Zum Tod von Gert Natschinski

Alle sangen sie die Melodien seiner Lieder: Als junge Pioniere schmetterten sie: „Die Heimat hat sich schön gemacht“ und später waren sie „Zwei gute Freunde“, wenn Fred Frohberg den populärsten seiner Schlager flötete. 80 000 gerieten anno 1960 beinahe aus dem Häuschen, als Bärbel Wachholz während einer Stadionrevue in Leipzig ihren Song „Damals“ geträllert hat. Und Mama und Papa schwebten einst mit Chris Doerk und Frank Schöbel durch das DEFA-Kinospektakel „Heißer Sommer“, das in der ostdeutschen Republik der Arbeiterklasse zum Kultfilm der 1960er Jahre wurde. Wo Gert Natschinski aufgelegt wurde, da war Stimmung in der heilen Welt der DDR. Es war die Musik der Stars im Land der Walter Ulbricht und Erich Honecker und ihresgleichen – und der Komponist ein gemachter Mann. Und das kam so:
Im sächsischen Chemnitz am 23. August 1928 geboren, komponierte Gert Natschinski bereits als Zehnjähriger erste Stücke, schrieb als Jugendlicher Bühnendichtungen. Als der große Krieg zu Ende war, konnte er an der Musikhochschule in Dresden ein ordentliches Studium als Dirigent aufnehmen. Er studierte bei Paul Kurzbach, Werner Hübschmann und Fritz Just. Doch auf Wunsch des Vaters brach er das Studium ab. Geld sollte er verdienen. Dazu arbeitete er als Musiklehrer und auch als Kantor in Claußnitz bei Dresden, wo die Familie zu dieser Zeit lebte. Privat nahm Gert Natschinski in Chemnitz Klavier- und Kompositionsunterricht, lernte viel autodidaktisch. Tag und Nacht habe er gearbeitet, wird von ihm berichtet. Er komponierte und textete, arrangierte und dirigierte – wo immer es möglich war. Mit zwanzig startete er durch und machte Karriere, leitete ab 1948 bereits das Unterhaltungsorchester des Leipziger Rundfunks und wurde, so wird erzählt, obwohl der Jüngste am Haus, dennoch als „Maestro“ angesprochen. Er dirigierte nun regelmäßig Livesendungen beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig. 150 Bandaufnahmen entstanden.
Im großen Berlin, seit 1949 „Hauptstadt der Republik“, wurde man auf Gert Natschinski aufmerksam. Hanns Eisler bildete ihn als einen seiner Meisterschüler weiter und ab 1952 durfte er als Chefdirigent des Unterhaltungsorchesters des Berliner Rundfunks den Taktstock schwingen.
Auch die DEFA interessierte sich nun für Natschinski. Im Studio für populärwissenschaftliche Filme unterlegten seine Kompositionen die Dokumentarfilme von Heiner Carow und Helmut Bergmann mit Musik. Als er für das Spielfilmstudio zu arbeiten beginnt, gehört er bald zu den erfolgreichsten DEFA-Komponisten, prägt über 30 Jahre das musikalische Profil des ostdeutschen Musikfilms. Natschinski komponiert, dabei für den letzten Henny Porten-Film „Carola Lamberti – Eine vom Zirkus“ (1954) ebenso wie er der Opernverfilmung „Zar und Zimmermann“ (1956) eine musikalische Adaptionen nach Lortzing gibt. „Alter Kahn und junge Liebe“ mit Götz George, „Revue um Mitternacht“, „Meine Frau macht Musik“, „Ein Lord vom Alexanderplatz“ mit Erwin Geschonnek oder „Der Mann, der nach der Oma kam“: Die Musik, die Gert Natschinski komponiert, trifft den Nerv der Zeit. Die Filme gehören zu den erfolgreichsten jener Jahre. Mit scheinbar traumwandlerischer Sicherheit setzte Natschinski Note an Note. „Manchmal ist mir auch früh im Bett was eingefallen … Und ich stand auf und die Nummer war fertig“, hat er einmal aus der Werkstatt geplaudert.
Eine Komödie von Oscar Wild dient ihm zur Vorlage seines 1964 komponierten Musicals „Mein Freund Bunbury“. Es wird in zehn Sprachen übersetzt und europaweit mehr als 150-mal inszeniert. 1986 wird sein abendfüllendes Ballett „Hoffmanns Erzählungen“ an der Komischen Oper in Berlin gefeiert. Tom Schilling choreographiert das über mehrere Jahre auf dem Spielplan stehende Tanzspiel.
Von 1978 bis 1981 wirkte Gert Natschinski als Intendant des Berliner Metropol-Theaters, des Operetten- und Revuetheaters am Bahnhof Friedrichstraße. Dreimal erhält er den Nationalpreis für Kunst und Literatur der DDR, ist zudem Mitglied zahlreicher Organisation und bekleidet eine Reihe öffentlicher Ämter. Als Mitglied der Volkskammer der DDR übt er von 1971 bis 1981 ein Mandat der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) aus. Er ist Mitglied des Nationalrates der Nationalen Front und Vizepräsident des Komponistenverbandes der DDR. Als Delegierter bei der Internationalen Komponistenvereinigung der UNESCO vertritt er die DDR auf internationalem Parkett diplomatisch. Natschinski, der Wunderwuzzi, ist Präsident des ältesten deutschen Autorenverbandes, der Dramatiker Union, die Schriftstellern und Komponisten eine organisierte Stimme gibt.
Sein musikalisches Euvre umfasst sinfonische Werke, Orchester- und Konzertmusik, 13 Stücke für Musiktheater, darunter Operetten und Musicals, Kompositionen für etwa 70 Filme für Kino und Fernsehen, 400 Lieder, Schlager und Chansons. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man sagen kann, man hat einige Sachen geschrieben, die Freude gemacht haben, die zwar modisch waren und doch eine gewisse Zeitlosigkeit haben, das ist eigentlich eine Gnade, auch wenn einem nicht alles gelungen ist“, resümierte Gert Natschinski einmal über sein Werk. Große Teile seines Nachlasses befinden sich im Deutschen Komponistenarchiv am Europäischen Zentrum der Künste Dresden-Hellerau.
Das letzte Lebensjahrzehnt verbrachte Natschinski in Berlin-Schöneweide. In einer alten Seitenstraße mit hohen Bäumen und viergeschossigen Mietshäusern lebte der Maestro mit seiner Ehefrau und dem jüngsten der drei Söhne. Eine musikalische Familie: Gundula Natschinski sang mehr als 20 Jahre die Hauptrollen bekannter Musicals am Metropol-Theater, stand neben René Kollo oder Gunther Emmerlich auf der Bühne. 1974 hatte sie Gerd Natschinski kennengelernt, der von da an zahlreiche Lieder für sie schrieb. Beide heirateten 1979.
Die Liebe zur Musik weitergegeben hat der Komponist an zwei seiner Söhne: Sohn Thomas – aus erster Ehe – gehört ebenfalls zu den bekanntesten Musikern der ehemaligen DDR. Er gründete in den 1960er Jahren eine eigene Band, die unter dem Namen „Thomas Natschinski und seine Gruppe“ das wohl bekannteste aller DDR-Agitationslieder, „Sag mir, wo du stehst“, gemeinsam mit den Mitgliedern des Oktoberclubs einspielten. Die Band von Veronika Fischer hat Thomas Natschinki geleitet und für Karat das Keyboard gespielt. Über seinen Vater sagt er: „Es gab wenige Stunden in seinem Leben, die nicht mit Musik ausgefüllt waren. Er war ein unermüdlicher, einfühlsamer, fantasievoller Komponist.“
Den Nachbarn der Natschinskis in Schöneweide wohlbekannt ist der 18-jährige Lukas Natschinski, ein Pianist. Wenn er sich an den Tasten übt, bitten die Nachbarn schon einmal, das Fenster geöffnet zu lassen – und lauschen, wenn es furios oder lyrisch, heiter oder nachdenklich mit bekannten Jazzstandards, Stücken seines Vaters oder immer neuen Eigenkompositionen erklingt. Und auf der Bühne löst Lukas Natschinski Begeisterungsstürme bei seinem Publikum aus und die Presse feiert ihn bereits als „Naturereignis“, seine Stücke als „wunderbare Symbiose von Klassik und Jazz“. Vom Vater auf den Sohne möchte man denken – und sich beruhigt verabschieden von einem bemerkenswerten Schöpfergeist.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“