Verbrechen lohnt sich oder vom Undank und vom Nachruhm in der Welt
Eine kurze Fliegergeschichte

Verbrechen lohnt sich, möchte man annehmen, schaut man auf den Nachruhm der Welt, der jene ereilt, deren gewöhnliches Repertoire vom großen Gaunerstück bis zum Serienkiller reicht. Jack the Ripper, Bonny und Clyde, Klaus Zumwinkel kennen alle – aber wer kennt Robert Thelen?

Verbrechen macht berühmt. Auch die Köpenicker bekommen davon ein Lied gesungen, wenn es in ihren Ohren meist auch ein schönes ist. Nehmen wir also den Friedrich Wilhelm Voigt, der als Hauptmann von Köpenick als Legende und weltweit in die Geschichte eingegangen ist. Entkleiden wir diese Mär all ihres sozial-romantischen Kitsches, so sehen wir: Dieser nette Geselle war kein Freiheitsheld und Menschenfreund, wie manch einer denken mag; er war ein Erzgauner, der bereits mit 14 Jahren das erste Mal hinter Gittern saß, da seine Passion das Bestehlen von Leuten war. Diese liebenswürdige Tätigkeit setzte der Mann, so er denn dazu kam und nicht gerade im Zuchthaus weilte, zeitlebens fort. Als er am 16. Oktober 1906 im Handstreich mit seiner groben Eulenspiegelei nicht nur die Stadtkasse Köpenicks erbeutete, sondern damit gleich einmal und für alle Zeit das preußisch-deutsche Beamtentum und noch viel mehr das preußisch-deutsche Soldatentum der Lächerlichkeit anheim stellte, gebaren kluge Köpfe und Schreiberlinge aus seiner Tat einen Helden. Voigt wurde gefeiert: in den Zeitungen, auf Postkarten, und in Gedichten.

Nur was hat das mit der Fliegerei in Köpenick zu tun? Eigentlich nichts, könnte man sagen. Nur so viel, als festzustellen bleibt, dass zu selbiger Zeit Köpenick weit mehr Beifall verlangen hätte dürfen als ein Ort außergewöhnlichen Pioniergeistes. Dazu die Geschichte:

Am 11. Mai 1910 erwarb der damals 26-jährige Robert Thelen, Sohn eines Berliner Produzenten von Brauereiausrüstungen, als neunter Deutscher überhaupt den Pilotenschein des Deutschen Luftfahrer Verbandes. Das Fliegen lernte er bei Fridolin Kreidel, der als fünfter die Pilotenlizenz erworben hatte – in Johannisthal, wo mit der Eröffnung eines Flugplatzes im Jahre 1909 die Wiege des deutschen Motorfluges stand. Bereits vier Tage nach Erlangung der Lizenz nahm Thelen an einer mehrtägigen Flugschau in Johannisthal teil. Von dort stieg er als Pilot der „AD Astra Fluggesellschaft“ mit seiner Flugmaschine am 11. Juli 1910 auf, um als erster Deutscher einen �berlandflug zu absolvieren. Und dies tat er über Köpenick. Dabei führte ihn sein 25-minütiger Flug über Adlershof nach Grünau und von dort zu den Müggelbergen. Deren Gipfelkämme umrundete er wagemutig, um dann dem Lauf der Dahme folgend vorbei an Altstadt und Schloss zurückzukehren zum Fliegerhorst. Damit war er in die Annalen der Luftfahrtgeschichte bereits eingegangen, was ihm jedoch noch nicht zu wirklicher Popularität verhalf. Doch ob ihm daran überhaupt gelegen war, darf durchaus bezweifelt werden. Thelen, der an der Technischen Hochschule Charlottenburg das Ingenieursdiplom erworben hatte, wollte seiner Faszination am Fliegen einen praktischen Nutzen geben, Flugzeuge und die Fliegerei einer wirtschaftlichen Nutzung zuführen.

Im August des Jahres 1910 errang er mit seinem Wright-Doppeldecker den Löwenanteil aller Preise bei der nationalen Flugwoche auf dem Aerodrom Johannisthal. Dort bildete er nun auch selbst Piloten aus, worunter keine geringeren Schüler waren als Bessie Coleman, die erste Afroamerikanerin mit Pilotenschein und gleichzeitig die erste Frau mit dem internationalen Pilotenschein überhaupt, wie auch die in Fliegerkreisen legendäre Melli Besse, die erste deutsche Pilotin.

Robert Thelen perfektionierte derweil seine eigenen Kenntnisse um den Flugzeugbau und sein fliegerisches Können weiter und stellte bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 noch manchen Flugrekord auf, wenn er höher oder länger oder mit mehr Last im Fluggeräte als alle anderen zuvor in die Lüfte abhob.

Während des Krieges fand er seinen Platz als Testpilot für die in Friedrichshagen gebauten Albatros-Wasserflugzeuge. Danach, als Deutschlands Kaiser und das alte Europa das Weite gesucht hatten, übernahm Thelen den väterlichen Betrieb, bevor er 1926 zum Leiter der Prüfabteilung der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Johannisthal wurde. Sieben Jahre später, als braunnationale Revolutionäre das Land traktierten und zu 1000-jähriger Gloria führen wollten, unterstellte man den Flugpionier Thelen dem „Reichsluftfahrtministerium“, wo er den Rang eines Oberst bekleidete. Mitglied der NSDAP wollte er aber durchaus nicht werden, was mit dazu führte, ihn im 60sten Lebensjahr zu pensionieren.

Mit dem Ende des Krieges erfuhr Robert Thelen die von ihm, dem Experten für Flugzeugtechnik und Fliegerei, wohl ungewollte Aufmerksamkeit der neuen Herren, was ihm einen längeren Aufenthalt in Sowjetrussland bescherte. Als er 1954 in das Haus seines Vaters in Hirschgarten, Wißlerstraße 15, zurückkehrte, hatte sich nicht nur die Welt, in der er einst gelebt, sondern auch die Luftfahrt gravierend verändert. Man flog mittlerweile mit Düsenantrieb und sogar mit �berschallgeschwindigkeit, die der 22-jährige Leutnant der deutschen Luftwaffe, Lothar Sieber, am 1. März 1945 bei einem Testflug erreichte.

Robert Thelen war da bereits weit aus dem Blick der �ffentlichkeit geraten und kaum ein Bewohner der Thelenstraße wusste damals oder weiß heute, in wessen Namen seine Anschrift steht. Die Straße war bereits 1910 auf Beschluss der Adlershofer Gemeindevertretung nach dem ersten Köpenicker �berflieger benannt worden.

Das Grab des Hauptmann von Köpenick befindet sich weitab des Ortes seiner ruhmreichen Taten – in Luxemburg. Als er 1922 zu Grabe getragen wurden, soll sogar ein Trupp französischer Soldaten salutiert haben. Und vor lauter Stolz auf den ruhmreichen Toten lehnte es die Stadt Luxemburg 1999 ab, die Grabstätte nach Berlin umzubetten. Robert Thelen fand seine letzte Ruhestätte 1968 auf dem Evangelischen Friedhof Friedrichshagen. Einen Erinnerungsort oder ein Denkmal, wie derer mehrere dem Räuber Wilhelm Voigt beschieden sind, gibt es für Robert Thelen im �brigen nicht. So ist die Welt.


Marcel Piethe
Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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