Ich wusste, der Tag würde kommen. Lange habe ich gewartet. Hatte die Hoffnung fast aufgegeben. Die Hoffnung auf den Tag, an dem die Kompetenz der Gedichtinterpretation sich als Alleinstellungsmerkmal derjenigen, die mal zur Schule gegangen sind, entpuppt. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Na gut, vielleicht vor dem Sexismus. Aber zuvorletzt. Nun wage ich, Frau, mich im Namen der Diskriminierten also mal wieder an so eine Gedichtinterpretation. Also wie ging das noch…


Einleitung.

Mit Hintergrunddaten. „Avenidas“, zu deutsch „Alleen“, heißt das Gedicht, um das es hier gehen soll. Rein zufällig ausgewählt. Weil es schön ist. Es wurde 1951 von Eugen Gomringer geschrieben, 2011 von der Berliner Alice Salomon Hochschule ausgezeichnet und dieser zur Mauergestaltung überlassen, 2018 vom AStA eben dieser Hochschule an der Außenmauer eben dieser Hochschule wiederentdeckt und als böswillig entlarvt. Als höchstböswillig – nämlich als sexistisch. Zum Sexismus später mehr.


Nun kommt der verzwickte Part: der Hauptteil.

Mit Analyse und Interpretation. Da war ich nie gut drin. Sehen wir mal, was wir da rausholen können.

Äußerlich lässt sich sagen, das Gedicht besteht aus zwanzig Worten, ist kurz, unscheinbar, gar übersehbar. Schriebe man es zum Beispiel groß an eine Wand, würde es sicher sechs, sieben Jahre keiner bemerken. Und niemandem fiele auf, wie sexistisch es doch ist. Der aufmerksame AStA hat zum Glück Zeit für so viel soziales Engagement zur Richtigstellung dieser kulturellen Unannehmlichkeiten gefunden und uns vor Schlimmem bewahrt. Vor dem Fortweilen des sexistischen Wortschwalls inmitten unserer schönen Stadt. Aber ich schweife ab, also zum Sexismus später mehr.

Inhaltlich lässt sich sagen, das Gedicht besteht eigentlich nur aus sechs Worten, von denen sich die meisten dauernd wiederholen. Viele davon lassen sich als Gewächse kategorisieren. Es geht also um Grünzeug. Grünzeug und Frauen. Und einen Mann, „Bewunderer“ genannt. Wen bewundert er also nun. Die Frauen? Geringwahrscheinlich. Die kommen in dem kurzen Gedicht ja gerade zwei-, dreimal vor. Meiner Meinung nach steht also die Stadtbegrünung im Mittelpunkt. Da sind Wiederholungen, die heben das hervor. Das habe ich damals in der zehnten Klasse gelernt.


Dann fehlt an sich nur noch der Schluss.

Was der Autor wirklich, wirklich sagen will. Er beschreibt zwar eine friedvolle Szene in Barcelona, aber wir haben da ja immer noch seine bösen Hintergedanken, die wir hier unterbekommen müssen. Wo bleibt denn nun der versprochene Sexismus?

Ja nun, gefunden habe ich ihn noch nicht, aber am besten findet man bekanntlich Dinge, die man selbst dort hingestellt hat, wo man sie sucht. Diskriminierung erschafft man heutzutage am besten mit ihrer Beseitigung. Um Gruppen nicht auf die Füße zu treten, die allein einfach nicht auf die Idee kommen wollen, sich zu beschweren.

Sollten wir uns nicht freuen, mit dem Schönen assoziiert zu werden? Blödsinn. Keinen Bewunderer zu haben, finden Frauen blöd. Einen Bewunderer zu haben, finden sie auch blöd. Der ist nämlich oberflächlich und sexistisch und meint es sowieso nicht ernst und assoziiert einen auch noch mit schönen Dingen. Wie Blumen. Widerwertig so was.

Drehen wir den Spieß doch einfach mal um. Dann sollte das Gedicht so lauten:

 

Alleen

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Männer

Alleen

Alleen und Männer

Alleen und Blumen und Männer und

eine Bewunderin.

 

Na, wie gefällt euch das, ihr Sexisten? Gleich ist das Gedicht nicht mehr so friedvoll. Alleen und Männer – gleich kommt Napoleon aus dem Unkraut marschiert.

Hätte man hier über Sexismus geklagt? Sicherlich. Sexismus gegen Männer? Sicher nicht. Denn die arme Frau, die hier nichts zu sagen hat und die starken Männer anhimmelt, wird doch offensichtlich von viel zu vielen Männern mit lüsternen Blicken belästigt. Sie fühlt sich sicher diskriminiert. Und mit ihr jede, die das Gedicht zu Augen bekommt.

In welche Rolle man die Weiber auch steckt, sie bleiben immer die Diskriminierten. Welch sexistische Gesellschaft.


Der Spiegel vom 23.02. 2018

 


Anaïs Scheel

Ein Beitrag von Anaïs Scheel

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: "Geduld ist Zeitverschwendung."