Kurfürstlicher Herrensitz und Hurenstube.

Es fehlen die großen Namen. Kein von Itzenplitz und kein von Bredow, hier saß kein Barfus, kein Putlitz und kein Zieten. Es mag gegen Anfang des Jahres 1345 gewesen sein, dass der Ritter Thyle Ryteling den Ort Malterstorp auf dem Barnim an den Ritter Otto von Kethelitz verkauft hat. Am 25. Januar 1345 bestätigte der damalige brandenburgische Markgraf Ludwig diesen Handel in einem Schriftstück. Die Ortsgründung dürfte bereits ein Jahrhundert zuvor erfolgt sein, als die sächsischen Wettiner im Jahre 1209 das nahe gelegene Köpenick besetzt hatten und begannen, ihre Herrschaft im Lande aufzubauen.

Das Kirchenschiff der alten Dorfkirche von Mahlsdorf wurde jedenfalls um die Mitte des 13. Jahrhunderts errichtet. Im Landbuch Karls IV. aus dem Jahre 1375 wurden Otto und Rüdiger von Falkenberg „seit Alters“ als Herren von Malsterstorf genannt.

Mahlsdorf war, wie viele Dörfer des Barnim, als Straßendorf angelegt. Der heutige Straßenzug Hönower Straße-Hultschiner Damm geht auf die ursprüngliche Dorfstraße zurück, über welche die alte Verbindungsstraße zwischen Berlin und Frankfurt/Oder führte. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf, wie viele seiner Nachbarorte auf dem Barnim, mehrfach heimgesucht, soll für eine Zeit auch völlig wüst gelegen haben. Der Landesausbau nach dem Dreißigjährigen Krieg erneuerte das Gut, im Jahr 1676 ging es in kurfürstlichen Besitz über, wurde ein Vorwerk des Amtes Köpenick und 1821 an einen Bürgerlichen, den Kaufmann und Fabrikanten Johann Friedrich Kaapke verkauft.

Das Gut nahm damals eine für viele ostelbische Rittergüter typische Entwicklung, vergrößerte seinen Landbesitz, beschäftigte bald zwanzig Tagelöhnerfamilien beim Landbau und in der Milchwirtschaft, bei der Schafhaltung und in einer gutseigen Spiritusbrennerei. Das Gutshaus wurde modernisiert und der Gutsgarten zu einem Park erweitert, stattliche 17 500 Quadratmeter groß und ein Kleinod in der brandenburgischen Gartenlandschaft.

Die Witwe Renate Schrobsdorff, Nichte des Dichters Friedrich Rückert und Besitzerin von Gut Mahlsdorf im 19. Jahrhundert, förderte die Entwicklung des Ortes, stellte dabei Land und auch Geld zur Verfügung und machte sich für die Errichtung eines Haltepunktes an der Königlichen Ostbahn stark, die seit 1867 die Mahlsdorfer Flur durchquerte, und beförderte den Bau einer Straßenbahnverbindung zwischen den Vorortbahnhöfen Köpenick und Mahlsdorf.

Psychiatrie, Untersuchungshaft, vier Jahre Jugendgefängnis

Bürgerschaftliches Engagement und weibliche Gemeinwohlförderung mit Weitblick hatte also bereits Tradition, als Charlotte von Mahlsdorf am 18. März 1928 daselbst geboren wird. Da heißt sie noch Lothar Berfelde und hat es auch sonst nicht leicht. Der Vater, eine Reitpeitschennatur, führt im Haus ein straffes Regiment. Der Mutter zu straff. Die verlässt darob die volksgemeinschaftliche Familie. Nun hätte der Stiefelknecht von Vater den Jungen gerne als zackigen Soldaten gesehen. Selbst strammes NSDAP-Mitglied, drängt er den Sohn zum Eintritt in die Hitler-Jugend.

Doch ist dem Vater nicht entgangen, dass Klein-Lothar sich anderweitig interessiert. Kleider, die der Frauen, und alte Möbel, verspieltes Interieur erregen den Knaben. Der hat bereits in früher Kinderzeit das Gefühl, im falschen Körper zu stecken. „Ich war immer ein Mädchen im Jungenkörper“ – und benimmt sich nicht nur wie ein Mädchen, sondern kleidet sich gelegenheitshalber auch gerne wie ein solches.
Mit Schulfreund Christian laufen sie, knapp 14 Jahre alt, in den Kleidern von Christians Mutter einer HJ-Streife in die Arme. Lothar, das Lottchen sagt: „Die dachten, wir sind Mädels, die da auf Drall gehen.“ Zur nächsten Polizeiwache werden sie geschleppt. Beim Griff zwischen die Beine bestätigt sich den Beamten der Verdacht und die beiden werden mit Maulschellen und mit polizeilichen Koppelriemen bedient.
Lottchen findet ihre Ruhe in der kleinen Villa des Großonkels, eines pensionierten Automobilingenieurs von Daimler-Benz, der nicht nur Lottchens Sammel-, sondern auch die sexuellen Leidenschaften toleriert. „Wärst du schon um die Jahrhundertwende dagewesen, wärst du meine Perle gewesen und hättest mir den Haushalt gemacht.“

Die Arbeit bei einem Trödelhändler vertieft frühzeitig eine Vorliebe zu Trödel und Tand. Der böse Vater sieht’s mit Grauen und droht, er werde Lottchen „totschlagen wie einen räudigen Hund“ und anschließend die Geschwister „über den Haufen schießen“. Dem kommt Charlotte zuvor. Ausgestattet mit Todesangst und einem „massiven Küchenrührholz“, nähert sie sich des Nächtens des Tyrannen Lager, wo schon der geladene Dienstrevolver liegt, und schlägt zu: „Einmal, zweimal, dreimal …“

Psychiatrie, Untersuchungshaft, verurteilt zu vier Jahren Jugendgefängnis. Der Gefängnisdirektor entlässt Lotte wegen guter Führung. Sozusagen direkt vor ein Erschießungskommando der SS. Dem entkommt sie. Dann ist die Rote Armee da. Und Charlotte geht wieder zurück in das Haus des verstorbenen Großonkels im Stadtteil Mahlsdorf und – so erzählt die Legende – überzeugt mit weiblicher Überredungskunst die sozialistischen Bürokraten, das Schloss Friedrichsfelde nicht abzureißen, bewahrt auch Schloss Dahlwitz-Hoppegarten vor der Abrissbirne und schwatzt den SED-Genossen schließlich ein altes Mahlsdorfer Gutshaus ab, das sie noch aus Kindertagen als Domizil des Schularztes kennt.
Des vom Abriss bedrohten Gutshauses nimmt sie sich 1958 an. Der Magistrat will die Halbruine mit zerlöchertem Dach, zerschlagenen Scheiben, herausgerissenen Dielen und kaputten Türen für 60 000 Mark Ost wegsprengen. Doch die Aussicht auf Ersparnis dieser Summe überzeugt die Bürokraten. Und so schleppt Lottchen auf dem Leiterwagen originalen Stuck, sammelt bei Haushaltsauflösungen Türen und Fensterrahmungen der Jahrhundertwende, schippt dreieinhalb Jahre lang Schutt, arbeitet als Nachtwächter und ferkelt Schweinchen ab, um Geld für Kalk und Steine, Klempner und Elektriker zu verdienen.

1960 eröffnet Charlotte von Mahlsdorf in zwei Räumen des Hauses ein Gründerzeitmuseum. Dort feiern bald Kaffeemühlen, verbeulte Spieldosen und verschmierte Petroleumlampen, Phonographen, Grammophone und selbstspielende Pianolas ein fröhliches Beisammensein. Fröhlich beisammen ist bald auch die Schwulen- und Lesbenszene Ost-Berlins. In Lottens Keller findest sich beinahe das komplette Interieur der „Mulack-Ritze“ – jener einer legendären Berliner Kneipe, in der schon zur Kaiserzeit die Nutten und ihre Zuhälter, Transvestiten und Homosexuelle mit der wilhelminischen Schickeria ihr Buletten aßen.

ADN-ZB/Rehfeld/3.3.77/Berlin: Wie ein alters Pianola klingt, interessiert heute nicht nur Kinder und Jugendliche. Im Gründerzeit-Museum in Berlin-Mahlsdorf führt der Inhaber Lothar Berfelde (l.), ehrenamtlicher Mitarbeiter der Denkmalspflege, seinen Gästen gern die historischen Instrumente vor. Er hat 33 Jahre lang Möbel und Hausrat der Gründerzeit gesammelt und macht diese Schätze seit 1960 der Öffentlichkeit zugänglich. Zu sehen sind fünf komplette Zimmereinrichtungen, eine historische Gastwirtschaft, Musikautomaten und -instrumente, Grammphone, Uhren und andere Gegenstände. Führungen finden sonntags um 11 und 12 Uhr statt, Werktags nach Anmeldung. Das Haus steht am Hultschiner Damm 333.Charlotte führt durch das Haus: mal in Damenhosen, mal im sauberen Kleid mit Schürze gegen den Staub. Das Gebäude wird 1972 auf die Denkmalliste der DDR gesetzt. Und es kommen viele Gäste. Einer ist der Kunst- und Sachverständige Herr Schalck-Golodkowski. Der rückt ihr mit seinen Mannen so auf die Pelle, dass Charlotte monatelang an ihre Besucher Gemälde und Kupferstiche, Petroleumlampen und Regulatoren-Uhren verschenkt.

Auch die Firma Horch und Guck wird vorstellig – und Charlotte ein „IM Park“. Die DDR duldet ihr buntes Treiben. Und Charlotte geht zum Film. „Coming out“ heißt 1989 Heiner Carows Streifen. Die West-Presse vermeldet: „Wäre das Thema selbst in einer liberalen Gesellschaft schon brisant genug, wird die Dramatik in einem Staat wie der DDR überdeutlich.“

Die Wende kommt und blühende Landschaften kündigen sich an. Zum traditionellen Frühlingsfest in Charlottes Garten finden sich im Jahr 1991 Ost-Berliner Schwule und Lesben ein – dazu auch 30 Skinheads mit Baseballschlägern… Kein Einzelfall.

Doch auch wenn Berlins Kultursenator Ulrich Roloff-Momin ihr vor laufender Kamera das Bundesverdienstkreuz an die Bluse heftet: 1995 wird das Gründerzeitmuseum geschlossen, und wenig später übersiedelt Charlotte nach Schweden.

Vergessen ist Charlotte von Mahlsdorf indes nicht. Ihre 1995 unter dem Titel „Ich bin meine eigene Frau“ erschienene Autobiografie wird ein Bestseller. Der Regisseur Rosa von Praunheim verfilmt den Stoff, und Doug Wright, ein schwuler Autor von Theaterstücken, macht Charlotte mit Perlenkette, Kopftuch und schweren Schuhen zum ersten ostdeutschen Broadway-Star. „I am my own wife“ heißt es im Jahr 2003 in New York. Einpersonenstück in zwei Stunden für 40 verschiedenen Rollen. Es treten auf: ein hartherziger Vater, die schlaue Tante Luise, der zackige SS-Offizier, der polternde Stasi-Mann, der grölende Neonazi und der sensationslüsterne deutsche Talkshowmaster, der ihre Stasiakte ausschlachtet. In sämtlichen Rollen: Jefferson Mays. Im Premierenpublikum: Medienmogulin Martha Stewart und Bill Clintons Finanzminister Robert Rubin, Opernsängerin Renée Fleming und die damals 101-jährige Milliardärin Brooke Astor. Arthur Miller sagt in letzter Minute ab. Die Kritiker feiern Mays, sie feiern das Stück aus einer anderen Welt.

Und das alte Gutshaus in Mahlsdorf? Es ist wieder bewohnt, beherbergt eine der beeindruckendsten Gründerzeitsammlungen Deutschlands in 14 vollständig eingerichteten Ausstellungsräumen einschließlich einer mechanischen Musikmaschinensammlung. Im Souterrain befindet sich eine Kücheneinrichtung und die älteste erhaltene Zillekneipe Berlins mit Vereinszimmer und Hurenstube, wie es heißt. Fein. Besuchen wir es mal.


Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-S0303-016 / CC-BY-SA 3.0


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“