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wu%cc%88rfelAlea iacta est? Der Würfel ist gefallen? So könnte man an dieser Stelle fragen, geht es doch beim Strandbad Müggelsee um einen Würfel, den so genannten Disco-Würfel, manchen auch als die ehemalige Großgaststätte geläufig. Die Frage ist, ob er stehen bleibt – oder ob er eben fällt. Und ob eine Entscheidung fällt, und wenn, welche. Gion Voges jedenfalls, der Vorsitzende des Vereins Bürger für Rahnsdorf (BfR), hält dieses Gebäude für den Dreh- und Angelpunkt eines Konzepts, mit dem das Strandbad wieder in alter Pracht erstrahlen kann. Doch hat Voges einen Widersacher, der, so sieht er es, den Würfel schon 2017 am liebsten abreißen möchte. Und das ist Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick.

Wenn Gion Voges vom Strandbad erzählt, ersteht es vor dem inneren Auge: Da ist der denkmalgeschützte Bau aus den 20er Jahren, entworfen von Martin Wagner und Friedrich Hennings: eine Anlage bestehend aus dem Eingangsgebäude, der großzügigen Freitreppe, die zum Müggelsee, zu den Läden und Umkleidekabinen hinabführt. Linker Hand befindet sich eine Terrasse, der besagte Würfel und in dem sogenannten Mehrzweckgebäude eine Sauna. Kaum zu übersehen ist aber auch der marode Zustand des Ensembles.

Für das Strandbad gibt es ein Nutzungskonzept, das der Unternehmer Sven Kühne und der Ingenieur Wilfried Wolff Anfang 2011 vorgelegt haben. „Unser Verein und sein runder Tisch haben diesen Entwurf unterstützt und maßgeblich auf den Weg gebracht“, sagt Gion Voges. Wenn dieses Konzept denn endlich umgesetzt werde, sagt er, könne man das gesamte Strandbad ganzjährig und wirtschaftlich betreiben. Es seien sogar Gewinne möglich. „Für Wartung und Erhaltung muss der Bezirk pro Jahr rund 500.000 Euro zahlen. Die lassen sich aber auch durch den Betrieb der Sauna und einer Wellnessoase mit gehobener Gastronomie einnehmen.“ Doch ohne den Würfel gehe es eben nicht. Zumal die in den 70er Jahren errichtete Großgastronomie das einzige Gebäude ist, das noch gut in Schuss sein soll, so Voges. „Was die Gestaltung betrifft, wollen wir Glaswände, die Wellness-Oase soll transparent sein.“

Seit 2006 kümmert sich der Rahnsdorfer Bürgerverein unter Vorsitz von Gion Voges um das traditionsreiche Bad, das im Besitz des Bezirks Treptow-Köpenick ist. Der Verein hat zum Beispiel erreicht, dass das Areal frei zugänglich ist. Mit Hilfe eines Arbeitslosenvereins wird das gut 200.000 Quadratmeter große Gelände und sein 500 Meter langer Strand seit Jahren sauber gehalten. Inzwischen lockt das Strandbad zu jeder Jahreszeit zahlreiche Besucher an. Das Konzept zur Bewirtschaftung des Strandbads Rahnsdorf ist damals nicht nur bei den Bürgern gut angekommen, auch das Bezirksamt hat es 2014 begrüßt. Immerhin könnte man den Unterhalt sparen, den der Bezirk aufwenden muss. Darum kann Voges nicht nachvollziehen, warum der Bezirksbürgermeister jetzt ausgerechnet das einzig intakte Gebäude in Frage stellt.

Das Strandbad wird im Bezirksamt von der Serviceeinheit Facility Management verwaltet, und die untersteht mit dem Bereich Immobilien Oliver Igel. Somit ist er auch erster Ansprechpartner. Gion Voges drückt es despektierlicher aus: Igel habe das Strandbad zur Chefsache erklärt. „Der Bürgermeister meint, der Würfel schädigt das Denkmal, und zwar weil er Wasser in den darunter befindlichen Denkmalbereich drückt.“ Das hält Voges für ausgemachten Unsinn: „Der Würfel steht viel zu weit vom Denkmal entfernt.“

Oliver Igel wiederum versteht nicht, warum Voges jetzt wieder an Sachen rührt, die längst auf den Weg gebracht sind. „Ich habe bereits im August auf einer Pressekonferenz gesagt, dass wir ein Gutachten in Auftrag gegeben haben, um den Zustand des gesamten Ensembles zu ermitteln. Das wird im Frühjahr vorliegen.“ Das Thema sei gerade gar nicht in der Diskussion. „Können wir nicht abwarten, was die Experten dazu sagen?“ Wenn man im nächsten Jahr wisse, ob und welche Schäden der Würfel verursache, könne man entscheiden: Beseitigt man die Schäden? Oder den ganzen Würfel? Oder lässt man ihn stehen? Der angespannte Ton zwischen den beiden Protagonisten ist nicht zu überhören. Obwohl sie sich seit Jahren kennen, können sie keine gemeinsame Linie finden. „Ich frage mich, woher Herr Voges das Wissen nimmt, dass der Würfel keinen Schaden genommen hat“, sagt Igel. „Das Gutachten möchte ich sehen.“ Und: „Der Würfel wurde in den 70er Jahren ohne Abdichtung gegen das Denkmal errichtet. Mehr habe ich nicht gesagt.“

Voges hat seinen Grund, warum er Druck macht. Zunächst duldet der mehr als kritische Zustand des Denkmals nicht mehr allzu viel Aufschub. Weiterhin ist logisch: Wenn der Würfel abgerissen ist, ist auch das vom Bürgerverein vorgeschlagene Konzept passé. Also rührt Voges für seine Sache jetzt die Werbetrommel. Er meint, man brauche ein tragfähiges Konzept, wenn man in die Ausschreibungsphase gehe. Denn so viel steht fest: Das Strandbad wird ab Mitte 2017 saniert, die Gelder dafür, insgesamt acht Millionen Euro, stehen bereit.

Allerdings sind sich die beiden – und das ist der nächste Zankapfel – nicht einig, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Der Bezirksbürgermeister jedenfalls sagt, die acht Millionen Euro dürfe man nur in die Sanierung des Denkmals stecken. Den Betrieb der Sauna kann er sich vorstellen. „Vielleicht ließe sie sich verpachten. Mit dem Erlös kann man dann einen Teil der Unterhaltskosten refinanzieren.“ Doch einen kommerziellen Wellnesstempel, der auch gar nicht unter Denkmalschutz stehe, könne man mit dem Geld nicht bauen.“ Selbst wenn es sich einrichten ließe, bezweifelt Igel, dass die Summe ausreichen würde.

Voges hält sich zugute, dass es ohne seine Initiative diese Mittel gar nicht gäbe. „Ich habe damals zusammen mit Mitarbeitern des Landesdenkmalamts Förderanträge gestellt. Eine Prüfung durch das Bundesamt Kultur und Medien (BKM) hat zu dem Ergebnis geführt, dass sowohl das Strandbad Wannsee als auch das Strandbad Müggelsee Baudenkmäler von nationaler Bedeutung sind.“ Das sei die Voraussetzung dafür gewesen, dass der Bund sowie das Land Berlin Sanierungsgelder in Höhe jener acht Millionen locker gemacht hätten. Es handelt sich nämlich um eine Mischfinanzierung: Der Bund stellt vier Millionen bereit, wenn der Senat die gleiche Summe hinzu gibt. Die Einwilligung dazu hat der Senat unlängst getroffen. Nun ist Voges sauer, weil sich Oliver Igel angeblich mit fremden Federn schmückt. „All die Erfolge, die der Verein Bürger für Rahnsdorf erzielt hat, nimmt er für sich in Anspruch.“ So auch bei den Sanierungsgeldern. Dass sie bewilligt wurden, ist dem SPD-Bundestagsabgeordneten für Treptow-Köpenick, Matthias Schmidt, zu verdanken. Er hat im Bundestag dafür geworben, das Baudenkmal am Müggelsee zu erhalten. Am Ende wurde dem Vorhaben im Haushaltsausschuss zugestimmt. „Die Gelder sind aber nicht daran gebunden“, so Oliver Igel, „dass es sich um ein Denkmal von nationaler Bedeutung handelt. Das Geld kommt aus den gleichen Töpfen wie die jetzt zugesagte Hilfe des Bundes für die Sanierung der VHS Baumschulenweg.“ Die Volkshochschule ist zwar wie das Strandbadgebäude ein Denkmal, aber, und das sei der gravierende Unterschied, so Igel, nicht von nationaler Bedeutung. Voges hingegen meint, durch diesen besonderen Status sei überhaupt erst Bewegung in die Sache geraten. „Vorher hat sich niemand für das Strandbad interessiert.“

Die Alternative wäre, dass ein Privatinvestor den Würfel in einen Wellnesstempel umbaut. Das ist aber wiederum nicht so einfach möglich, da es sich um ein öffentliches Grundstück handelt, auf dem ein Privater nicht so ohne Weiteres bauen darf. „Das geht nur im Erbbaurecht“, sagt Igel. Da müsse der Bezirk aber genau hinsehen, mit wem er da Verträge abschließt. „Sollte der Investor pleitegehen, und das vielleicht schon in der Bauphase, ist der Bezirk in der Pflicht. Im schlimmsten Fall ist er gezwungen, für viel Geld eine Ruine abzureißen.“ Für Gion Voges sind das alles Ausreden. Er vermutet, dass die verantwortlichen Bezirksamtsmitarbeiter vom Facility Management einfach keine Lust hätten, den Verwaltungsaufwand für den Würfel zu betreiben. „Auch dem Bürgermeister geht es nur um das Denkmal, an einem wirtschaftlichen Betrieb des Strandbads ist ihm gar nicht gelegen.“ Das weist Igel weit von sich, zu diesem Anwurf falle ihm auch nichts mehr ein, meint er.

Diese Kette von Nickligkeiten ließe sich noch seitenweise fortsetzen. Der eine spricht von Blockadehaltung, der andere erwidert, dass jener die Sachen falsch versteht. Eine Menge Reizwörter und -themen haben sich angesammelt: Spielgerät für Kinder und Betonkante am Ufer waren die jüngsten Ereignisse. Aber das Muster, wie die beiden damit umgehen, ist immer dasselbe. Wessen Meinung man sich anschließt, scheint mithin fast eine Glaubensfrage geworden zu sein.

Die Bürger haben von diesen Auseinandersetzungen nur wenig. Im Herbst fand erst wieder eine Unterschriftensammlung statt. Da haben sich in kurzer Zeit 600 Leute für das Wellnessoasen-Konzept ausgesprochen. Sie alle möchten die Riviera des Ostens wieder haben. Hier gab es Aufregung um Karin Zehrer (SPD), vor der Wahl Kandidatin fürs Abgeordnetenhaus, die die Unterschriftensammlung laut Voges verhindern wollte. Als das Ergebnis der Umfrage vorlag, meinte Karin Zehrer, die „Vergabe von Planungs- und Sanierungsaufträgen lassen sich nicht mit einer Bürgerbeteiligung verknüpfen“. Die anderen Kandidaten für den Rahnsdorfer Wahlkreis sahen das anders, da war der Bürger ganz groß geschrieben.

Aber lassen Sie uns an dieser Stelle einen Punkt setzen. Denn dass alle das Strandbad Müggelsee erhalten und wieder herrichten wollen – das ist doch unstrittig. Nur über den richtigen Weg ist man sich nicht einig.

Foto: iStock/ BrianAJackson


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"