Wie der Berliner Fernsehturm beinahe einmal auf den Müggelbergen gebaut wurde …
Oder doch lieber in Friedrichshain?

Imaginärer Dialog in einer Schulklasse, Fach Berlinologie

Lehrer: „Köpenick. Was fällt uns dazu ein?
Schüler: „Hauptmann von, Heinz Rühmann, das Schloss, der Müggelsee, der Fernsehturm.“
Lehrer: „Richtig, sehr schön.

Ähm. Fernsehturm? In Köpenick?! Seit wann das denn?
Gar nicht, klar. Aber fast. Hätte sein können, der Fernsehturm in Köpenick. Wenn – ja, wenn der Flughafen Schönefeld nicht gewesen wäre. Oder wenn die DDR-Bauherren professioneller gearbeitet und nicht so viel schlechte Ossiplörre gesoffen hätten.

Der Fernsehturm am Alexanderplatz in Mitte, der 2009 40-jähriges Bestehen feiert, ist heute eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Welt und das zweithöchste Bauwerk Europas. Da steht er, 368,03 Meter hoch, mit Kuppel und Antenne, die in den quietschblauen Himmel hineinragt, in der Mitte Berlins (die zitty hat sogar ihren Stadtplan nach ihm ausgerichtet – der besteht da nicht aus Quadraten A4, B8 wie andere Stadtpläne, sondern aus numerierten konzentrischen Kreisen um den Langen Lulatsch herum). Fernsehturm am Alex und Brandenburger Tor mit Quadriga, das sind die ultimativen Berliner Wahrzeichen. Dass der Fernsehturm am Alex aber bereits der dritte Versuch der Ossis war, so ein Ding in Berlin zu installieren, ist kaum bekannt.

Denn in Köpenick, genauer in den Müggelbergen, befindet sich der Stumpf vom ersten Akt des Projektes „Fernsehturm Ostberlin“. Der zweite Akt spielte dann in Friedrichshain, und erst der dritte auf dem Alexanderplatz, und je mehr man sich in die Archive hineinliest, desto mehr kommt es einem so vor, als hätte die Planwirtschaft noch viel weniger funktionierende Pläne gehabt als bisher angenommen. Oder gab es etwa etwas zu vertuschen?

„Die Welt lacht uns ja aus, Chef…“

1954 wurde mit dem Bau des Fernsehturms in den Müggelbergen begonnen. Am 13. Dezember 1955 (!), also nach über einem Jahr Rummurksen, hieß es plötzlich, der Bau müsse eingestellt werden, da ein Fernsehturm an dieser Stelle den Flugverkehr von und nach Schönefeld behindere. Da fragt man sich doch als Baulaie: Kommen die da JETZT ERST drauf? Wie wird denn das geplant üblicherweise, wo man ein hohes Bauwerk hinsetzen will? Setzen sich da die Bauherren zusammen, stoßen mit Molle und Korn auf ihr tolles Projekt an, zeigen mit dem Finger blind auf den Stadtplan, und dann wird losgebaut? Oder wie? Jedenfalls wurde der Bau am 30. April 1956 vorläufig und am 15. November 1956 dann endgültig eingestellt. Seither steht an der Stelle ein 31 Meter hoher Stumpf rum.

Aber dann – „Die Welt lacht uns ja aus, Chef…“, sagte vielleicht einer von der Stasi Anfang der Sechziger zu Ulbricht, „…wo wir doch mit dem Fernsehturm angefangen haben, und jetzt steht da bloß der Stumpf rum. Da denken die im Westen ja: Die von der DDR können so was nicht. Fernsehturm bauen, mein ich. Da lachen die uns ja aus. Da heißt es doch: Höhöhö, große Gosch‘ und nüscht dahinter, die kriegen das nich gebacken, die Ossis, ’n Fernsehturm, so wat könn die nich, weil ihnen auf halbem Wege die Materialien ausgehn, höhöhö!“ „Stimmt“, sagte Ulbricht, „da hamse mal recht, Genosse“, und damit wurde das Projekt Fernsehturm wieder neu begonnen.

In Friedrichshain wollte man ihn diesmal hinsetzen, aber die Idee „scheiterte bereits in der Planungsphase“, wie es offiziell heißt, was so viel bedeutet wie: Hier wurde, anders als beim Projekt Müggelberge, professionell geplant. Schließlich setzte sich dann der Vorschlag Alexanderplatz durch, und heraus kam der bekannte Lange Lulatsch. Vielleicht aus Trotz war er dreimal höher als das Exemplar in den Müggelbergen hätte werden sollen (130 m wären das gewesen), und um den Westlern auch sagen zu können „Ätsch Gäbele, wir können das doch!“, war er komplett aus DDR-Materialien gebaut. Die waren weder aus- noch kaputtgegangen noch sonstwie marode. Wow! Sogar recht hübsch ist der Lange Lulatsch mit seiner Knolle oben, aus der die Spitze rauskommt.

Und die Köpenicker? Die ham ja ihren Stumpf. Heute sitzt da die Telekom drin, nutzt ihn als Richtfunkknoten und hat noch eine schicke Radarkuppel draufgebaut, wodurch das Ding jetzt aussieht wie eine Moschee aus Huxleys Brave New World. Für die Öffentlichkeit zugelassen ist der Turmstumpf nicht. Na, was soll’s. Kann man trotzdem hinpilgern, ihn sich von außen bekieken und sich in seine Entstehungsmythen einspinnen lassen. Und ein bißchen was dazuspinnen.

Wer sich für die technischen Einzelheiten interessiert, dem sei hierzu folgende Webseite empfohlen: www.structurae.de

Ni Gudix
Ein Beitrag von Ni Gudix

Sie ist Literaturübersetzerin, Schriftstellerin, Historikerin, Theaterautorin und Illustratorin. Ihre Hauptantriebsquellen sind Phantasie und Freude an der Arbeit. "Objektive Qualität" gibt es nicht, weil Qualität an sich eine Kategorie ist, die aus der Seele kommt: BeGEISTerung.


10 thoughts on “Wie der Berliner Fernsehturm beinahe einmal auf den Müggelbergen gebaut wurde …

  1. Hallo liebe Redaktion,
    1. die unter „Zeitreisen“ angegebene Internetadresse „www.structurea.de“ kann nicht aufgerufen werden!
    2. Wer verzappt denn solch einen Unsinn, daß das ehemalige Sonnenobservatorium der Akademie d. W. Adlershof, später von der Stasi benutzte zum abhorchen benutzte, und erst nach der Wende an die Telekom übergebene Gebäude auf dem Müggelberg der „Fernsehturmstumpf“ sei? Ich habe selbst in diesem Gebäude die fernmeldetechnischen Einrichtungen und die Zuführungskabel qualitätsmäßig abgenommen.
    Als die Fernsehturmplanungen begannen waren die Russen noch in Schönefeld und die Interflug in Diepensee! Die Planung des „Weltflughafens Schönefeld“ kollodierte auch schon mit dem Aufbau der Übertragungstrecken von den Müggelbergen nach Prag usw! Die Deutsche Post hatte hier ein großes Gelände östlich vom Observatorium Die Übertragungsstrecke wurden später über Kolberg geführt.

  2. Lieber Herr Schubert,
    die Seite http://www.structurae.de geht durchaus auf. Sie haben sich leider vertippt.
    Daß der Stumpf von der Stasi benutzt wurde, wird allgemein kolportiert.
    Sollte es nur ein Gerücht sein, dann hält es sich aber sehr hartnäckig.

  3. Hallo liebes Maulbeerblatt,
    das die Stasi dort einen Horchposten hatte, stellte sich gleich nach der Übergabe des Gebäudes an die Deutsche Post später Telekom heraus.
    Ich konnte nämlich dieses Gebäude besichtigen und wir waren erstaunt wie die Stasi die schwere Observatoriumskuppel gegen ein Glasfiberkuppel ausgetauscht hat ohne das die drum herum wohnende Bevölkerung etwas merkte. Die gesamte Technik war noch voll betriebsfähig.
    Selbst die Kollgen des Funktamtes Berlin welche auf dem Müggelberg weiter östlich ihren Dienstsitz hatten, haben davon nichts gemerkt!
    Glauben sie ruhig einem alten Berliner welcher in 43 jähriger Fernmeldetätigkeit in Berlin und Umgebung viel gesehen und miterlebt hat!
    Mit bestem Gruß
    H. Schubert

  4. Liebe Mitleser, nach nunmehr fast 20 Jahren Schweigens bin ich nun gewillt, jenes zu brechen. Ja, ich war Mitglied des MfS und ich habe lange Jahre eben na dieser stelle meinen Dienst verrichtet. Es waren, ich gebe offen zu, nicht meine schlechtesten Jahre,aber ich bereue. Jedenfalls kann ich die Meldung nur bestätigen.Mein früherer Vorgestzter, Häwert E. Kleintiel erzählte mir oft von dem frühen Vorhaben, an dieser Stelle den Fernsehturm aus dem Boden zu stampfen. Walter Ulbricht persönlich hat das Projekt gekippt, weil sein Vorhaben, das Stadtzentrum komplett nach Köpenick zu verlegen zu dieser Zeit logistisch einfach nicht zu realisieren gewesen wäre. So betrachtete er den derzeitigen Fernsehturm nur als Interimslösung, der eine Endgültige folgen sollte, sobald man dazu in der Lage wäre. Gott sei Dank kam der schwarze Bruder diesem Vorgang zuvor und das Projekt landete bei Honecker im Schreibtisch, wo es sich noch heute befinden soll

  5. Sehr verehrte Leser,
    wir sind entzückt und beeindruckt ob dieser Rückmeldungen! Die Autorin des Artikels hat säuberlich recherchiert und kam dennoch nie weiter. Jetzt wurde das Schwarze Loch in der Recherche teilweise gefüllt. Danke!

  6. Ja Leute, Recherche ist nicht Eure
    Stärke …mein Onkel hat sowohl
    die spätere „Sternwarte“ auf dem
    Großen Müggelberg als auch den
    Fernsehturm gebaut …erzählt weiter
    Eure Märchen …
    MFG

  7. liebe maulbeerblattherausgeber,

    zunächst erst mal ’nen glückwunsch zur 25. ausgabe! weiter so!

    das recht auf die volksmundmundbezeichnung „langer lulatsch“ besitzt einzig und allein der berliner funkturm auf dem messegelände im bezirk charlottenburg-wilmersdorf. und das seit ca. 83 Jahren – erbaut von 1924 bis 1926.

    und diese liebevolle bezeichnung soll dieses historische wahrzeichen der ingenieurbautechnik behalten so lange er nicht dem „rostfrass“ durch unsere schuld oder der verschrottung durch chinesische „schrottsammler“ zum opfer fällt.

    nun einige ergänzungen zum fernsehturm am alex:

    wie bekannt, war die ddr die größte deutsche demokratische ddr, die es auf germanischem boden jemals gab. dazu noch ein heroisches bollwerk an der spitze des antifaschistischen blockes mit dem großen bruder im hinterhalt
    – wehe dem, der böses dabei denkt.

    und darum war bei uns immer alles groß, größer … ihr wisst schon.

    der fernsehturm musste auch groß sein, um den westen richtungweisend zu beschallen.

    nicht dass er dazu noch über zweimal so hoch wurde wie sein kleiner bruder – ich meine jetzt wieder den „langen lulatsch“ – er hatte sogar drei namen, die ihm das „reine“ ostberliner „volk“ gab:

    1. telespargel

    2. ulbrichts protzkeule und

    3. st. ulbrichts-kathedrale.

    zu 3.: immer, wenn die sonne – die am firmament – schien und in einem bestimmten winkel auf die prismenartige, architektonische oberfläche der k u g e l traf, bildeten die reflektierten strahlen ein weithin sichtbares kreuz, welches bekanntermaßen das zeichen der weltweiten christenheit ist.

    mir fiel beim anblick dieses sed-ungewollten phänomens immer ein lied aus unserer jungen gemeinde ein:
    „die güldne sonne voll freud und wonne bringt unsern grenzen mit ihrem glänzen ein herzerquickendes liebliches licht…“

    so errichtete die ideologisch atheistisch eingestellte ddr-führung sogar noch ungewollt das „abstrakt höchste sakrale“ bauwerk europas – seinerzeit.
    das höchste echte sakrale bauwerk – weltweit – ist wohl der ulmer dom mit 162 metern.

    soweit eine kleine „geschichte“ zum schmunzeln, welche man aber auch ernsthaft betrachten sollte!

    mit herzlichen grüßen und besten wünschen für euch

    euer leser georg

  8. Zu Georg vom 22.07.09,
    unter 3. müßte stehen: „St. Walter!“ Dies war die allgemeine private Bezeichnung für den sog. „Telespargel“
    Jede Änhlichkeit mit den Traditionsbezeichnungen für den Berliner Funkturm wurden peinlichst vermieden!
    Gruß H.S.

  9. Wir wussten es, Ni Gudix! Nie haben wir an Dir und Deiner Recherche zu diesem Thema gezweifelt. :-)

    Nun erhielten wir Gewissheit – die Fernsehturmgeschichte: Es ist alles wahr! Schweiget in Ehrfurcht, ihr Ungläubigen und kleinmütigen Zweifler!

    Vorgestern nämlich betrat ein Mann, ca. 75 Jahre, die heiligen Hallen unseres Bürolofts. Er wäre nicht ganz einverstanden mit der glossenartigen Form der Geschichte aber inhaltlich stimme sie und er müsse es ja wissen. Denn er, Wolfgang Schädlich, Diplomingeneur der TU Dresden, sei damals selbst als Konstrukteur und Entwickler im Auftrag der Deutschen Post an diesem Projekt beteiligt gewesen.

    Auf dem Müggelbergen sollten Fernseh- und UKW-Sender installiert werden. Die im Artikel genannte Höhe von 38 Meter sei jedoch nur für den Unterbau gedacht. Auf diesem wäre dann noch eine Stahlkonstruktion von mindestens 60 meter installiert worden.

    Das plötzliche Ende des Projektes hätte ihn auch überrascht. Er führt es jedoch auf zwei Umstände zurück:
    Einerseits hätten die Alliierten tatsächlich Einspruch angemeldet, was ein solch hohes Bauwerk in der Einflugschneise nach Schönefeld angeht und außerdem wäre die verwendete Funktechnik (Band1) bereits ein bis zwei Jahre später hoffnungslos veraltet gewesen. Da stellenweise schon mit Band 2 und Band 3 gesendet wurde. (Die Technik aus diesem Projekt wurde später an Ungarn verkauft und dort auch verwendet.)

    Wolfgang Schädlich selbst war jedoch noch bis 1969 mit dem Projekt Fernsehturm befasst: Die letzten 20 Meter der Fernsehturms in der Panoramastraße am Alexanderplatz sind ebenfalls eine Konstruktion von ihm.

  10. „Oder wenn die DDR-Bauherren professioneller gearbeitet und nicht so viel schlechte Ossiplörre gesoffen hätten.“
    Nach dieser Einleitung war mir das Weiterlesen vergangen.
    Sollte wohl witzig sein. Isses aber nich!
    Gratulation, dolle Schreiberlinge habt ihr.

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