Von einem Gespräch mit Janusz de Woyciechowski

Ein hagerer älterer Herr mit fast schulterlangem grauen Haar sitzt im Dunkel. Fast nackt. Von Kopf bis Fuß mit weißer Farbe überdeckt. An die Wand projiziert ein Film mit einer klassischen Tanzsequenz, zeigt ihn, vor Jahrzehnten, drahtig, durchtrainiert, als erfolgreichsten Solotänzer seines Heimatlandes Polen. Die Tanzperformance des 67-Jährigen heißt „Nostalgia“ und ist ein leidenschaftlich melancholisches Spiel mit dem Abbild seines Lebens – Ich sitze mit Janusz im Kranhauscafe in Oberschöneweide. Ganz in der Nähe lebt er jetzt. Es ist ein Stück persönliche Geschichte. Ich kenne Janusz seit über zwei Jahren. Das Gespräch mit ihm ist mehr als ein Interview. Und dieses Gespräch wird den Rahmen eines Artikels sprengen. Das ahnte ich. Nun weiß ich es.

„Nostalgie ist eine Konfrontation mit mir selbst“, sagt er mir. „Es ist ein geistiges Zwiegespräch.“ Im Alter von 14 Jahren im Jahr 1956 verließ er sein Elternhaus in Katowice um Tänzer, Musiker, Schauspieler zu werden. „Wenn ich zu Hause geblieben wäre, wäre ich kein Künstler geworden. Wahrscheinlich wäre ich erdrückt worden. Ich bin weg. Gott sei Dank!“ Janusz erzählt, wie ihn sein Vater angehalten hatte, möglichst bald Geld zu verdienen, als Handwerker oder ähnliches. Ein oft erzähltes Künstlertrauma.

„Ich war ein kleines Kind, 12 oder 13 Jahre alt. Da bin ich immer zum Bauernhof meiner Großeltern in die Ferien gekommen. Da habe ich mich hingelegt ins Gras. Bäume um mich. Und ich habe Wolken beobachtet. Ich habe geweint. Ich habe Musik gehört. Und als ich zu meinen Eltern gekommen bin und zu meinen Geschwistern, habe ich erzählt, dass ich so was erlebt habe. Die haben mich einfach für verrückt erklärt. In meiner Familie war kein künstlerischer Geist. Und dann habe ich gesagt: Ich liebe Euch alle, aber ich muss weg.“

Staatliche Ballettschule in Gdansk. Studium. Klassischer Tanz und Musik. Diplom mit Auszeichnung. Aufbaustudium in Leningrad. Ein Ausnahmetänzer, der sich nicht mehr durch die Hierarchie des klassischen Balletts tanzen musste. Erster Solotänzer auf großer Ballettbühne. Ein Status, den er bis zum Ende seiner Karriere als Berufstänzer nicht mehr verlor. „Ich hatte das Glück, Leute um mich zu haben, die in mir das Potential gesehen haben. Dann kam eine Rolle nach der anderen. Ein Film nach dem anderen. Es war eine Kettenreaktion. Ich habe viel Glück gehabt.“

Eine glatte Karriere. Aber keine kantenlose Persönlichkeit. Ein Mann, ein Künstler mit seinen Schwächen neben der exzellenten Karriere. Wir rauchen, trinken Kaffee.

„Ich habe gelebt“, fasst er mit einem verschmitzten Lächeln und einem listigen Blick aus seinen lebendigen Augen zusammen, als wir darauf kommen, dass er wegen einer Liebesgeschichte einmal von einer Schule flog. Aber er breitet solche Geschichten nicht aus. Meistens geht es ihm um Kunst. Er gehörte zu den polnischen Pionieren des Tanztheaters, erklärt er mir nüchtern. Arbeit in Westeuropa gehörte dazu und künstlerische Entfaltung in seinem Sinne.

„Ich habe die Möglichkeit gehabt, im Kommunismus gut zu leben. Man durfte nicht viel, wegen der Zensur. Uns war das egal. Weil wir kein politisches Theater gemacht haben. Es ging mehr um ästhetische Dinge.“

Er spricht von Ästhetik. Und ich erinnere mich an ein preisgekröntes Tanzfilmdokument aus der Karriere des Janusz de Woyciechowski. Wann spricht man unbefangen von einem „schönen“ Mann? Janusz war es. Als er wie ein Traumbild in der Sahara tanzte. Als wäre er tatsächlich eine Sagenfigur. Und ich schaue um so genauer auf den nun 67-Jährigen Mann und auf die Zeit.

„Wenn du in der Ballettschule bist, bist du auch eitel. Im Spiegel lernst du Schönheit mit dem Körper darzustellen. Perfektion. Das ist Ballett. Das ist Tanz. Das heißt, du wirst erzogen zum eitlen Menschen. Ich kann nicht sagen, ich bin nicht eitel. Von der Eitelkeit habe ich mich befreit, als ich aufgehört habe zu tanzen. Aber ich bin froh darüber, dass es so gekommen ist.“

Seine weiteren Lebensstationen rücken in den Hintergrund des Gesprächs. Choreograf, Regisseur, der Weg nach Deutschland. Wir sprechen über das Künstlersein, Melancholie und über das Alleinsein bei allem, was das Leben hergegeben hat bis ins fortschreitende Alter.

„Viele Menschen haben Angst vor dem Alleinsein, vor Melancholie. Kreative Menschen oder Künstler haben davor keine Angst. Sie brauchen kein Mitleid. Ich weiß, wenn ich jetzt älter werde, kommen Beschwerden. Die können psychisch sein. Die können physisch sein. Ich möchte mein Leben und die Zeit, die mir bleibt, genießen mit meiner Nostalgie und meiner Melancholie. Und ich möchte glauben, dass noch etwas kommt, was mich überrascht.“

Wenige Tage nach unserem Gespräch bin ich in Polen, fahre auf Gdansk zu. Ein Zufall. Ich denke an Janusz und an unser Gespräch und unsere gemeinsame Geschichte.

„Ich glaube, dass Du daraus eine wahre Geschichte machst“, sagte er am Ende. Eine wahre Geschichte von Janusz de Woyciechowski. Wie wahr ist eine Geschichte, wenn sie nur einen Bruchteil der Wahrheit und einer Geschichte wiedergeben kann? Ich habe es versucht. Ein Fragment. Und zumindest weiß nun mancher, dass Janusz unweit von uns lebt. Und vielleicht sieht man ihn irgendwo auf einem Klavier spielen.

Oder allein, lächelnd, zufrieden mit sich und seiner Nostalgie.