Bildschirmfoto-2010-12-08-um-15.59.21Beate Uhse: Von der Fliegerei zur Knaus-Ogino-Lehre

Wer wissen mag, was Marie Helena, Lola oder Beate gemeinsam haben, frage Frau Franka Potente. Diese verkörpert in ihrer Eigenschaft als Mimin vorzüglich die unangepasste Damenwelt – ob es „Die Bourne Identität“ zu klären gilt, Lola panisch durch Berlin flitzen muss oder es demnächst die Dildokönigin und „Mutter aller Sexläden“ Beate Uhse zu würdigen gilt. Denn auf solche und ähnliche Attitüden reduziert ist landläufig der Nachruf jener Frau, die über eine wahrlich ungewöhnliche Lebensgeschichte verfügt.
Im Jahr 1919 wurde Beate als drittes Kind des Landwirts Otto Köstlin auf Gut Wargenau in Ostpreußen geboren. Bereits ihre Mutter, als Tochter eines Berliner Brauereibesitzers in vermögenden Verhältnissen aufgewachsen, hatte sich gegen die Konventionen der Zeit aufgelehnt und als eine der ersten deutschen Frauen erfolgreich ein Studium als Ärztin abgeschlossen. Während am Ende des ersten Weltkrieges vielerorts Hunger und Elend in Deutschland herrschten, ging es den Köstlins gut und Beate verbrachte eine Bilderbuchkindheit, wie man so sagt. Der Legende nach entdeckte sie dabei im Alter von neun Jahren ihre erste große Leidenschaft: die Fliegerei. Von ihrem Bruder kannte sie das Märchen vom Ikarus, war davon fasziniert, so sehr, dass sie sich mit selbst eingesammelten und an Arm und Bauch geklebten Hühnerfedern in die Lüfte schwingen wollte. Wie der Zufall es wollte, nutzten zu dieser Zeit zwei junge Piloten das Gut ihres Vaters als Startund Landeplatz ihrer Flugzeuge. Und als das Mädchen eines Tages zu einer kleinen Luftreise mit in deren Maschine durfte, beschloss Beate, selbst Fliegerin zu werden. Engagiert wie einst ihre Mutter, begann sie ihren Traum zu verwirklichen. Dabei half ihr nicht zuletzt der Bildungseifer des Elternhauses: Beate besuchte Internate auf der ostfriesischen Insel Juist und die Odenwaldschule in Oberhambach. Dort wurde die kleine blonde Amazone – sie wird später keine 170 cm groß sein – immerhin hessische Meisterin im Speerwurf!

Einen Au-pair-Aufenthalt in England nutzt Beate, wie sie später sagt, zum Erlernen der Fliegersprache, des Englischen. Nachdem die 17-Jährige auf dem elterlichen Gut – sicherheitshalber – eine Hauswirtschaftslehre absolviert hatte, erwarb sie in Rangsdorf bei Berlin den Flugschein. Unter 60 Flugschülern des Lehrgangs war sie die einzige Frau. Auf dem Schulungsflugzeug Heinkel He 72 drehte die Flugelevin ihre ersten Runden über märkischer Heide und schloss mit einem Überlandflug von Rangsdorf nach Magdeburg, Halle, Leipzig und retour nach Rangsdorf im Oktober 1938 ihre Prüfung mit Bravour ab. Beate Köstlin machte sich unter den Kollegen schnell einen guten Namen. Sie gewann den „Zuverlässigkeits-Flug 1938“ für Pilotinnen und nahm an einer Flugrallye in Belgien teil. Die junge Pilotin arbeitete in der Bücker Flugzeugbau GmbH Rangsdorf, einem seinerzeit angesehenen Sport- und Schulungsflugzeugbauer, bald als „Einfliegerin“ neuer Flugzeuge und wurde zur ersten Stuntfliegerin, doubelte Stars der Ufa, saß dabei auch an der Seite von Hans Albers, ihrem Filmidol. Ihr fliegerisches Können verfeinerte sie zielstrebig. Dabei war Hans-Jürgen Uhse einer ihrer Lehrer. Seine Heiratsanträge lehnte sie vorerst ab, da sie „nie und nimmer das Fliegen eines Mannes wegen aufgeben“ mochte.
Als Uhse im September 1939, es war seit vier Wochen wieder Krieg, zur Luftwaffe einberufen wurde, ehelichten sich die beiden dann doch. Der Flugpionier Alfred Friedrich machte Beate Uhse, deren Ambitionen nicht im Tragen des Mutterkreuzes bestanden, das Angebot, in seiner Firma in Strausberg als Einfliegerin zu arbeiten. Für ihre Kollegen war sie „Schlosser-Maxe“ und als solcher gab sie bei ihren rund 700 Einflügen den Strausbergern eine Vorstellung ihrer Flugkunst. Im Jahr 1944 wurde Beate Uhse Pilotin der Luftwaffe und trat ihren Dienst als Flugzeugführerin in einem Überführungsgeschwader in Berlin- Tempelhof an. Dort brachte sie Übungsflugzeuge zu anderen Fliegerschulen und später Kampfflugzeuge zu den Frontverbänden.
Am Kriegsende, nun im Range eines Hauptmanns der Luftwaffe, verzeichnet ihr Flugbuch 1898 Flüge. Zu dieser Zeit war die 24-Jährige bereits seit einem halben Jahr Witwe und seit 18 Monaten Mutter eines Sohnes. Mit ihm, dem Kindermädchen Hanna und einigen anderen gelangte sie in einem abenteuerlichen Marsch durch die umkämpften Straßen Berlins nach Gatow, fand eine noch flugfähige Maschine, deren Typ sie vorher aber noch nie geflogen hatte. Kurz bevor sowjetische Truppen den Flugplatz erreichten, startete sie die Maschine und landete im nordfriesischen Leck, wo sie am 30. April 1945 von britischen Soldaten gefangen gesetzt wurde. An diesem historischen Tag endete nicht allein der notorische Weltverderber Adolf Hitler sein Leben, es endete auch die erste Karriere der Beate Uhse, die beeindruckende Laufbahn einer Fliegerin.

Da die Sieger des Krieges kein Interesse an fliegenden Deutschen hatten, mussten sich die Uhse und Kollegen nach neuen Betätigungsfeldern umsehen. Und so tingelte die junge Frau über Land und machte Haustürgeschäfte. Dabei hörte sie immer wieder vom Leid vieler Frauen, die von Kriegsheimkehrern und Soldaten schwanger geworden waren und all den oftmals damit verbundenen Nöten. Unkonventionell und praktisch wie sie war, erinnerte sich Beate Uhse der Lektionen über Sexualität, Sexualhygiene und Verhütung, die sie bereits als junges Mädchen von ihrer Mutter erhalten hatte und reagierte mit einer Geschäftsidee: Beate Uhses Karriere als Sexartikel- Versenderin begann mit einem zweiseitigen Blättchen, in dem sie in verständlichen Worten den Frauen eine Anleitung zur Schwangerschaftsverhütung nach der Knaus-Ogino-Lehre (fruchtbare und unfruchtbare Tage der Frau) zur Hand gab. Die Prospekte für zwei Reichsmark wurden innerhalb weniger Monate 32.000 Mal verkauft. Was folgte, ist die bundesdeutsche Geschichte des Wirtschaftswunderlandes a la Beate Uhse – per Katalog mit lustigen Präservativen, „Pariser Luxuswäsche“, Liebestränken, „Ariadne-Sex-Bädern“ und erotischer Literatur. Aber das ist dann eine neue Geschichte, die zu erzählen wir doch lieber dem in diesen Dingen wohl kompetenteren Gespann aus Zweitem Deutschen Fernsehen und Franka Potente überlassen.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“