Irmgard Freese in den Morgenstunden des 4. Dezember 1940 in einer Seitenstraße am S-Bahnhof Rummelsburg. Sie hatte gelebt, war aber im Krankenhaus Köpenick kurz nach der Einlieferung verstorben. Der Gerichtsmediziner stellte auch bei ihr „Schläge mit einem stumpfen, nicht kantigen Gegenstand“ fest – und die Kriminalisten, dass sie es nun mit einem zu allem bereiten Serientäter zu tun hatten.

Das zweite Kriegsweihnachten nahte und unter den Beamten ging die Angst vor dem „Weihnachtsmord“ um. Doch hatten sie auch die Bahn-höfe zwischen Rummelsburg und Erkner nun auch unter ständiger Beobachtung, fuhren in zivil abends und nächtens in den Bahnen der Linie auf und ab: Verhindern konnten sie nicht, dass am 22. Dezember Eisenbahnbeamte zwischen den Stromschienen der S-Bahnstrecke von Friedrichshagen nach Rahnsdorf die Leiche einer Frau fand. Die Umstände ließen keinen Zweifel: Der S-Bahnmörder hatte wieder zugeschlagen.

Die Kriminalisten versuchten nun, dem Täter Fallen zu stellen. Beamtinnen fuhren als „Lockvögel“. Die örtlichen NSDAP-Gruppen organisierten einen „Begleitservice“ für „alleinreisende“ (sic!) Frauen zwischen Rummelsburg und Erkner. Es nützte nichts: Der Täter blieb im Rhythmus, mordete am 29.12.1940 und am 5.1.1941 wieder Frauen, deren Leichen am Bahndamm gefunden wurden. Am späten Abend des 11. Februar 1941 sprach die verheiratete Johanna Voigt am Bahnhof Rummelsburg den SA-Oberscharführer und Parteigenossen Paul Ogorzow an, ob er sie begleite zum S-Bahnhof nach Karlshorst. Sie fürchtete sich vor dem Mörder. – – Die Leiche der 39-Jährigen wurde Tags darauf mit eingeschlagenem Schädel neben dem Bahndamm gefunden.

Die Bahnhöfe glichen nun Festungen. Polizei-streifen patrouillierten, Personenkontrollen wurden vorgenommen, mehr als 5000 Arbeiter von Reichsbahn und aus dem Betriebswerks Rummelsburg überprüft, Kriminalbeamte waren in Eisenbahneruniformen unterwegs. Und tatsächlich brach die Serie scheinbar ab. Allein den Täter hatten sie noch nicht.

Da ersannen Kriminalisten eine weitere List und ließen das Gerücht streuen, alle Maßnahmen zur Täterergreifung seien fruchtlos und würden daher jetzt eingestellt. Was den Kriminalern nun half, wurde Frida Korziol zum Verhängnis. Denn tatsächlich schlug der Mörder beinahe umgehend wieder zu und mordete die 35-Jährige in der Nacht des 3. Juli 1941 in der Laubenkolonie Gut Land I.

Noch einmal wurden die Nachtschichtlisten aller Mitarbeiter des Betriebswerks überprüft. Einen vagen Hinweis gab ein Bahnarbeiter des Reinigungsdienstes, der beobachtet hatte, wie ein Weichensteller während seines Dienstes des Öfteren seinen Arbeitsplatz im Stellwerk verlassen  habe und über den Zaun des Bahndamms davongeklettert sei. Der Name des Mannes: Paul Ogorzow.

Ogorzow war 1912 als uneheliches Kind einer Landarbeiterin in Ostpreußen zur Welt gekommen. Sein Großvater, ein Hirte, meldet ihn mit dem Namen Paul Saga auf dem Standesamt an, wobei er auf dem amtlichen Schreiben drei Kreuze zur Unterschrift hinterließ. Später adoptierte den Paul der Gutsarbeiter Ogorzow. Die Ogorzows zogen in das Dorf Wachow in die Nähe von Nauen, wo Paul ein Landarbeiter wurde, auch im Stahlwerk Brandenburg am Hochofen arbeitete, bevor er 1934 von der Reichsbahn als Gleisbauarbeiter eingestellt wurde. Da war er bereits Parteigenosse und seit 1931 SA-Mann, brachte es als Braunhemd in den Rang eines Oberscharführers.

Bis Paul Ogorzow heiratete, lebte er möbliert in der Karlshorster Dönhoffstraße 37. Mit seiner Frau und zwei Kindern zog man weiter in die Dorotheastraße 24. Die Nachbarn gaben in den Vernehmungen an, den Ogorzow oft im Vorgarten am Gemüse gärtnern gesehen zu haben und hinter dem Haus die Kirschen pflücken. Und als der Fleischermeister Schumann das Fahndungsplakat des S-Bahnmörders ans Schaufenster gehängt hat und dazu meinte: „Der wohnt vielleicht nebenan“, lachte der Ogorzow gar mit und meinte: „Da könnten Sie recht haben.“ Ein netter Nachbar von nebenan.

Bevor das Fallbeil am 24. Juli 1941 in Plötzensee den „Volksschädling“ um einen Kopf kürzer machte, tat der noch kund, was ihn getrieben: „Ich habe vor einigen Jahren einen Tripper gehabt und ging damit zu einem jüdischen Arzt. Der Jude, der wuste, daß ich Parteigenosse war, hat aus Haß gegen die Nationalsozialisten meine Krankheit so behandelt, daß Folgen davon zurückgeblieben sind, die meinen Geisteszustand beeinflußt haben. Ich bitte, das bei der Strafzumessung zu berücksichtigen. Vor allem, daß ich für meine Taten deshalb nicht verantwortlich bin. Außerdem bitte ich zu berücksichtigen, daß ich Parteigenosse bin.“

 

 

 


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“