Am Saume des Berliner Blätterwaldes

Die große Geschichte einer kleinen Lokalzeitung
Erstveröffentlichung am 10.12.2021
Wenn Berlin im 19. Jahrhundert die Hauptstadt der deutschen Medien war, war das Berliner Zeitungsviertel ihr Hirn, Herz und Niere in einem. Das heute halbvergessene Viertel zwischen Jerusalemer-, Koch-, Zimmer und Schützenstraße beheimatete alle führenden Verlage: Scherl regierte aus der Zimmerstraße, Mosse hatte sich auf der Ecke Zimmer-/Jerusalemer-/ Schützenstraße niedergelassen und Ullsteins Imperium nahm mehrere Grundstücke von Koch- bis Besselstraße sowie von Charlotten- bis Markgrafenstraße ein. Und das waren nur die größten Namen.

 

Aber noch bevor diese den Berliner Blätterwald betraten und erweiterten, hatte Tucholskys „Durchschnittsleser“ reichlich Zeitungslesestoff zur Auswahl. Schon 1867 verzeichnet der „Deutsche Zeitungskatalog“ nicht weniger als 31 auf dem Berliner Markt erhältliche Titel – unter ihnen beispielsweise die wöchentlich erscheinende Berliner Montags-Zeitung mit ihrem Chefredakteur Adolf Glaßbrenner.

Mit einer Auflage von 36.000 eine der meistgelesenen war Dunckers linksliberale Volkszeitung: Organ für Jedermann aus dem Volke. Platz 2 belegte die dreimal pro Woche erscheinende Berliner Gerichtszeitung mit 20.000 Exemplaren, gefolgt von der berüchtigten Tante Voss (Vossische Zeitung) mit einer Auflage von 15.000 Stück und der Staatsbürger-Zeitung, von der sechsmal pro Woche 12.000 Exemplare die Druckerei verließen.

Das Zeitungsgeschäft florierte in der preußischen Hauptstadt, deren Einwohnerzahl bereits die 700.000 überschritt. Und es ging zügig weiter. Die öffentlichen Annoncen (vergleichbar mit den digitalen Staatsnachrichten von heute), welche von den Zeitungen verpflichtend kostenlos gedruckt werden mussten – waren nur ein Grund für ihre Popularität.

Das Publikum verlangte Berichte und genoss gleichzeitig die aufblühende Werbung und Anzeigen, welche ein „Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen“:

„In ihnen klopft der Puls des täglichen Lebens der Gemeinschaft. Anzeigen sind für Zeitungen nicht nur eine unerlässliche Einkommensquelle, sondern verbürgen auch den festen Zusammenhalt einer treuen, stetig wachsenden Leserschaft,“

schrieb Peter de Mendelssohn in „Zeitungsstadt Berlin“. Nicht nur Berlin machte diese Entdeckung. Auch die Environs, Städte und Gemeinden wie Charlottenburg, Spandau (bis 1878 noch „Spandow“ geschrieben), Schöneberg oder Cöpenick erkannten die Bedeutung und die Tragweite des Mediums. Sie folgten dem Trend und brachten eigene „Blätter“, „Anzeiger“ und „Kuriere“ heraus – Cöpenick ganz vorn mit dabei.

Von der Cöpenicker Altstadt kommend ist das Haus mit der Anschrift Freiheit 17 (früher 83) das letzte Gebäude rechts vor der Dammbrücke. Nicht weit von hier gingen Dampfboote und Kähne vor Anker, welche Menschen, Waren und neueste Nachrichten aus der großen Stadt mitbrachten. Die Passagiere und Mannschaften wirkten wie Boten aus der weiten Welt.

1867/68 (manche Quellen nennen auch das Jahr 1865) inspirierte diese Tradition Otto Brandt, Buchhändler und mit einem Fräulein Emilie Fliege aus Cöpenick verheirateter Berliner, seine eigene Zeitung zu gründen, um Nachrichten – so hoffte er - mit kleinem Profit verbreiten zu können. Titel der Zeitung: Cöpenicker Dampfboot.

Die Zeitung erschien anfänglich zweimal wöchentlich – immer dienstags und freitags. Ihr modernes, elegantes Layout konnte mühelos mit der damals besonders populären Kreuzzeitung (oder Neue Preußische Zeitung wie der Titel eigentlich lautete) mithalten. Wie fast alle Zeitungen damals hatte das Cöpenicker Dampfboot eine klare Meinungstendenz, die in diesem Fall national-konservativ war. Zu beziehen war das Blatt im Abonnement zu 11 Silbergroschen pro Quartal.

Gut möglich, dass Otto Brand wie viele seiner Zeitgenossen zu den großen Bewunderern seines Namensvetters Graf von Bismarck zählte, der mit seiner Politik der kurzen Leine und der unerbittlichen Verfolgung seiner Ziele viele Geschäftsleute tief beeindruckte. Ob die Cöpenicker Zeitung für Bismarck allerdings prominent genug war, um von dessen zwielichtigen „Reptilienfond“ zu profitieren (einer hauptsächlich mit dem Vermögen des 1866 unterlegenen welfischen Königshauses bestückten „schwarzen Kasse“, die zum Kauf „positiven Feedbacks“ der Presse für Bismarcks politische Unternehmen genutzt wurde), bleibt Spekulation.

 

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Sicher ist indes, dass sich Otto Brandts Zeitung, die auch als „Anzeiger für Adlershof, Alt-Glienicke, Ober- & Nieder-Schöneweide und Cöpenick“ fungierte, nicht wesentlich von den anderen guten Publikationen der Zeit unterschied: Sie enthielt Staatsberichte, das Neueste aus Berlin und selbstverständlich Nachrichten aus Cöpenick (bis zum 1. Januar 1931 offiziell mit „C“ geschrieben) sowie aus der Nachbarschaft Cöpenicks im Berliner Südosten.

Die obligatorischen Anzeigen durften natürlich nicht fehlen: Annoncen für Gastwirtschaften an Spree und Dahme, endlos viele Suchanzeigen nach Kindermädchen und Bediensteten, Reklame für fragwürdige Heilmittel, Revolver und Gichtwasser. Markenzeichen der Zeitung war die Gestaltung der Titelseite: das kleine Logo, ein schwarzes Dampfboot, das ruhig und unermüdlich durch die Spalten des Zeitung-Titels fuhr.

Wir wissen nicht, wie gut sich die Zeitung damals verkaufte (dafür fehlen uns die Quellen), aber der Verkauf dürfte nicht schlecht gelaufen sein. Immerhin überlebte sie den plötzlichen Tod von Otto Brandt (er starb mit knapp 37 Jahren am 19. August 1877), worauf sie laut Unterlagen von seiner Frau Emilie an ihren Nachbarn, den Druckereibesitzer Hermann Jenne, weiterverkauft wurde. Emilie Brandt führte die Buchhandlung weiter.

In den 1880er- und -90er Jahren wuchs die Auflage auf stolze 2.000. Die Zeitung berichtete von allen wichtigen Ereignissen der Zeit: vom Drei- Kaiser-Jahr, von den zahllosen Einweihungen neuer Kirchen und Bauten und vom Ereignis des Jahres 1896: der Berliner Gewerbe-Ausstellung im Treptower Park. Das Cöpenicker Dampfboot (jetzt sechs Mal pro Woche erscheinend) berichtete täglich vom Ausstellungsgelände und bot allen Menschen, die sich keine Eintrittskarte leisten konnten, einen kurzen Einblick ins Geschehen.

Nebenbei lieferte die Zeitung selbstverständlich auch die lokalen Nachrichten, die für die Leserschaft im Süd-Osten oft wichtiger waren als die neusten Berichte über die Aufenthalte des Kaisers. So war in der Zeitung beispielsweise zu erfahren, dass im April 1893 neben dem Kreis-Krankenhaus in Britz durch Zufall ein prähistorischer Fund gemacht wurde: Bauarbeiten brachten ein altheidnisches Urnenfeld zutage.

„Der Durchschnittsleser erlebt die Welt so, wie sie ihm seine Zeitung vermittels großer und kleiner Schriftgrade ordnet.“

Kurt Tucholsky

Auch dass der Arbeiter Nagel aus Friedrichshagen von den Gendarmen Peters und Wegner als Holzdieb gefasst wurde und für eineinhalb Jahre ins Zuchthaus musste, war hier zu lesen. Dreißig Jahre später, im Oktober 1917 und damit mitten im Horror des Ersten Weltkrieges, hielt das Cöpenicker Dampfboot seine Leser mit Berichten über eine erfreuliche und unerwartete Entdeckung in der Kaiserliche Kunstsammlung im Berliner Schloss bei Laune: ein vergessener Rembrandt war dort aufgetaucht.

Eine Seite weiter waren immer mehr Namen von Gefallenen zu lesen. Jeden Tag berichtete die „Ehrentafel“ unter „Lokales und Provinzielles“ von Vätern, Brüdern und Söhnen aus Friedrichshagen, Wernsdorf oder Oberschöneweide, die „auf dem Felde der Ehre geblieben sind“ oder „im Kampf um Kaiser und Reich“ „verwundet oder vermisst“ wurden. Ein paar Seiten weiter das alte Lied: der Kaiser weilte im Generalhauptquartier in Bad Kreuznach, wo er und seine unermüdlichen Generäle wie stets alles unter Kontrolle hatten…

Ob das „Cöpenicker Dampfboot“ im November 1894 auch vom Tod der 22-jährigen Elisabeth Charlotte Brandt, Tochter des Zeitungs-Vaters Otto Brandt, berichtete, können wir nicht feststellen. Allerdings bringt eine schnelle Recherche von Standesamtsurkunden einen interessanten Zufall ans Licht: Elisabeth Brandt starb am 26. November.

Nur vier Tage später heiratete Hermann Jenne, der 40-jährige Nachbar und Nachfolger ihres Vaters, der neue Mann am Steuer des „Cöpenicker Dampfbootes“. Gab es damals Gerüchte? Handelte es sich um ein Liebesdrama? Doch selbst wenn die Antwort “ja” wäre (und wir wissen es wahrhaftig nicht), hatte das „Cöpenicker Dampfboot“ kein Interesse an einer Berichtserstattung. Es war noch die Zeit der Vor-Boulevardpresse…

Aber ob mit oder ohne „Klatsch und Tratsch“-Spalte – die Zeitung verkaufte sich gut. Am Anfang wurde per Abo verkauft - der Zeitungsstraßenverkauf etablierte sich in Berlin und in den „Environs“ erst um die vorletzte Jahrhundertwende. Die Auflage blieb auf einem gesunden Niveau, bis sie laut Sperlings Zeitschriften-Adressbuch 1902 4.400 Exemplare erreichte, um 1911 auf über 5.000 zu wachsen. Verleger Hermann Jennes verabschiedete sich im November 1911 vom Leben und damit von seiner Zeitung und seiner Frau Elise.

Fortan blieb Elise Jenne zwar Besitzerin, geleitet wurde der Verlag jedoch von Scheumann. Der neue Verleger des Cöpenicker Dampfboots war kein Unbekannter im Zeitungswesen: Von 1880 bis 1888 brachte er die Ostpreußische „Wormitter Zeitung“ heraus (heute das polnische Orneta in den Masuren).

Kurze Zeit später übernahm der nun schon dritte Namensvetter Bismarcks in der Geschichte des Cöpenicker Dampfboots das Neutomischeler Kreisblatt und befand sich mit seiner aus dem Pommerschen Kolberg stammenden Frau Renate nun nur noch 200 Kilometer von Berlin entfernt. Wie kam es dazu, dass er 1911/12 plötzlich in Cöpenick auftauchte?

1888 kaufte der aus Friedrichshagen stammende Oskar Striese die Wormitter Zeitung samt Druckerei. Nicht unwahrscheinlich, dass er in diesem Zusammenhang – möglicherweise über Strieses Erben oder einen befreundeten Verleger – Otto Scheumann vom Tod des Verlegers Jenne und von der Zeitung erfuhr, die einen neuen Verleger benötigte. Je näher man an Berlin heranrückt, desto größer die Chance, es wirklich zu schaffen. Oder tief zu sinken. Otto Scheumann wollte es riskieren.

Um 1914 wächst die Zahl der Berliner Tageszeitungen rasch an. In der Stadt gibt es bereits 30 Morgenausgaben und 10 Abendzeitungen. 50 weitere Zeitungen im Großraum Berlin – auch Vorort- oder Heimatpresse genannt – stoßen auf eine dankbare Leserschaft. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs lässt das Verlangen nach dem gedruckten Wort auch in Cöpenick weiterwachsen.

Die Zeitung Scheumanns, nun mit ihrem neuen Redakteur Friedrich Murcken, gewinnt 1.000 neue Leser und erreicht eine Auflage von 6.200. Heinrich Friedrich Murcken wird den Verleger überleben – Otto Scheumann stirbt 1921 – und sich nach einer vierjährigen Erscheinungspause für ihre Wiederauferstehung engagieren. Solche Pausen sind zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich

Hyperinflation und die Krise der frühen 1920er (überall mangelt es an Druckpapier) wirken im Berliner Blätterwald wie eine scharfe Sense.

1925 folgt dann die Wiedergeburt der Zeitung als „Das Dampfboot“. Die Tageszeitung erscheint wieder mit interessanten Beilagen: „Heitere Blätter“, „Wort und Bild“, „Unsere Heimat“ und die „Bäderbeilage“. Leider sind diese Ausgaben ebenso wie „Die Frau und ihre Welt“ oder „Mein Garten“ heute fast unmöglich zu finden.

Wie viele andere Zeitungen auch geht „Das Dampfboot“ im Jahr 1933 unter. Die Gründe sind nicht bekannt, möglicherweise sind Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern die Ursache. War die Berichterstattung über das Grauen der Köpenicker Blutwoche den Faschisten gegenüber zu kritisch? War eine andere „Sünde“ zu viel für das neue System? Oder war es einfach an der Zeit, aufzuhören? Wir wissen es nicht.

So ganz ist „Das Dampfboot“ aber nicht totzukriegen. Am 2. Januar 1934 erscheint die erste Nummer der Neuausgabe als Tageszeitung „Berliner Neueste Nachrichten“, mit der der Berliner Südosten mit aktuellen Nachrichten versorgt werden soll – alles vorab sorgfältig durch den Filter der Nationalsozialisten geführt. Bis zum 14. März 1943 erscheint das mit der aus Oberschöneweide stammenden Zeitung „Der Südosten“ vereinte Blatt unter diesem Namen.

Nur einen Tag später können sich die Köpenicker und Leser aus den anderen Bezirken des Südostens über einen neuen Titel freuen (sofern man sich zu dieser Zeit überhaupt noch über Nachrichten freut): „Dampfboot - Berliner Ostzeitung“. Trotz der sich abzeichnenden Katastrophe (es mangelt an Personal, um die Zeitung zu drucken, an Papier und Farbe. Nicht zuletzt fallen nun regelmäßig Bomben auf Berlin) erscheint die Zeitung bis August 1944. Nun erfolgt die Fusion mit der „Groß-Berliner Ost-Zeitung: Karlshorst, Lichtenberger Nachrichten“, einem Tagblatt, das bis zum 18. April 1945 existiert. Fünf Tage später stehen die sowjetische 1. Gardepanzerarmee und die 8. Gardearmee in Köpenick.

Das „Cöpenicker Dampfboot“ hat einen langen Weg beschritten: von der Zeit des Bismarck‘schen Aufbruchs bis zu dessen durch den Militarismus beschleunigten Untergang. Es versorgte Generationen von Lesern in Köpenick, Schöneweide und Friedrichshagen mit Informationen und Unterhaltung. Wo sind die vielen tausend Ausgaben der Zeitung, die in der Freiheit in der Köpenicker Altstadt gedruckt wurde, geblieben? Man findet sie in Berliner Bibliotheken, doch die Sammlung ist lückenhaft. Auch im Köpenicker Heimatmuseum findet sich nur eine bescheidene Auswahl. Gelegentlich sind einzelne Ausgaben in Antiquariaten und im Internet erhältlich.

Manchmal aber, mit etwas Glück, findet man sie da, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet: unter der Tapete im Flur, im alten Koffer von Flohmarkt oder festgeklebt am Boden eines alten Schranks. Und dort macht die Zeitung wieder das, was sie am besten kann: Sie überbringt eine Botschaft. Eine Botschaft aus einer anderen Zeit.


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