Richard Wagner und die Frauen

„Was du nicht weißt, weiß ich für dich; doch wissend bin ich nur – weil ich dich liebe! – O Siegfried!“, beeidet Brünnhilde, Tochter des Wotan und der Erda. Empfänger der Botschaft ist also Siegfried, der junge Held des Nordens. Dieser ist nicht allein auf der Jagd nach des Nibelungen Ring, sondern auch stets in mannigfaltigen Verwicklungen mit Weibern, göttlichen und ganz irdischen, unterwegs. Und damit war Siegfried nichts anderes als das Alter Ego seines Schöpfers, Richard Wagner. Auch der strebte das Ideal der Weiblichkeit, der göttlichen wie der irdischen, zu finden, versuchte sich und andere dabei mit einem Furor an Ausdauer, wie er selten genannt werden darf. Später sind Filme über dieses Liebessucherleben gedreht worden, „Frauen um Richard Wagner“ oder „Richard Wagner und die Frauen“ heißen die – etwas spröde. Und stapelweise Bücher kann man lesen, „Leuchtende Liebe, lachender Tod“ und gar eine „Erotische Biographie“. Das Universum Wagner erfassen sie alle nicht! Uns bleibt nur eine Ahnung dieser schier unendlichen Weiten, wie Wagner sie abschreiten lässt, die Helden seiner genialischen Phantasie, den Siegfried und Tristan und Parsifal. Daher machen wir uns schnell ans Aufzählen der wenigen Dinge, die wir als Fakten zu wissen meinen:

Das Jahr 1813, 22. Mai: Richard Wagner wird als neuntes Kind des Polizeibeamten Carl Friedrich Wagner und der Bäckerstochter Johanna Rosine, geb. Pätz, in Leipzig geboren. Der Vater stirbt sechs Monate nach des Knaben Geburt an Typhus – und die Mutter lässt sich bereits ein gutes Jahr später erneut ehelichen. Der Schauspieler und Dichter, Ludwig Geyer, führt ein zahmes Regiment im Hause und stirbt, als Wagner acht Jahre alt ist.

Wild soll er gewesen sein, „der Kosak“ Richard, und „unter einer gewissen Verwahrlosung gelitten“ haben. Doch ist Verwahrlosung dort, wo ein Junge sich durchdrungen fühlt vom Heiligen, vom Klang der Musik? Erweckung nannten so etwas die Dichter einmal, was Wagner widerfährt. Er erlebt in Leipzig erstmals Beethoven, seinen Beethoven. Die Oper „Fidelio“, sie erweckt ihn. Da ist er 16 Jahre alt und mag von nun an nichts anderes mehr als Musiker werden, Kompositeur wie der große Meister aus Bonn. Erste Sonaten, ein Streichquartett, ein Opernversuch und Kompositionsunterricht beim Thomaskantor Christian Theodor Weinlig. Und die Frauen. Gerade 23 Jahre alt ist Wagner, als er – und das ist seinerzeit ungewöhnlicher als heutzutage – heiratet. Seine zweite Oper ist in Magdeburg uraufgeführt worden, wenige Monate zuvor: „Das Liebesverbot“.

Die Ehe mit Minna Planer scheitert grandios. Andere Musen hier, andere Männer dort. Doch Wagner komponiert: Opern – und damit seinen Lebenstraum als Tonkünstler; ist Kapellmeister und notorischer Lebemann, wird Schuldner und Revolutionär, paralysiert und bezaubert seine Welt mit allem, was er zu bieten hat. Und das sind vor allem und auch die weiblichen Figuren seiner Musik. Der Liebeskampf mit Minna prägte den Ton des „Rienzi“ und den „Fliegenden Holländer“. Düsternis und Zerrissenheit, und doch Erlösung: die starken Frauencharaktere bei Wagner, wie Senta, die den fliegenden Holländer erlöst. Mit dem „Tannhäuser“, Wagners fünfter Oper, liefert er ein Bekenntnis zur Sinnlichkeit. Im „Tannhäuser“ spannt Wagner mit den beiden konträren Polen von Venus, dem Eros, zu Elisabeth, der Agape, das gesamte Spektrum der Weiblichkeit auf, innerhalb dessen der Titelheld „Tannhäuser“ hin- und hergerissen wird. Dann wird Wagner 1843 zum Königlich-Sächsischen Kapellmeister in Dresden. Aus germanischer Mythenwelt erheben sich im „Lohengrin“ mit Elsa und Ortrud zwei komplementäre Frauenprinzipien, die jeweils für sich erste feministische Tendenzen verkörpern. Und Mathilde Wesendonck heißt die Muse Wagners in jener Zeit, Mitte der 1850er, ist die Ehefrau eines seiner Gönner. Unerfüllte Liebe, wie Wagner sie, unzeitgemäß, kollosshaft, in „Tristan und Isolde“ als Oper verarbeitet, sich zu befreien versucht (Isolde: Personifizierung der Urgewalt der bedingungslosen Liebe!).

Dann, ab 1852, unstete Wanderjahre durchlebt Wagner nun, „Der Ring des Nibelungen“, das Heroenwerk des Meisters, wird in Form gesetzt, bereits mit dem Erstentwurf von „Siegfrieds Tod“, 1848 begonnen. Und in welch‘ gewaltige Form wird das gegossen! Hier zeigt Wagner die Frauenwelt, wie kein anderer es auf der Opernbühne je vermochte. Und seinen Frauenwunsch nach bedingungsloser Frauenliebe, nach der den Mann erlösenden, ihrem eigenen Untergang ins Auge schauenden – und ihm, dem Untergang, trotzenden Frau. Von Mutter bis Weib einer Männerbilderwelt. Siegfried ihr Mittelpunkt: Akt II: „Wie sah meine Mutter wohl aus?“ Und das Erschrecken Siegfrieds, als er im III. Akt Brünnhilden (Bühnenanweisung: „Brünnhilde in einem weichen weiblichen Gewande vor ihm“) erweckt und nahezu in Todesangst ausruft: „Das ist kein Mann!“

Nein, eine Frau! Ein Mannweib – im besten Sinne. „Die stärkste aller Frauen der gesamten Operngeschichte: Brünnhilde. Und neben ihr im „Ring“ vor allen Dingen Erda, die Urmutter, vor der Wotan im 4. Bild von „Rheingold“ zurückschreckt und die allein in der Lage ist, ihn zu zwingen, den „Ring“, das mächtigste Instrument des gesamten Kosmos, von sich zu werfen und darauf zu verzichten.“

Brünnhilde wird in der Chronologie der Wagner-Opern gefolgt von Kundry. Im „Parsifal“ spiegeln sich noch einmal Wagners (männliche?) Urängste, auch Sehnsüchte. Vaterlos wie sein Held wuchs er, der Wagner, auf. Stets ist die Mutter ein Bezug, verschwimmen die Grenzen von Mütterlichkeit und Weiblichkeit. Als Kundry, Parsifals erste Liebesgespielin und „faszinierendste Operngestalt aller Zeiten“, ihn beim Namen ruft, raunt der: „So nannte träumend mich einst die Mutter.“

Einer der Freunde Wagners, der Dirigent Hans von Bülow, muss dulden, dass bereits während seiner Ehe die Gemahlin, Cosima, Tochter des Franz Liszt, mit Richard Wagner drei gemeinsame Kinder zur Welt bringt. Wirklichkeiten. Und … Pause.

Möglicherweise fragen Sie sich: „Warum erzählt der das?“ Gerne möchte ich es Ihnen verraten: Auch mir sitzt diese moderne Fee – eine böse –, die Erinnerungskultur, im Nacken, und flüstert mir seit geraumer Zeit nun Tag um Tag ein: Erinnere dich, erinnere dich, Jubiläumstag, 200ster Geburtstag, Richard Wagner. Aber was habe ich damit zu tun? Doch ich tue mal so und merke, so richtig viel erinnere ich mich nicht an Richard Wagner. Und weil das wohl einen eklatanten Makel unter gebildeten Menschen darstellt, erinnere ich mich – wenn Sie nicht gerade hier mit mir lesen – erst einmal in aller Stille und stelle für mich fest: Das Leben dieses Richard Wagner entsprach so ganz und gar nicht einer kleinbürgerlichen Gedankenwelt, aus deren Geist man den bösen Adolf Hitler und überhaupt beinahe alles Üble unserer Geschichte gestiegen sehen haben wollte. Dieser Mann, der Wagner, fand und findet viel Verehrung – und ungebührendes Missverständnis allenthalben. Das war auch so, als man in Deutschland zu des „hochverehrten“ Künstlers Ruhme Feierstunden und Feste abhielt, Zirkel und Vereine gründete – und Schulen nach ihm benannt. Und nun sind wir endlich in Friedrichshagen angelangt. Gleich wissen Sie, warum: Denn auch wir Friedrichshagener verehrten ihn einstmals und benannten unsere – jetzt horchen Sie auf – genau: unsere erste Mädchen-Schule nach eben jenem Richard Wagner – jenem mit dem modernen Frauenbild. Im Jahre 1927 wurde dieser Schule in der heutigen Bruno-Wille-Straße ein chices, großes Gebäude geweiht, das „Richard-Wagner-Oberlyzeum“. Über 400 Mädchen konnten dort unterrichtet werden, wo heute Gerhart Hauptmann, zum gymnasialen Schutzpatron erkoren, herrscht. Einstmals „fanden Richard-Wagner- Abende, Musik- und Unterhaltungsabende (dort) statt“.

Inwieweit das Frauenbild Wagners dabei jemals zur Achtung kam, wissen wir nicht. Wir lesen aber, dass eben dieses Frauenbild noch bis in unsere Tage fasziniert. Auch Frauen. Eine von ihnen ist Waltraud Meier, die größte Wagner- Sängerdarstellerin der letzten Jahrzehnte (nur „Brünnhilde“ sang sie nie), intimste Kennerin von Wagners Frauencharakteren von innen heraus, von der Rolle her. Eine Opernsängerin, zu Hause auf den großen Bühnen der Welt und ausgewiesene Expertin, was die musikalischen Frauen Richard Wagners anbelangt. „Ich hätte Wagner gern mal persönlich kennengelernt, auch um rauszufinden: Was hat er wirklich bewusst begriffen von Frauen und was war Intuition? Aber ich finde, er beschreibt Frauen sehr gut“, sagte sie unlängst in einem Interview.

Und wie Frau Meier bereitet man sich derzeit auf Festivitäten zu Ehren des Meisters vor. Sie werden ihn alle feiern: die Stadt Leipzig ebenso wie der „Grüne Hügel“ und die Villa Wesendonck in Zürich; in memoriam auch eine DECCA-Collection der Wagner-Opern von Sir Georg Solti wird dem CD-Publikum zum Jubiläum verehrt – und Hermann Grampp, dem dieser Text dankt, wird sich mit einer Laudatio zu Worte melden.

„Lachend muss ich dich lieben, lachend will ich erblinden, lachend lass uns verderben, lachend zu Grunde geh‘n!“, singt dann Brünnhilde dazu. Und wir erinnern uns noch einmal, dass auch ein gewisser Friedrich Nietzsche aus dem „Naumburger Frauenhaushalt“ eine – sehr eigene – Ansicht wie zu so Vielem und im Speziellen zu Herrn Richard Wagner und zum Weiblichen an sich äußerte: „Durch Frauen werden die Höhepunkte des Lebens bereichert und die Tiefpunkte vermehrt.“ Aber damit beginnt eine neue Episode, die wir beim nächsten Mal erzählend meistern wollen.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“