Fluchtpunkt Ich

Über die ungelöste Spannung zwischen Biografie und Souveränität in der ostdeutschen Gegenwartskunst
Wenn die Umstände kompliziert und die zu treffenden Entscheidungen hart sind, braucht es gelegentlich eine gehörige Portion Selbstvergewisserung - ich tue das Richtige, alles ist okay. Wiederholung wird zum dreifach, vierfach gestapelten Argument. Nur, was man viermal sagen muss, glaubt man wahrscheinlich selber einmal nicht, und so verrät die Beschwörung den Zweifel, den sie zudecken soll. Seht her, wie gelassen ich bin, wenn die anderen mit meinem Mädchen tanzen …

Die Kids sind nicht alright 2

In den 1960er-Jahren sang die britische Rockband The Who mit »The Kids Are Alright« gegen die latenten Selbstzweifel eines Freiheitsliebenden und erschuf damit eine bittersüße Hymne der Selbstermächtigung. Die beiden deutschen Staaten steckten damals knietief im Kalten Krieg und schienen auf alle Zeiten unversöhnlich miteinander verbunden.

Fast vierzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung machen die beiden Kuratorinnen Dr. Meta Marina Beeck und Alice Hauck das Pfeifen im Dunkeln zum Programm und ziehen die Zweifel direkt an die Oberfläche. In der Galerie Adlershof versammeln sie Künstlerinnen und Künstler zu »Die Kids sind nicht alright! 2«, die sich mit den Folgen einer gesellschaftlichen Entwicklung auseinandersetzen, deren Ursprung sie selbst nicht erlebt haben. Auch die Generation der nach 1989/90 Geborenen ist längst erwachsen und muss schmerzhaft feststellen, dass die Folgen der gesellschaftlichen Umbrüche in ihren Biografien bis in die Gegenwart weiterwirken.

Den Ausstellungsmacherinnen geht es ganz bewusst nicht um die Erinnerung derer, die dabei waren, sondern um Weitergabe - über Familiengeschichten, über eingeschriebene Orte und gesellschaftliche Strukturen, über Erfahrungen, die man heute macht, weil die Vergangenheit noch aktiv ist. Ihre zentrale Frage: Wie prägt die Vergangenheit eine ganze Generation, die sie selbst nicht bewusst erlebt hat, und welche Spuren zeigen sich in den heutigen Debatten und Konflikten? Der inzwischen zum Kampfbegriff mutierte Ausdruck vom »Ostdeutschsein« wird gezielt von seiner geopolitischen Herkunft abgekoppelt und zum gesamtdeutschen Bezugs- und Erfahrungsraum umdefiniert. Genau deshalb kann die Ausstellung einen in Bally (Indien) geborenen Künstler, eine in Bonn geborene und zugezogene Künstlerin neben in Ost-Berlin, Halle oder Dresden Aufgewachsene stellen. Ostdeutschland soll nicht als homogener Raum erscheinen, sondern eben als ein vielschichtiger Erfahrungsraum aus Spuren, Brüchen und Kontinuitäten. Es scheint, als kämpften die Kuratorinnen und ihre Künstler auch um eine Korrektur des öffentlichen Erinnerns.

Wirklichkeit ist eben das, was wirkt.

Die Ausstellung holt bewusst das Marginalisierte nach vorn: die Lebensleistungen von DDR-Vertragsarbeiterinnen, Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen, fehlende Erinnerungskultur – und rechte, rassistische Gewalt von Rostock-Lichtenhagen über den NSU bis Hanau. Statt Verklärung arbeiten die Werke bewusst gegen das einschichtige Narrativ ostdeutscher Vergangenheit, Treuhand-Melancholie und Nostalgie hin zu einer Geschichte, in der Migration, Gewalt und Radikalisierung konstitutiv sind, nicht Randnotiz. Beeck und Hauck setzen alles auf eine Karte: Sie machen den Begriff „Ost“ anschlussfähig, geradezu extrem weit und riskieren damit, dass er als analytische Kategorie so dehnbar wird, dass fast alles hineinpasst.

Die stringente Erweiterung des Erfahrungsbegriffs produziert deshalb eine interessante, aber eben auch problematische Konsequenz: Wenn sich das „Ostdeutschsein“ von der Biografie so weit abkoppelt und zum frei wählbaren Erfahrungsraum wird, dann wäre auch das ‚Trauma‘ eine Wahlmitgliedschaft – etwas, in das man eintreten kann, ohne es erlebt zu haben. Es ist bekannt, wohin Debatten darüber führen können.

Die engagierten Kuratorinnen versprechen einen „vielschichtigen Erfahrungsraum“ mit „Spuren, Brüchen und Kontinuitäten“ – verengen aber gleichzeitig den Osten als Tatort und Trauma-Landschaft. Der Widerspruch zwischen dem versprochenen Reichtum und der tatsächlichen Verengung ist in der Ausstellung dann auch mit Händen zu greifen. Vierzig Jahre ostdeutscher Lebenswirklichkeit auf ein Reizthema zu reduzieren, deklariert einen Teil zum Ganzen und verhindert genau die differenzierte Debatte, die man sich wünscht und die zu führen die Zeit überreif ist. Arbeit, Kindererziehung, Feste, Nachbarschaft, Langeweile, Aufstieg, Verliebtsein, Ingenieurskunst, Kirchentag, Kleingarten, Wende-Gründergeist – das ganze prosaische Leben von Millionen verschwindet, damit das Konzept aufgeht. Selbst dort, wo die Ausstellung andere Themen berührt, führt sie diese zurück in denselben Deutungsrahmen.

Im Gespräch mit Eric Meier und Manuel Sékou fällt mir die Behutsamkeit auf, mit der beide Künstler über sich und ihre Ausstellungsbeiträge sprechen. Fast ein bisschen wie Überlebende einer Flugzeugkatastrophe. Meier zeigt einen überdimensionierten, aufgerissenen Drahtzaun vor einem Zerrspiegel, Fotografien und Bruchstücke aus Beton, an die sich geschmolzene Glasbausteine fast zärtlich anzuschmiegen scheinen. Hier wächst zusammen, was zusammengehört. Der Betrachter muss selbst entscheiden, wer hier stellvertretend seine stoffliche Identität aufgegeben und sich transformiert hat.

Manuel Sékou ist in Dresden geboren und aufgewachsen. Die Sachsenperle, auf die die Medien seit der Wende gern projizieren, sie allegorisieren und darin mäandern. Seine Arbeit macht den Juwelenraub aus dem Grünen Gewölbe zur Metapher für verlorene „Schätze der Erinnerung“. Lässt sich das mediale Bild korrigieren, oder wird es nur weiter verkompliziert – und wo genau klafft eigentlich die Lücke zwischen dem vermittelten und dem gelebten Dresden? Auch hier geht die Antwort ins Offene, denn Manuel beschreibt sein künstlerisches Schaffen als eine »Suche ohne klares Ziel«. Das Tal der Ahnungslosen hat Sékou längst verlassen, ist weitergezogen. Diese Kraft zum Fliegen sieht und spürt man auch bei allen anderen Künstlern. Die eigentliche Herausforderung wird sein, die eigene Befindlichkeit in künstlerische Souveränität zu verwandeln.

Warum Ostdeutschland auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR ein in vielerlei Hinsicht besonderer Bezugsraum bleibt und gerade in diesem Herbst bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hart umkämpftes Gebiet ist, darauf geben die Werke der beteiligten Künstlerinnen und Künstler keine Antwort, wollen sie auch gar nicht. Stattdessen zeigen sie mit ihren intensiven und fordernden Arbeiten auf die blinden Flecken der eigenen Biografie, ihrer Herkunft - vielleicht einmal zu oft, da wünschte ich mir mehr Mut, über sich selbst und den Raum der eigenen Sozialisation hinauszudenken. Fragilität darf nicht als Alibi für Handlungsunfähigkeit herhalten. Das Leben war zu keiner Zeit und an keinem Ort ein Safespace – die wichtigsten Erfahrungen werden gelebt, nicht vererbt. Selbst wo die Sujets nach außen weisen – Hanau, Rostock, die Vertragsarbeiter von Vockerode –, bleibt der Fluchtpunkt das eigene Ich. Das Pogrom verkommt unfreiwillig zum Material der Selbstverortung, die Opfer werden zum Anlass eigener Empfindsamkeit. Der Gegenstand ist zwar die Welt, der Referenzpunkt bleibt dennoch allein das Selbst.

Persönliche Sollbruchstellen zum Ausgangspunkt von künstlerischer Arbeit zu machen, ist absolut alright – den Blick wieder nach außen zu richten, zwingend alrighter.

Nein, wer Visionen hat, muss nicht zum Arzt gehen.

„Die Kids sind nicht alright! 2“
Kommunale Galerie Adlershof, 29.08.–14.11.2026

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler
Die Gruppenausstellung versammelt insgesamt acht künstlerische Positionen: Arijit Bhattacharyya (*1994 in Bally, Indien), Minh Duc Pham (*1991 in Schlema), Manuel Sékou (*1991 in Dresden), Clara Maria Bennewitz (*1999 in Bonn), Anna Sophia Barth (*1988 in Saalfeld), Eric Meier (*1989 in Ost-Berlin), Malte Fröhlich (*1987 in Ost-Berlin) sowie Maria Kindling (*1985 in Halle an der Saale). Ergänzt wird die Schau im Begleitprogramm und Archivbereich durch die historische Interviewarbeit des Regieduos Nele Ebert und Thomas Hahn.

Kuratorinnen: Dr. Meta Marina Beeck und Alice Hauck


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