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Von der unruhevollen Jugend

Der Gral: Den einen ist er die heilige Coquille, die das Blut des gekreuzigten Christus an jenem verhängnisvollen Karfreitag aufgenommen hat; den anderen ist der Gral jener Kelch des letzten Abendmahls, den Jesus seinen Jüngern reichte – doch egal wie, gemeinsam ist ihnen der Gral zum Mittelpunkt der Sehnsucht geworden. Der Gral, der höchstes irdisches Glück und ewige Jugend verheißt. Die Suche nach ihm, sie läuft seit nahezu 2000 Jahren. Dabei hat das Treiben um ihn mal mehr, mal weniger Konjunktur.
Über die Leinwände der Kinowelt waberte durch „Die Nebel von Avalon“ die Sage vom Gral und mit „The Da Vinci Code“ versuchten sich Tom Hanks & Co. an der Entschlüsselung des Rätsels vom Glück des Lebens. Regalweise wird sich der Kopf zerschrotet über „Das Mysterium des Grals“ und „Die Kinder des Gral“.
Eines unter diesen Kindern des Grals war Parzival. Bei Richard Wagner hieß der junge Mann: Parsifal. Und die dazumal erzählte Geschichte lautet ungefähr so: Der Knabe Parsifal ist ein rechtes Muttersöhnchen. Ohne Vater, ohne Kumpels, fern des prallen Lebens, wächst er unter der Obhut seiner Mutter, nomen est omen, Herzeleide im Wald auf. Parsifal schmeckt das irgendwann nicht mehr und er will Ritter sein, ein rechter Held. Einen solchen benötigt gerade Amfortas, seines Zeichens Gralskönig und von seinem heiligen Speer misslicher Weise derart schwer verletzt, dass weder Heilung noch Tod ihm beschieden ist. Nun hört der König eine Prophezeiung, die sagt, ein „durch Mitleid wissender reiner Tor“ werde ihm die Wunde heilen. Das findet er super.

Doch leider hat in der Zwischenzeit ein böser Zauberer namens Klingsor, ein wahrlich schlechter Mensch, der auch einmal Gralsritter werden wollte, mit diesem Ansinnen jedoch abgewiesen wurde, manche Gemeinheit und viele Ränke wider Amfortas und seine Gralsritter ausgeheckt. Seine Bubenstücke sollten die guten Leute und ihren König verderben.
Aus Rache für die vormalige Zurückweisung hat Klingsor ein Zauberschloss errichtet, in dem das Zauberweib Kundry die hehren Ritter mit erotischen Künsten verführen soll. Bewaffnet mit dem heiligen Speer wollte eines Tages Amfortas, der Sohn des alten Gralskönigs Titurel, dem Treiben ein Ende setzen, zog zum Kampf gegen Klingsor aus. Doch auch der gute Amfortas ließ sich von der Lustdame verführen, was dazu führte, dass Bösewicht Klingsor sich Amfortas‘ Speers bemächtigen und dem wonnegeschwelgten Mann eben jene Wunde zufügen konnte, die nicht heilen will.
Zu Amfortas‘ Retter auserlesen soll nun Parsifal sein. Dem will Klingsor selbstredend entgegen sein und dem Jungen Böses. Wie hinterhältig – mit einer hauptsächlichen Waffe der Jugend schlägt er auf den Jüngling ein, will mit Begierde nach dem Weib vom rechten Weg ihn abbringen. Mit einem Fluch will der alte Hexenmeister den Parsifal mit der Kundry kuppeln. Doch – man höre und staune: Damit scheitert er. Und was mit Sex ihm nicht gelingt – denn Parsifal ist dem gegenüber irgendwie gefeit –, versucht der ruchlose Lude mit roher Gewalt, wirft den Heiligen Speer, den Parsifal zu meucheln. Dem jedoch gelingt es, das Wurfgerät zu ergreifen und von der Burg des Bösewichts zu fliehen.
Von da an führt den guten Parsifal ein odysseehaftes Umschweifen von Abenteuer zu Abenteuer und nach Jahren auch wieder in die Gralsburg. Dort vereint er letztendlich den Heiligen Speer mit dem Heiligen Gral, erlöst den König und der Vorhang fällt. „Hat Wagner je etwas besser gemacht?”, fragte entsetzt sich Friedrich Nietzsche kurz nach der Uraufführung des “Parsifal” am 26. Juli 1882 im Rahmen der zweiten Festspiele von Bayreuth. Der Meister selbst titulierte sein letztes Bühnenwerk als “Bühnenweihfestspiel” und verfügte, dass es nur im Rahmen der Bayreuther Festspiele zur Aufführung kommen dürfe, um den feierlich-religiösen Charakter nicht durch Repertoireaufführungen an kleineren Bühnen zu gefährden.

Wagner hatte für seine abenteuerliche Geschichte jedoch einen Gewährsmann: Wolfram von Eschenbach. Der wiederum hatte die Geschichte, seinen „Parzival“, nun schon ein paar Jahre eher auf die Reise geschickt. So runde 700 Jahre zuvor dichtete dieser Hér Wolfram von Eschenbach, wie er sich selbst nannte, das Versepos. Der Mann wusste bei Vielem, wovon er sprach, denn „schildes ambet“ war sein Beruf. Er führte also das Schild, war selbst ein Ritter – und Schulweisheit verachtete er. Woher der Wolfram kam, wissen wir nicht genau. Wohl aber aus jenem fränkischen Ober-Eschenbach, südlich von Ansbach, wie der Name raten lässt. Zusammen mehr als 40.000 Verse kennt die Überlieferung. Die war seinerzeit, als jeder einzelne Text mit Hand abzuschreiben war, nicht nur schwierig, sondern ausgewählt. Nur Besonderes wurde Wert befunden, als Kopie in die Welt geschickt zu werden. Der Parzival war seinen Zeitgenossen mindestens 80 Handschriften wert. Eine stolze Zahl dazumal. Und die Frage, warum liest man das alte Zeug heut‘ immer noch, drängt sich auf.
Denn sehr alt ist das Lied fürwahr, mehr als tausend Jahre wohl. Ja, sogar auch Wolfram hat für seinen Text schon ein wenig abgeschrieben. Chrétien de Troyes hieß der Mann, Franzose, dessen Schöpfung er sich annahm. Wohl um 1180 dichtete Chrétien einen Perceval. Den nun machte sich der Wolfram zum Nähkästchen für den Stoff, der seine eigene Plauderei um die Gralswelt umwandete.
Wer hat das Lied denn nun zuerst gesungen, wer die Mär zuerst erzählt? Man weiß es nicht. Doch was es erzählt, das Lied, kündet vom Rätsel der ewigen Jugend, von Unruh des Lebens auch – und von jenem Zauber, mit dem ein jedes Leben sich stetig schafft und plagt, denn wem einmal „Zweifel an dem Herzen nagt, dem ist der Seele Ruh versagt.“ Und gerade darum liest man es noch heute!

Weshalb es gilt, sich unverzagt zu rüsten, die Fragen des Lebens zu beantworten. Unverzagt dergleichen sind die Macher des Köpenicker Schlossplatztheaters. Entgegen der meisterlichen Weisung aus Bayreuth werden sie einen „Parzival SK8“ auf die Bühne bringen. Die ist zumal keine gewöhnliche. Denn „an einem ungewöhnlichen Ort“, „in der Skate-Landschaft, die Sehnsuchtsort, Wüstes Land und Treibhaus zugleich ist“, in der Skateboard-Halle im Mellowpark, An der Wuhlheide 256, wird ab Mitte November dem „Lebensgefühl junger Menschen auf der Suche nach dem, wofür es sich zu leben lohnt“ nachgespürt.
Wie ernst man bei der Produktion der Jungen Oper Berlin in Kooperation mit dem all eins e.V./ Mellowpark die Patenschaft von Eschenbach und Wagner nimmt, wird bald zu sehen sein. Vorsicht wäre den Machern allemal geboten! Denn „verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst!“ mahnte der Eine schon. Der Andere, der Wolfram, drohte gar: „Wer Untreu hegt in Herzensgrund/ Wird schwarzer Farbe ganz und gar“. Na, dann: Vorhang auf.

Illustration Willy Pogany, Parsifal, erschienen bei C. Y Crowell ~ 1912


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“