1946: Station eines sonderbaren Zuges mit Gerhart Hauptmann in Müggelheim

Wer den Müggelheimer Ludwigshöheweg hinauf geht bis zu dessen Mündung in den Wald, sieht rechts, den Grünstadter Weg kreuzend, ein freundliches, zweistöckiges, creme-farbenes Haus mit rotem Ziegeldach. Man findet keinen Hinweis,darauf, daß hier, vor sechsundsechzig Jahren, ein Hauch von Kultur-und Zeitgeschichte den sonst so beschaulichen Ort streifte: Gerhart Hauptmanns Leichnam hatte hier im Sommer 1946 für einige Tage Aufenthalt.

Zur Vorgeschichte: Der greise Schriftsteller – er ist zweiundachtzig Jahre alt- befindet sich sich im Februar 1945, aus seinem ständigen Domizil im schlesischen Agnetendorf kommend, in Dresden, wo seine (zweite) Frau ärztlich behandelt wird. Er erlebt unmittelbar das Inferno der Stadt, die Zerstörung seines „geliebten Dresden“. Danach sei er, wie Zeugen berichten, physisch und psychisch zerbrochen, von Todessehnsucht geprägt. Ihn bewegte nur ein Wunsch: in sein Haus Wiesenstein nach Schlesien zurückzukehren, in jene prächtige Villa, die er sich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bauen ließ, in der er seit Jahrzehnten mit seiner Frau, dann auch mit Sohn Benvenuto, lebte und die er die „mythische Schutzhülle meiner Seele“ nennt. Obwohl Freunde ihn wegen der Kriegsereignisse vor der Rückkehr warnen, trifft er Ende März wieder in Schlesien ein.

Dort wird die Lage wird immer komplizierter. Hitler-Deutschland kapituliert, Schlesien wird polnisch. Flüchtlingsströme ergießen sich nach Westen -aber auch aus dem Osten Polens, der nun zur Sowjetunion gehört, ins schlesische Land. Es kommt zu Beschimpfungen der Deutschen und zu Übergriffen der Polen auf sie, ja zu Plünderungen. „Auf ausdrücklichen Wunsch von Marschall Shukow“ wird Haus Wiesenstein unter Schutz gestellt, Zuwiderhandlungen stehen unter Strafe. (Es verwundert heute vielleicht, warum die Sowjets sich so für Hauptmann einsetzten, den Haushalt sogar mit Lebensmitteln versorgten. Die Erklärung ist, daß der Dichter schon zur Zarenzeit und später, nach 1917 vor allem durch seine sozialkritischen Dramen populär war, ja verehrt wurde.)

Anfang Oktober 1945 trifft Besuch mehrerer Herren aus Berlin ein: sowjetische Offiziere, ein Journalist und Johannes R. Becher, später Kulturminister der DDR. Ziel Bechers ist es, Hauptmann zu bewegen, nach Berlin zu kommen und Ehrenvorsitzender des gerade gegründeten „Kulturbund(s) zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ zu werden. Margarete Hauptmann notiert in ihrem Tagebuch: ,,die Berliner Herren wollten G. aus der Isolation befreien. Die Lage spitzt sich so zu, daß wohl keine andre Wahl bleibt“. Der Schriftsteller Gerhart Pohl, bei den Gesprächen zeitweilig anwesend, bemerkt in seinen Erinnerungen: “ Mir war klar,daß G.H. ein großes Ass in dem Spiel der Sowjets werden sollte“. Becher soll geäußert haben:“Wenn wir ihn (Hauptmann) nicht nehmen, spannen ihn andere vor.“ Hauptmann, den Besuchern gegenüber sehr aufgeschlossen, sagt Unterstützung für den demokratischen Aufbau zu, äußert sich aber nicht definitiv zu Umzugsabsichten. Es gibt Hinweise, dass schon zwei Monate später Pläne ausgearbeitet wurden,um seine Umsiedlung zu organisieren, wohl auch die Vorbereitung jenes Sonderzuges, der ihn, seine Frau und auch alles , was sich an Wertvollem im Haus befand, nach Deutschland bringen sollte.

Im April 1946 appelliert Oberst Sokolow -sowjetischer Stadtkommandant in Schlesien- an Hauptmann, unbedingt bald auszureisen, sein Schutz könne nicht mehr gewährleistetwerden. Im Mai heißt es, die polnische Regierung bestehe darauf, daß alle Deutschen das Land verlassen.

Doch: Hauptmann stirbt am 6.Juni 1946. Drei Tage später findet an seinem offenen Sarg – der Verstorbenen mit einer Mönchskutte bekleidet (so hatte er es verfügt) – eine Trauerfeier im Hause Wiesenstein statt, an der siebzig Personen teilnehmen. Sein Wunsch, im Ort in schlesischer Erde begraben zu werden, geht nicht in Erfüllung. Schon am Tage seines Todes äußern einige Leute vor dem Haus durch Krakeelen ihre feindselige Haltung gegenüber dem Verstorbenen. Die regionale Regierung ist bemüht, die Genehmigung für die Beisetzung im Park des Hauses einzuholen. Aber die Witwe lehnt ab. Sie ahnt, daß es dem polnischen Staat nicht recht sein könnte, den deutschen Nationaldichter in eben Polen zugeschlagener Erde zu begraben. Auch fürchtet sie, eingedenk der unwürdigen Geschehnisse vor ihrem Haus, daß Hauptmanns Grab geschändet werden könnte . Also beschließt sie, den Verstorbenen nach Hiddensee überführen zu lassen und dort zu bestatten.

Die Insel war ständiger Urlaubsort des Ehepaares. Nun beginnt in Agnetendorf eine schier unerträgliche Wartezeit auf den Sonderzug. In aller Eile, unter abenteuerlichen Bedingungen, wird ein Zinksarg hergestellt – notwendig für ein vermutlich längeres Verbleiben des Verstorbenen im Hause. Immer wieder ergehen Anfragen wegen des Zuges, der eigentlich den lebenden Hauptmann nach Berlin bringen hätte bringen sollten, der aber nun ein Trauerzug sein würde. Erst nach fünf Wochen wird der Transport bereitgestellt. Er verläßt das Dorf am 19. Juli, ab Hirschberg dann mit der Eisenbahn Richtung Berlin. Er dauert mehr als zwei Tage und Nächte – 56 Stunden lang. Sieben Waggons umfaßt er. Nicht nur die Hauptmanns, das Mobiliar und der umfangreiche und wertvolle Nachlass, auch mehrere Familien – meist Künstler aus der Gegend, die auf der Flucht sind und für deren Mitreise sich die Witwe eingesetzt hatte, sind im Zug. Der Leichnam ist in einem Güterwaggon untergebrachr. Frau Hauptmann notiert im Tagebuch:“Nachtschlaf in der 3.Klasse. Stief wacht bei G.H.“(Stief war Verwalter von Haus Wiesenstein.)

Nach schikanösen Kontrollen an der Grenze zu Deutschland läuft der Transport in Forst/Lausitz ein, wo, wie sie schreibt; „…Empfang …durch russische Offiziere, deutsche Behörden, Rotes Kreuz, Journalisten, Wochenschau, Kranzniederlegung am Katafalk G.H.s.“ Weiter geht es nach Berlin Niederschönweide. Dort, so berichten Zeitungen, „erwartete Major Dymschitz, Kulturoffizier und Leiter der sowjetischen Kulturverwaltung, den Zug. Er brachte die Witwe und die Mitglieder ihres Hauses nach der ländlichen Villa in Müggelheim, in der Frau Margarete Hauptmann wohnen wird“ Da es hier keinen Schienenanschluß gibt. muß der ganze Tross nächtens auf Autos umgeladen werden. Das Haus, zu dem man fährt, war beschlagnahmt worden, die darin wohnende Frau mit fünf Kindern mußte es räumen. Margarete Hauptmann schreibt: „Ankunft 22 ½ in Bln-Niederschöneweide und von hier in das ,neue Heim` Müggelheim geleitet. G.H. im großen Vorderzimmer aufgebahrt, mit Bäumen von Wiesenstein umstellt…. Besuch Smirnow, Major Dymschiz, russische Offiziere, Verwaltungsstellen(Zentralverwaltung, Gemeinde Köpenick/Müggelheim, Ernährungsamt), die Wünsche der Unterbringung aller Transportteilnehmer…Personalien etc., Lebensmittel, Geschirr.“

Am 23 Juni notiert sie: „…russische Herren: Grünstädterweg für GH-Museum unmöglich, trotz vorgeschlagener Anbauten“. Der Nachlaß bleibt in Müggelheim. Frau Hauptmann beklagt, daß die schweren Möbel nicht einmal durch die Türen paßten und die Garagen, die als Stellplatz dienen sollten, nicht wasserdicht gewesen seien. Am 25. Juli geht die Fahrt weiter nach Stralsund. Eine große Trauerfeier findet statt. Oberst Tulpanow und Johannes R. Becher reden, Wilhelm Pieck, der künftige Präsident der DDR, ist anwesend. Tausende begleiten den Sarg zum Hafen. Am 28. Juli 1946 findet Hauptmann auf Hiddensee seine letzte Ruhe. Seine Witwe bleibt noch bis September auf der Insel, fährt dann nach Bayern, wo ihr Sohn Benvenuto wohnt.

Über das Müggelheimer Domizil schreibt sie später: „..ich beschloß, das Haus aufzulösen, was auch bald geschah…da mir in Berlin keine andere Unterkunft für mein Eigentum geboten wurde..“ Andere aber aus dem Kreis des Dichter kommen nach Müggelheim: dem Maler und Poet Johannes M. Avenarius wird am Gosener Damm 20 eine Wohnung zugewiesen. Er hatte in den zwanziger Jahren die große Halle des Wiesensteins mit riesigen Wandgemälden verziert und Bücher Hauptnanns gestaltet. Avenarius blieb dem Hauses sein Leben lang eng verbunden. Zu seinem Erstaunen trifft er in Müggelheim Ewald Stief, den Verwalter Wiesensteins, der im Appelbacher Weg gleich neben der Mutter von Hauptmanns Krankenschwester Maxa wohnt und den Hausarzt des Schriftstellers, Dr.Schmidt. „…gute, treue Freunde sind hier beisammen…hier ist heiliges Land der alten Haupmannianer“ schreibt der Maler. Ihn hatte die Witwe ausdrücklich dazu bestimmt, ein Hauptmann-Musem zu begründen. Später äußert Avenarius: „Ich bin nach Berlin übersiedelt worden, damit ich das G.H.- Museum und die G.H.- Gesellschaft einrichte.

Indessen …Frau M.H. und der Herr B.H. sind mit …dem Nachlaßgut verschwunden.“ In der Tat hatte B.H., der Hauptmann-Sohn Benvenuto, schon bald nach der Ankunft des Nachlasses in Müggelheim den größten Teil desselben heimlich in den Westen gebracht, wohl auch aus sehr eigennützigen Gründen. Gerhart Pohl berichtet empört: „Als Johannes R. Becher und ich nach Müggelheim kamen (wahrscheinlich im August 1946), fanden wir nur die Möbel des Agnetendorfer Arbeitszimmers, einige Kisten aus Hauptmanns und ein paar Gipsabdrücke…vor. Der Hauswart erklärte uns naiv, das sei `der Nachlaß`.“ Benvenuto ließ schlauerweise einen Teil zurück: „for show“, wie er sich ausdrückte und um „keine politische Affäre“ zu provozieren. (die abenteuerliche Geschichte des Hauptmannschen Nachlasses kann im online-Archiv des „Spiegel“ 17/1962 nachgelesen werden)

Alle Berichte und Fakten, auch die der Ansiedlung Avenarius und der Anderen in Müggelheim lassen den Schluß zu, daß hier, im Grünstadter Weg ein Zentrum für den lebenden Dichter, nach dessen Tod für seine Witwe und den Nachlass entstehen sollte. Eine Fehlplanung, wie wir jetzt wissen. Wer die Personen oder Ämter genau waren, die unseren Ort dazu erkoren hatten, ist heute nicht oder noch nicht ersichtlich. Wahrscheinlich hatten die Sowjets und auch Becher mit seinem Kulturbund starken Anteil daran.

Ein Museum für den Dichter hat Müggelheim nicht erhalten. Für Berlin wurden seinerzeit viele Orte diskutiert, die dafür in Frage kamen: die Schlösser Köpenick und Niederschönhausen, das Humboldt-Schloss in Tegel, eine Villa in Wilmersdorf und sowie ein Haus „Am Goldmannpark“ in Friedrichshagen. Keiner wurde musealer Ort für Hauptmann. Enstanden sind hingegen, neben kleinen Gedenkstätten, die Villa „Lassen“ in Erkner, wo Hauptmann mit seiner ersten Frau lebte, das Haus „Seedorn“ in Kloster auf Hiddensee, und – seit 2001, Haus „Wiesenstein“ in Agnetendorf, dem polnischen Jagniatow. Die Museen zu besuchen lohnt sich allemal, auch jenseits des Hauptmann-Gedenkjahres, das 2012 gefeiert wird.

Erstdruck: „Müggelheimer Bote“ (Karl-Heinz Otte, November 2012)