450 Jahre Treptow, (Teil V)
Das „Eierhäuschen“

Eierhäuschen, Feder- und Tuschezeichnung
Foto: Maulbär-Archiv

„Eierhäuschen. Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird.“

Bitte sehr, lieber Herr Fontane: Bereits im „Reisetaschenbuch für Berlin“ aus dem Jahre 1831 steht zu lesen: „Eierhäuschen heisst ein Etablissement … an der Spree, unfern Treptow, in einem sehr lieblichen Wiesen- und Waldgrunde; früher war hier eine Schiffsablage.“ Irgendwann um 1800 befinden sich also an diesem Ort ein Holzumschlagplatz, darauf ein hölzernes Floßwärterhäuschen und eine Schiffsablage.

Das Wächterhäuschen soll spätestens ab 1830 auch als Gasthof, als Schifferkneipe betrieben worden sein. Weil der Floßwärter nun Eier aus eigener Hühnerhaltung an die Besatzungen der Spreekähne, Kutscher, Wanderer und Ausflügler verkauft haben soll, erhielt der Ort seinen einprägsamen Namen.

Im Jahr 1837 wird aus der hölzernen Schale ein massives Gebäude aus rotem Backstein. Bald strömen die Ausflügler nach Treptow. Die 1864 eingerichtete Dampferverbindung von der Jannowitzbrücke zu den Gasthäusern an der Oberspree macht Halt am Eierhäuschen. Der jetzige Pächter, Franz Jachmann, gründet auf dem Nachbargrundstück ein zweites Etablissement, zunächst Café Jachmann, später Großes Eierhäuschen genannt.

Das Ansinnen des 3. Garderegiments der preußischen Armee, im Jahr 1860 nahe dem Eierhäuschen einen Schießplatz einzurichten, wird durch heftige Proteste der vergnügungslustigen Berliner Bürgerschaft und mit Unterstützung der Vossischen Zeitung erfolgreich abwehrt. Im Eierhäuschen wird weiter geschwoft und „Der preußische allgemeine Hausfreund für den denkenden Bürger und Landmann“, eine Postille ganz nach Mode der Zeit, posauniert: „Das Eierhäuschen ist ein schöner Ort/Beut Freuden der Natur und des Genusses/Drum weilet an den Ufern unsres Flusses/Im Tempel der Natur der Städter dort.“

Bumsfallera.

Doch im Jahr 1869 brennt das Restaurant ab. Als Fachwerkbau neu errichtet, geht das Haus 1876 in den Besitz der Stadt Berlin über – und brennt 1890 erneut ab.

Im Berliner Adressbuch des Jahres 1887 sind das Alte Eierhäuschen und das Neue Eierhäuschen genannt. Und Fontane weiß jetzt:

„Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes ›Lokal‹, und wenn uns die Lust anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten. Raum genug ist da … der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen … ›O weh! Ein Palazzo‹, sagte die Baronin und war auf dem Punkt.“

Anno 1913 wird neben dem Alten und dem Großen auch noch das Kleine Eierhäuschen errichtet. Im Alten Eierhäuschen treffen sich in diesen Jahren die Genossen der SPD, Gewerkschafts- und Parteifunktionäre. Als die Nationalsozialisten an der Macht sind, tarnen sie hier ihre Versammlungen als Gesangsabende. Ein engerer Kreis, Deckname „Kaffeesieb“, tagt hier.

Dann kommt der Krieg und zwischen 1940 und 1944 werden viele Gaststätten und Vergnügungslokale zu Unterkünften für Zwangsarbeiter. Dazu gehört ab Mai 1943 auch das Alte Eierhäuschen. Auf dem Gelände zwischen dem Großen und dem Alten Eierhäuschen befindet sich im Juli 1942 ein Lager für russische “Zivilarbeiter”.

Treptow wird durch die Kämpfe der letzten Kriegstage schwer getroffen. Die Menschen hungern. Aber das Aufbauwerk beginnt. „Kleinkinder in Luft und Sonne“ ist die Losung für eine dringend benötigte Stadtranderholung der jüngsten Berliner. Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und sechs Jahren unternehmen in Begleitung von Erzieherinnen im Plänterwald Tagesausflüge. Am Eierhäuschen werden die oft unterernährten Kinder mit Essen versorgt. Der nahegelegene Spielplatz bietet den Kindern etwas Ablenkung vom Alltag der Nachkriegszeit.

Und das Alte Eierhäuschen wird einige Jahre als Gastwirtschaft betrieben. Doch notwendige Reparaturen bleiben aus. Die Restauration schließt. Der Fernsehfunk der DDR nutzt das Gebäude als Requisitenlager.

1971 wird das Alte Eierhäuschen dem VEB Kulturpark Berlin übergeben, eine Generalreparatur der Veranda und des großen Saals erfolgt und zu den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 öffnet ein „Cafe der Jugend“ mit Außenterrasse. 1991 schließt das Lokal ebenso wie der Kulturpark Plänterwald.

Nun gibt es seit Ende des Jahres 2015 konkrete Planungen für einen Wiederaufbau des Eierhäuschens: Noch 2018 soll es wiedereröffnet und eine Residenz für Künstler werden.


Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“


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