Parkeisenbahn Wuhlheide

Samstag früh, acht Uhr dreißig. Der Wecker klingelt und reißt mich aus dem Schlaf. Es ist ein schöner Sommertag und man könnte ja – aber ich mache mich auf den Weg zur Parkeisenbahn Wuhlheide. Was? Parkeisenbahn? Also das Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) in der Wuhlheide – im Bezirk Treptow-Köpenick – kennen ja die meisten. Aber eine Parkeisenbahn? Es war der 10. Juni 1956. Im damaligen Pionierpark „Ernst Thälmann“ wird die Kinder- und Jugendeisenbahn in Betrieb genommen. Junge Pioniere konnten den Eisenbahnbetrieb hautnah miterleben, indem sie ihn selbst durchführten.
52 Jahre, eine Privatisierung, viel Schweiß und Arbeit später rollt und dampft sie immer noch durch den Park. Auf einer Strecke von 7,5 Kilometern Länge dreht die „Kleine Bahn für große Augen“ ihre Runden. Wie damals wird die Bahn auch heute noch von eisenbahnbegeisterten Mädchen und Jungen aller Altersklassen betrieben. Ich bin einer dieser rund 150 Kinder und Jugendlichen, die in ihrer Freizeit – meist an den Wochenenden und in den Ferien – die Bahn weiter betreiben. Ich mache mich nun also auf den Weg zur kleinen Bahn. Im Hauptbahnhof der Parkeisenbahn findet die Diensteinteilung für den Betriebstag statt. Der amtierende Betriebsleiter gibt den Bahnhofsleitern und Assistenten die aktuelle Betriebslage bekannt. Er informiert außerdem über geplante Sonderfahrten. So ist es zum Beispiel möglich, für Kindergeburtstage, Familien- oder Firmenfeiern Räumlichkeiten, Wagen oder auch ganze Züge zu mieten. Besichtigungen auf den Stellwerken und im Bahnbetriebswerk werden ebenfalls angeboten. Um auch weiterhin den Nachwuchs für das Hobby „Eisenbahn“ gewinnen zu können, wird auf Anfrage ein individuell gestalteter Projektunterricht durchgeführt. Dort können dann auch die Kleinsten spielerisch den Eisenbahnbetrieb begreifen. Für interessierte Besucher wird auch gern die historische Technik erklärt und vorgeführt. Nun aber zurück zur Dienstbesprechung. Wir sind nun auf dem aktuellsten Stand und die jungen Eisenbahner gehen auf die Dienstposten. Diese richten sich nach der zuvor absolvierten Ausbildung im Winterhalbjahr. Beginnend mit der Grundausbildung, in der die angehenden Eisenbahner die Tätigkeiten eines Streckenläufers, Zugschaffners und Schrankenwärters erlernen, durchlaufen die Kinder und Jugendlichen ein komplexes Kurssystem, bis sie schließlich mit 18 Jahren die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zum Lokführer zu genießen. Sobald der Fahrbetrieb begonnen hat, sind die Kinder in ihrem Element: Züge abfertigen, Schranken kurbeln, Fahrkarten verkaufen oder Signale bedienen. Dabei betreuen die erwachsenen Bahnhofsleiter und deren Assistenten die Kinder und leiten diese in ihrer Arbeit an. Doch nach einem zirka achtstündigen Dienst, den alle Mitarbeiter in ihrer Freizeit ehrenamtlich ausüben, ist der Eisenbahnbetrieb noch lange nicht beendet. Denn zum Unternehmen Parkeisenbahn, das seit 1993 eine gemeinnützige GmbH und Träger der Freien Jugendhilfe ist, gehört noch mehr als der publikumswirksame Fahrbetrieb. Als Nichtbundeseigene Eisenbahn wird der Betrieb nach den gleichen Regelungen und Vorschriften durchgeführt wie bei jeder anderen großen Eisenbahn. Es gibt hier verschiedene Bereiche, in denen sich Begeisterte zusammengefunden haben, die sich speziell für diesen Fachbereich interessieren. Ob es die Mechaniker und Techniker im Bahnbetriebswerk sind oder Personen, die sich um den Vertrieb der Leistungen oder die Sicherheit im Bahnbetrieb kümmern – jeder, der sich etwas mehr mit der Materie Eisenbahn beschäftigen möchte, ist willkommen. Doch neben dem Dampflok-Betrieb als Museumseisenbahn, dem sich auch die beiden Hauptgesellschafter Schmalspurbahn-Freunde Berlin (SBF) und Dampfkleinbahn Mühlenstroth (DKBM) – beides eingetragene Vereine – verpflichtet haben, wird der Betrieb als Ausbildungsstätte für Kinder und Jugendliche besonders gefördert. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, den Heranwachsenden eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten. Aus diesem Grund wurde bei der Parkeisenbahn der Ausschuss „Jugendarbeit“ gegründet, der über den alltäglichen Betrieb hinaus für Abwechslung sorgt. Mit Ferienfahrten – wie beispielsweise ins Emsland oder zur Kindereisenbahn nach Budapest – werden auch enge soziale Kontakte geknüpft, die nicht selten zu engen Freundschaften über die Zeit als aktiver Parkeisenbahner hinaus führen. Ich bin nun schon das sechste Jahr bei der Parkeisenbahn. Mein Interesse wurde damals durch einen Zeitungsartikel in der Lokalpresse geweckt. In dieser Zeit habe ich gelernt, was es heißt, im Team zu arbeiten, Konflikte zu lösen und mit Kunden sicher umgehen zu können. Die fundierte Ausbildung in sämtlichen Bereichen des Eisenbahnbetriebes macht es mir nun, da ich im nächsten Jahr mein Abitur ablegen werde, möglich, mich bei meiner Berufswahl besser entscheiden zu können – ob nun für eine Ausbildung zum Lokführer, Mechaniker oder zum Ingenieur in einem Planungsbüro. Durch den Gesamteindruck, den ich gewinnen konnte und kann, ist es mir möglich, Verfahrensweisen und Abläufe von den 600 mm- Schmalspurgleisen auf die 1435 mm-Normalspur zu übertragen. Die Zahlen sprechen für sich: Etwa 75 Prozent der ehemaligen Parkeisenbahner, die heute einen Beruf ausüben, sind bei einem Unternehmen im Verkehrssektor beschäftigt. Seit 1956 haben über 5000 Kinder und Jugendliche das Ausbildungssystem bei uns durchlaufen. So ist es also keine Seltenheit, dass man bei einer Fahrt durch die Wuhlheide die Person trifft, die am Tag zuvor noch im ICE die Fahrkarten kontrolliert, die Signale für die Züge auf Fahrt gestellt oder einen Zug der Berliner S-Bahn gesteuert hat.