semnonenlager

Dass der Berliner Südosten eine beliebte Ausflugsgegend ist, wussten offenbar schon die alten Germanen. Jedenfalls, wenn man dem Landschaftsmaler Carl Blechen Glauben schenken darf. Der verkannte Malerfürst ließ bereits den Stamm der Semnonen (die späteren Schwaben!) am Müggelgestade Rast einlegen…

„Eine an sich unerfreuliche Gegend in das Gebiet schauerlicher Romantik“ erhoben zu haben, lobte der Kommentartor der Vossischen Zeitung, was sein späterer Kollege mit den Worten beschrieb: „Die höchste Kuppe zeigt ein Semnonenlager. Schilde und Speere sind zusammengestellt, ein Feuer flackert auf, und unter den hohen Fichtenstämmen, angeglüht von dem Dunkelrot der Flamme, lagern die germanischen Urbewohner des Landes mit einem wunderbar gelungenen Mischausdruck von Wildheit und Behagen. Wer die Müggelberge gesehen hat, wird hierin ein richtiges und geniales Empfinden unsres Malers bewundern – er gab dieser Landschaft die Staffage, die ihr einzig gebührt. Ein Reifrock und ein Abbé in die verschnittenen Gänge eines Rokokoschlosses, eine Prozession in das Portal einer gotischen Kirche, aber ein Semnonenlager in das Waldrevier der Müggelsberge!“ Fontane jubiliert. Und in der Spenerschen Zeitung hießt es: „Unser Ossian in der Malerei“.

Die Rede ich von Karl Blechen. Im Katalog der Akademie-Ausstellung des Jahres 1828 ist zu lesen: „Blick von den Müggelbergen bei Köpenick gegen Süden. Staffage: Semnonen rüsten sich zum Aufbruch gegen den Andrang der Römer“. Noch hat Fontane seine Wanderungen durch die Mark nicht geschrieben. Als das Bild zum ersten Mal dem Publikum gezeigt wird, ist der märkische Dichter noch ein Knabe. In der Rückschau wird Fontane einige Jahrzehnte nachher festhalten: „Karl Blechen, ‚der Vater unsrer märkischen Landschaftsmalerei’, wie er gelegentlich genannt worden ist, hat in einem seiner bedeutendsten Bilder die Müggelsberge zu malen versucht. Und sein Versuch ist glänzend geglückt. In feinem Sinn für das Charakteristische ging er über das bloß Landschaftliche hinaus und schuf hier, in die Tradition und Sage der Müggelsberge zurückgreifend, eine historische Landschaft.“

Was Fontane beschreibt, ist die Entdeckung einer Landschaft für die bildende Kunst – der brandenburgischen Landschaft. Er selbst, Theodor Fontane, wird als Autor das brandenburgische Land und seine Gegenden mit seinen Beschreibungen für die Literatur erfinden. Was Wunder: Fontane war Karl Blechen in besonderer Weise zugetan. Der Dichter trug sich lange mit der Absicht, eine Biographie des Malers zu schreiben. Im Nachlass Theodor Fontanes befanden sich Textfragmente zum Lebenslauf und Gedanken zu Gemälden Blechens. Unter anderem zum Semnonenlager am Müggelsee.

Vielleicht ist es auch ein wenig dem Umstand geschuldet, dass der berühmte Dichter dem Maler seine Referenz mit einer Biographie nicht mehr erweisen konnte, dass – wohl zu Recht – Karl Blechen „der bekannteste Unbekannte in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts genannt“ wurde. Dabei war Blechen nicht nur für Fontane „ein Malergenie ersten Ranges“. Auch Max Liebermann schätzte die Skizzen des älteren Kollegen ganz außerordentlich. Und der seinerzeit bedeutende Direktor der Berliner Nationalgalerie, Hugo von Tschudi, nannte Karl Blechen anlässlich der legendären Berliner Jahrhundertausstellung 1906 „eine fesselnde, wenn auch beunruhigende Erscheinung“.

Fesseln konnten die in ihrer Zeit neuartigen Kompositionen, Motive, Techniken in Blechens Bildern. Ein „Menzel vor Menzel“ hat man Blechen genannt. Das Semnonenlager – ein Landschaftsbild oder ein Historienbild? Warum wählte der Maler als Schauplatz ausgerechnet die Müggelberge bei Köpenick? Ein Maler in Preußen, der keinen Kurfürsten, keinen Großen König vor märkischer Landschaft findet; ein Maler, der abweicht und die Welt der Germanen und einen zu dieser Zeit dem Publikum so unscheinbaren Landstrich vor krüppligen Fichten und Kiefern, sandigen Mulden und sumpfigen Ufern zu seinem Thema macht.

Wer war dieser Karl Blechen? Am 29. Juli 1798 in Cottbus geboren, wuchs der Sohn eines aus Regensburg stammenden Steuerbeamten bei seinen Eltern auf und zu Zeiten bei einem Onkel, Pfarrer in Madlow. Karl interessierte sich früh für die Bibliothek des Vaters, las sehr viel, zeigte wohl auch ein zeichnerisches Geschick. Die Begabung des Jungen erkennend, schickte ihn die Familie zu dem ortsansässigen Kunstmaler Lemmerich, der ihn mit dem Handwerk der Malerei vertraut machte. Erste Motive, die der junge Karl malte, waren der märkischen Landschaft entnommen.

Da die Einkünfte des Vaters gering waren, bezahlte Karls Onkel den Besuch des Lyzeums. Für ein Studium reichten die Mittel der Familie dennoch nicht. So verließ der junge Blechen die Schule im Jahr 1815 und trat in eine Lehrstelle im Berliner Bankgeschäft Selchow & Co. Nach der Lehre begann er den Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger im Königlichen Garde-Pionierregiment. Einer Anstellung als Kassierer im Bankhaus A. Koehne folgte dem Kommiss. Aber Blechen gab das Malen dabei nie auf. Im Gegenteil: Landschaftsstudien und Zeichnungen entstanden und mit dem Besuch der Landschaftsklasse bei der Berliner Akademie der Künste folgte der 24-Jährige seinem eigentlichen Beruf.

Blechen studierte und arbeitete im Atelier des Landschaftsmalers Peter Ludwig Lüttke (dem er später als Professor an der Berliner Akademie folgen und die Landschaftsklasse selbst leiten sollte).

Eine Studienreise führte ihn in die Sächsische Schweiz. Dort begegnete er Caspar David Friedrich. Blechen verbrachte einige Zeit in Caspar David Friedrichs Haus in Dresden, wo zu dieser Zeit auch Johan Christian Dahl, der norwegische Landschaftsmaler, lebte. Diese erste Begegnung mit zwei modernen, das heißt damals romantischen Malern, ließ Blechen zu einem eigenen Stil finden.

Seine Begabung bliebt nicht unerkannt und Gottfried Schadow, in diesen Jahren Direktor der Berliner Akademie der Künste, bescheinigte ihm die Gaben eines „unvergleichlichen Skizzierers“. Schadow erinnerte sich, wie Blechen, der spätere „Landschaftsmaler … in die Academie als Handlungsdiener von Cottbus [kam]und begehrte den Unterricht. Er machte so schnelle Fortschritte, daß er bei dem neu errichteten Königstädter Theater die Decorationen übernahm.“

Als Theatermaler für das Königstädtische Theater war Blechen seit 1824 tätig. Damit konnte er vorerst bei sicherem Einkommen künstlerisch tätig sein. Im selben Jahr heiratete Karl Blechen die elf Jahre ältere Henriette Boldt. Doch sein Lebenssinn war getrübt. Sein Schüler Eduard Pape berichtete ein halbes Jahrhundert hiernach gegenüber Fontane: Depressionen hätten Blechens Gemüt bedrückt. In dreierlei habe der Grund gelegen: „1. in dem Schmerz über die Nichtanerkennung, 2. in dem Schmerz über beständig kleine, gedrückte Lebensverhältnisse und 3. in dem Schmerz über seine Ehe. Er hatte diese Ehe aus Dankbarkeit geschlossen, weil die Boldt viel für ihn getan hatte; dies Gefühl der Dankbarkeit, zu dem die Frau beständig neue Veranlassung bot, hat er ihr auch bewahrt bis zuletzt.“

Dem Suff hat er sich ergeben – so wird in mancher Betrachtung über Blechen spekuliert. Die „Schmerzen“ waren aber nicht nur Grund für seine Depression – sie waren auch der Treibstoff für seine künstlerischen Anstrengungen, sich von eben diesen Umständen zu befreien, den gedrückten Verhältnissen zu entkommen; nicht allein sozial, sondern existentiell. Liegt hier das tiefere Motiv für Blechens charakteristische Neigung zur Vertikale des Stils, zum Gotischen, zur Ekstase, die auch Flucht ist?

1827 ging ihm die Stelle als Theatermaler verloren, damit die sicheren Geldmittel. Er war auf sich allein gestellt und schlug sich als freischaffender Künstler in Berlin durch. Bis 1828 folgten zwei Ausstellungen mit Gemälden, die allesamt stark von Caspar David Friedrich beeinflusst waren. Blechen unternahm seinerzeit in Berlins Umgegend viele Spaziergänge, zeichnete die märkische Landschaft, die ihm mehr behagte als die seichten Stadtansichten, die das Berliner Publikum verlangte.

Der „Blick von den Müggelsbergen bei Köpenick, gegen Süden“ brachte Karl Blechen für einen Augenblick dem ersehnten Leben als anerkannter Maler nahe. Der Verein der Kunstfreunde im Preußischen Staate wollte das Gemälde noch während der Ausstellung ankaufen. Doch Blechen befand den Preis für zu niedrig. „… es [ist] mir zwar höchst erfreulich, daß der wohllöbliche Verein […] den Ankauf eines meiner Bilder beschlossen hat, aber ebenso unendlich hart und tief niederdrückend ist es für mich wiederum, eine so geringe Summe ausgesetzt zu sehen, im Vergleich zu Preisen, die anderen Objekten zugestanden werden. […], warum werde ich so zurückgesetzt.“

Der Kauf kam trotzdem zustande. Und Blechen brach, die Barschaft des Geschäftsabschlusses im Beutel, auf zur ersehnten Italienreise. Und: Er malte beständig. Nach seiner Rückkehr wurde er als ordentliches Mitglied in die Akademie aufgenommen. Das heißt, er machte durchaus Karriere. Doch selbst sah er sich stets als „beste zweite Klasse“.

Nachfolgende – Franz Kugler oder Hugo von Blomberg – haben in Blechen einen „genialen“ Künstler erkannt. Für Max Liebermann war Karl Blechen nicht weniger als „ein begnadeter Maler von Gottes Gnaden. Einer der wenigen Auserwählten, der nicht nur zu den Besten seiner Zeit gehörte … , sondern auch auf die Besten seiner Zeit“.

Am Anfang scheint Blechens Blick von den Müggelbergen, sein vor den Toren Berlins angesiedeltes historisches Landschaftsbild gestanden zu haben: unspektakulären Schönheit einer als unpoetisch und unmalerisch verschrienen märkischen Landschaft und die Grunderfahrung ihrer erinnerungswürdigen kulturellen Vergangenheit.

1839 fällt Karl Blechen in geistige Umnachtung und stirbt ein Jahr später am 23. Juli 1840.

 

Bildquelle: Wikipedia


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“