kurpark-anlageKaum ist die Sonne da, wälzen sich auch schon wieder die Autokolonnen durch Friedrichshagen, spuckt jede S-Bahn Hunderte Ortsfremde aus: Die Sommer- frischler-Saison hat begonnen. Das ist nicht neu, das geht beinahe schon so, seitdem Friedrichshagen einen Eisenbahnanschluss bekommen hat – und das war bereits 1849! Nicht nur Dichter und Badefreunde entdeckten sehr bald die Vorzüge des Vorortes. Die frische Luft am Wasser, gewürzt mit dem kräftigen Aroma der nahen Kiefernwälder, schätzten auch Ärzte und schickten ihre Lungenkranken nach Friedrichshagen, damit – um es mit Tamara Danz zu sagen – deren schlaffe Flügel mal so richtig durchlüften konnten… Klar, dass die Friedrichshagener von den Ausflüglern profitieren wollten. 1879 kam die Gemeinde auf die Idee, Friedrichshagen zum Kurort machen. Doch wohin mit dem Kurpark? Die attraktiven Grundstücke an Müggelsee und Spree waren längst verkauft. So fiel die Wahl auf das Waldstück hinter dem Bahnhof. Schon im Frühjahr 1880 begann die erste Kursaison. Die Trinkhalle war fertiggestellt, und im Park wurden Mineralwasser, Molke und Milch verkauft, letztere übrigens frisch von im Park weidenden Kühen. Für die Benutzung der Kuranlagen wurde – das war ja der Zweck vons Janze – eine Kurtaxe erhoben. Und obwohl die mit zwei Mark pro Tag und Person recht üppig ausfiel, kamen schon im ersten Jahr mehr Besucher als erwartet. In den Folgejahren entstanden eine überdachte Musikhalle fürs Kurorchester, ein Kinderspielplatz (eine echte Besonderheit für so eine kleine Gemeinde), ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. sowie eine Arztstation, 1897ein Restaurant. Auch für die sich mehrenden Freunde der unbekleideten Freizeitgestaltung wurde Raum geschaffen.

Ab 1906 gab es nördlich des Kurparks ein Luft- und Lichtbad, in der Damen und Herren getrennt durch einen doppelten (!) Bretterzaun ihre Haut „zu medizinischen Zwecken“ der Sonne aussetzen und nackt turnen durften. Auch mit Bekleidung war die sportliche Betätigung im Freien ein wichtiger Bestandteil der Gesundheits- förderung. In diesem Zusammenhang entstanden 1913 dann auch die ersten Tennisplätze auf dem Kurpark-Gelände. Die Kurort-Idee funktionierte, Friedrichshagen blühte auf. Doch schon 1920 fand der Kurbetrieb mit dem Übergang des Vorortes in die neue Stadtgemeinde Groß-Berlin ein jähes Ende. Mit dem Bau und der Eröffnung des Naturtheaters 1930 begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Kurparks. Die Bühne – durch ihre Einfassung mit einer natürlichen Baumkulisse und dem grasbewachsenen Bühnenboden ein echtes Juwel – zog so viel Publikum an, dass der Zuschauerbereich bald schon vergrößert werden musste. Es entwickelte sich ein überregional erfolgreicher Theaterbetrieb, und ab 1937 wurde die Bühne vom Schillertheater bespielt – einschließlich seines berühmten Intendanten Heinrich George. Krieg und Nachkriegszeit setzten dem Park und der Naturbühne arg zu. Die Trinkhalle und das Restaurant brannten ab, das Kaiserdenkmal verschwand, die Garderoben, Werkstätten und Lager des Naturtheaters wurden geplündert, die Holzteile verheizt. Und es kam noch schlimmer: 1948 gab das Bezirksamt Köpenick die Erlaubnis, das Naturtheater zu einem Tennisstadion umzubauen. Die Bühne wurde abgerissen, die Bäume gefällt, der Orchestergraben zugeschüttet. Sollte hier ein Bauwerk der nationalsozialistischen Kulturgeschichte aus ideologischen Gründen zerstört werden? Ab den 60er fanden dennoch vereinzelt Kulturveranstaltungen im verstümmelten Naturtheater statt. Und ab Mitte der 90er Jahre bemühte sich der Kulturverein Pfeiffer e.V., die Bühne wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. Im Juni 1998 gab es mit einer „Fiesta Latina“ die Einweihungsfete und wenig später öffnete das Freiluftkino seine Pforten.

Noch im gleichen Jahr inszenierte auch das Schlossplatztheater Köpenick wieder ein Theaterstück im Naturtheater. Seitdem finden im regelmäßig Kinoveranstaltungen und Konzerte statt. Die Tennisanlage im einstigen Bühnenbereich existiert jedoch bis heute. In einem landschaftsplanerisches Gutachten heißt es, dass der Centre Court mit einer historischen Rekonstruktion der Anlage als Naturtheater nicht vereinbar sei. Also weg damit? Aber so einfach ist das aber nicht. Schließlich müssen auch die Interessen eines Vereins gewahrt werden, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert und immerhin 450 Mitglieder hat. Und der Kurpark selbst? Obwohl 1977 als Gesamtensemble unter Denkmalschutz gestellt, ist er seit 50 Jahren stiefmütterlich behandelt worden. Was nach dem Krieg übrig geblieben war, wurde in der Folgezeit wieder auf-ver-baut: Der Senkgarten mutierte zum Goldfischteich, neu entstanden der Staudengarten und derBahnhofsvorplatz im steinernen 60er-Jahre-Schick. Als besonderes „Schmuckstück“ erhielt der Park außerdem eine oberirdische Fernwärmeleitung. Den heutigen Zustand des Bahnhofsvorplatzes kann man nicht anders als räudig bezeichnen. Im Park fehlen Bänke, Steinplatten sind lose, der einstige Senkgarten aus den 30er ist verfallen. Dazu kommt Vandalismus: Neue Bänke werden verheizt, und sogar die Spielplatz-Kletterspinne aus den 90ern wurde schon angezündet. Ein Konzept für die Neugestaltung des Parks existiert zwar schon seit 1994, aber die Erdarbeiten, die seitdem durchgeführt werden, erfolgen – von ein paar Blumenbeeten abgesehen – einzig nach den Plänen von Maulwurf und Wühlmaus. Seit einigen Jahren hat sich der Bürgerverein Friedrichshagen des Problems Kurpark angenommen. Er steht mit dem Amt für Umwelt und Natur Treptow-Köpenick im Gespräch und bringt dort seine Ideen vor. Durch Veranstaltungen im Rahmen von dichterDran versuchte der Verein bereits, die Aufmerksamkeit der Friedrichshagener auf den Kurpark zu lenken. Und ein wenig wohlmeinender Druck von Seiten der Bürger kann den Bemühungen des Amtes um eine baldige Umgestaltung des Kurparks sicher dienlich sein …

Termin:
6. Juli 2008, „Langer Tag der Stadtnatur“
10-12 Uhr: Pflanzaktion am Bahnhof durch den Bürgerverein Friedrichshagen e.V.