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Der Schauspieler Edzard Haußmann (rechts Rolf Hoppe)

„Ich habe weder Gott noch die Menschen beleidigt.“ Als er das sagte, hatte der Tod ihn bereits gepackt und Edzard Haußmann musste sich bereiten zum letzten Akt, seinen Schlussakt im großen Lebensschausspiel. Dies hatte verheißungsvoll 1935 begonnen. Die Musen standen zahlreich an der Wiege, möchte man meinen, als der Sohn des Ufa- Schauspielers Erich Haußmann und seiner Frau Ruth zur Welt kommt. Ruth ist Konzertsopranistin und Malerin, nennt sich als Ku?nstlerin Claudia und fu?hrt ihren Mädchennamen Wenger. Und der ist durchaus bekannt in der literarischen Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts, denn ihre Mutter Lisa ist eine anerkannte Schweizer Schriftstellerin. Und so kam es nicht von ungefähr, dass sich die junge Frau mit einem gewissen Herrmann Hesse verehelichte. Diese Liaison war nicht von Dauer – aber die erhaltene Freundschaft fu?hrte dazu, dass, als die Haußmanns die Heimat verlassen mussten, der junge Edzard mit Hilfe des großen Dichters an einem Schweizer Klosterinternat erzogen werden konnte. „Ich bin Schauspieler geworden, weil ich nichts anderes konnte“, sagte Haußmann später einmal. Doch der Weg dahin war keinesfalls ein ebener, wie vermutet hätte werden können.

Mit 16 Jahren trägt er in Mu?nchen auf – als Kellner. Was ihm wenig Freude und den Eltern die Gewissheit bringt, in ihm den ehrlichen Wunsch gereift zu sehen, die Bretter, die die Welt bedeuten, nun zu betreten. Als Beleuchtungsgehilfe, Souffleur und Statist beginnt Edzard Haußmann seine Bu?hnenlaufbahn am Landestheater in Detmold. Als seine Eltern 1956 in die DDR u?bersiedeln, folgt er ihnen. Hier ist man u?ber jeden, der den Weg von West nach Ost und damit entgegengesetzt dem seinerzeit u?blichen Gang der Dinge beschreitet, froh und sehr entgegenkommend. Die Familie Haußmann erfährt durch den Ku?nstlerkollegen und nun zum Kulturminister avancierten Dichter Johannes R. Becher einige Unterstu?tzung. Mit der Erfahrung der Elevenjahre in Wittenberg und Weimar, aus Quedlinburg und Stendal, wo er gemeinsam mit seinem Vater in „Der Widerspenstigen Zähmung“ auf der Bu?hne steht, legt Edzard Haußmann sein Schauspieldiplom an der Ostberliner Bu?hnenkaderschmiede, der Schauspielschule „Ernst Busch“ ab. Und er heiratet. 55 Jahre Ehe liegen vor ihm und seiner Ehefrau. Die Rollen, in denen Haußmann besetzt wird, zeigen ihn hier als jugendlichen Helden und dort schon mal als ausgebufften Bösewicht. Bei allem sticht er dem Publikum bereits durch sein intelligentes Spiel und den brillanten Einsatz seiner so markanten Stimme hervor, wie er die Kollegen durch sein schauspielerisches Können und seine gradlinige Haltung zu beeindrucken weiß. Gradlinig ist nicht nur der Schauspieler Haußmann. Gradlinig, aufrecht ist er vor allem als Mensch. Und als im Fru?hling 1968 in Prag der Versuch, dem realexistierenden Sozialismus ein menschliches Antlitz zu geben, im Kanonenschlag sowjetrussischer Panzer verblutet, legt Edzart Haußmann einen Trauerkranz am Botschaftstor der Tschechoslowaken nieder. Der Staat DDR fu?hlte sich davon angegriffen, „beleidigt“, sperrt ihn u?ber Monate ins Gefängnis. Von dort wird er zwar entlassen, darf aber seinem Beruf als Schauspieler an der Berliner Volksbu?hne nicht mehr nachgehen. Nun ist er fu?r sein Publikum bis auf Weiteres nur noch zu hören: wenn er seine Stimme im Synchron den Kollegen leiht. „Die Aufgabe des Schauspielers ist es, den Hofnarren fortzusetzen“, hatte Haußmann erkannt. Und da es selten sonderlich lustig zuging am Hof von König Erich und die Hofnarren eher das Weite suchten, wo sie konnten, war der Hofstaat froh, einen wie ihn in petto zu haben – und ließ ihn gnädig wieder seinem Beruf nachgehen. Dafu?r wurde er sogar geadelt – zumindest filmisch – und durfte als Graf Heinrich von Bru?hl in „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ seine vielleicht populärste Rolle an der Seite eines Rolf Hoppe alias Sachsens schwachem König August III. geben. „Haben wir noch Geld, Bru?hl?“ Bru?hl hatte natu?rlich – natu?rlich ja zu sagen, obgleich keines mehr da war. Und so wie die historischen Bankrotteure in Sachsen an die Wand fuhren, war auch der DDR-Staat erledigt, politisch, wirtschaftlich und moralisch ruiniert.

Und weil er sich in all diesem Dilemma nie hat korrumpieren lassen und seinen Verstand, seine Begabungen und seinen Willen der Schauspielkunst widmete, fand Edzard Haußmann schnellen Anschluß in der neuen Zeit. Im Berliner Dom spielte er zwischen 1991 und 1993 unnachahmlich Hofmannsthals „Jedermann“, was ihm unter anderem die Auszeichnung mit dem „Goldenen Vorhang“ als beliebtester Schauspieler Berlins eintrug und man ihn mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ehrte. Haußmann lebte das Theater. Spielte er nicht an der Volksbu?hne oder dem Deutschen Theater in Berlin, las er auf den Bu?hnen des Landes die von ihm geliebten Texte Hesses und Bobrowskis, Morgensterns und Rilkes, Goethes und Schillers, war am Berliner Schlossparktheater oder auf dem Wiener Burgtheater zu sehen. Zu seinem Theaterspiel kamen etliche Fernsehrollen. In mehr als 150 Fernsehfilmen trat Edzard Haußmann auf, ragte in Streifen wie „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ aus der Serie „Polizeiruf 110“ des DDR-Fernsehens oder der Sat1-Produktion „Justitias kleine Fische“ als Charakter oder als Komödiant heraus.

Die Tradition der familiären Zusammenarbeit der Schauspieler und Theaterleute Haußmann, wie sie Edzard mit seinem Vater bereits verband, wurde zwischen ihm und seinem Sohn, Leander, fortgesetzt. Preisgekrönt und in einer Art, wie sie nur ganz selten ist. Bereits 1992 brillierte Edzard Haußmann am Berliner Schiller-Theater in einer Inszenierung seines Sohnes, als er den König Philipp in Schillers „Don Carlos“ spielte. Erneut unter Leanders Regie war er als Militärarzt Tschebutykin in Tschechows „Drei Schwestern“ zu sehen und gehörte seit 1994 zum Ensemble des Bochumer Schauspielhauses, wo sein Sohn von 1995 bis 2000 Intendant war. Und im Jahr 2003 sorgte das Gespann Haußmann & Haußmann mit der spektakulären Inszenierung von Shakespeares „Der Sturm“, in der Edzard den „Prospero“ gab, fu?r Berliner Theaterfurore. Mit dem Deutschen Filmpreis in Silber war der 1999 in den Kinos erfolgreich gestartete Klamauk „Sonnenallee“ bedacht worden. Obwohl Edzard Haußmann jeder Form von „Ostalgie“ mit Hass gegenu?berstand, spielte er doch – eine scheinbare Familienselbstverständlichkeit – unter der Regie seines Sohnes auch Derartiges, trat fu?r Leanders Persiflage „NVA“ sogar ein weiteres Mal in einer Nebenrolle auf.

Am 10. Februar 2010 wurden der Filmemacher Leander Haußmann und sein Vater Edzard Haußmann im Berliner Kino „Babylon“ fu?r die Komödie „Dinosaurier – Gegen uns seht ihr alt aus“ mit dem „Ernst-Lubitsch-Preis“ geehrt. Es war der letzte große Auftritt des Edzard Haußmann vor seinem Publikum. Fu?r den letzten Vorhang hatte Haußmann sich in den Kreis seiner Familie zuru?ckgezogen. Als der große Mime im November des Jahres 2010 starb, ging mit ihm fu?r viele seiner Kollegen und ganze Publikumsgenerationen einer der letzten Großen des alten deutschen Theaters, wie es einmal war: kraftvoll und ehrlich, sittlich und moralisch. Bevor er die Bu?hne des Lebens verließ, vertraute er sich in einem Zeitungsgespräch an: „Ich weiß nicht warum, aber ich hatte immer so eine Todessehnsucht. Jetzt nicht mehr Ich habe ein schönes Leben gehabt Und ich war anständig, was man nicht von vielen Menschen sagen kann.“


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“