Wie gesund ist und bleibt das Berliner Trinkwasser?

volker schmohl

Die Braunkohle war die Energiequelle der DDR. Zu deren Gewinnung wurden ganze Landstriche aufgebaggert. Nach 1990 wurden die meisten Tagebaue stillgelegt. Ein Großteil wurde geflutet. Doch es entstanden keine blühenden Landschaften, sondern eine tickende Zeitbombe.

Denn nicht nur aus den aktiven Tagebauen gelangen Schadstoffe ins Wasser. Werden ehemalige Tagebaue aufgefüllt, gelangen mit dem ansteigenden Grundwasser Eisenhydroxid, Sulfate und letztlich Säure ins Wasser. Die im Spreewald bereits sichtbare Verockerung bedroht alles Leben im und am Wasser. Die Sulfatanreicherung in den Flüssen, der Landschaft und im Grundwasser könnte nun auch die Trinkwasserversorgung Berlin/Brandenburgs bedrohen. Nachdem bereits ein Berliner Stadtmagazin (zitty 6/2013) von einer Verockerung und Sulfatbelastung der Spree berichtete und BBB-TV einen Beitrag mit dem Titel „Umweltkatastrophe im Spreewald“ hierzu ins Netz gestellt hat, wollte es die Maulbeerblatt-Redaktion genauer wissen. Also fuhren wir stromaufwärts nach Neu-Zittau, wo sich die Spree als zartes Flüsschen durch eine Wiesenlandschaft windet, um uns mit dem Biolandwirt Volker Schmohl zu treffen.

Herr Schmohl, welche Form der Landwirtschaft betreiben Sie? Sehen Sie, wir befinden uns hier mitten im Landschafts- und Trinkwasserschutzgebiet. Große Flächen sind sogar als FFH-Gebiete ausgewiesen. (FFH-Gebiete sind Schutzgebiete nach EU-Richtlinie zur Erhaltung natürlicher Lebensräume wildlebender Pflanzen- und Tierarten, die Flora-Fauna-Habitat- Richtlinie.) Demzufolge haben wir uns als biologischer Landwirtschaftsbetrieb etabliert. Wir haben ca. 500 Rinder für die Biofleischproduktion. Wir arbeiten hier ohne künstliche Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Unsere Tiere fressen das, was auf der Wiese wächst.

In letzter Zeit wächst sowohl in den Medien als auch in der Politik das Problembewusstsein für die Verockerung und die Sulfatbelastung der Spree. Sind Sie von der Verockerung betroffen? Die Verockerung ist bei uns noch nicht so deutlich. Doch die Wasserqualität hat in den letzten Jahren immer mehr abgenommen. Erhöhte Sulfatwerte machen halt Magen-Darmprobleme. Sie sterben vorerst nicht davon. Es geht ihnen einfach nur schlecht. Dem einen mehr, dem anderen weniger. Bei unseren Tieren haben wir eine deutliche Zunahme von unspezifischen Verdauungserkrankungen, weil unsere Weideflächen versumpfen. Die Vernässung der Flächen, die Hochwasserproblematik ist unser größtes Problem.

Sie sprechen von Hochwasser. Bekannterweise leidet die Spreeregion jedoch immer wieder unter Trockenheit. Die Talsperren z.B. in Spremberg und Bautzen sind Speicherbecken, die auch zur Niedrigwasseraufhöhung der Spree gebaut wurden. Und dieses ehemals unter Trockenheit leidende Gebiet wird nun ein Sumpf. Mit viel, viel weniger Wasser! Nur ein Drittel Wasser der Spree stammte aus dem Tagebau. Und die meisten Tagebaue gibt’s nicht mehr. Wir haben ein Drittel weniger Wasser und paradoxerweise säuft alles ab. Jetzt spricht man von „Wiedervernässung“. Aber es war hier früher gar nicht nass.

Was denken Sie, ist die Ursache für diese Entwicklung? Die Tagebaue wurden geflutet. Die Spree führt nun weniger Wasser. Die ganze Müggelspree ist so ausgebaut gewesen, das das Geschiebe, die Kleinteilchen, durchgetragen wurden, bis hier in unsere Region. Und hier waren bis 1989 die Baggerboote im Einsatz und haben das rausgeholt. Das hat man nach der Wende nicht mehr gemacht. Hier liegt mittlerweile Unmengen an Geschiebe drin. Selbst das wenige Wasser passt nun einfach nicht mehr in das Flussbett.

1990/91 wurden die ersten Studien zur Renaturierung vom Land Brandenburg in Auftrag gegeben … Es folgten eine Reihe von Maßnahmen. Politisch wurde in Brandenburg eine Gesetzeslage geschaffen, um die Versumpfung „wieder“ herzustellen. Außerdem befand das PIK (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) als unabhängiges Institut sinngemäß: „Brandenburg stirbt aus und wir können es uns nicht mehr leisten, für die paar Leute flächendeckend Gewässerunterhaltung und Hochwasserschutz zu betreiben.“ Ab ungefähr 2000 wurde dann mit den wasserbaulichen Maßnahmen begonnen. Flussbettverlegungen und Zukippen der Gewässer. Vor diesen Maßnahmen wurde die Müggelspree als einer von 3% der Flüsse der Bundesrepublik eingestuft, die naturbelassen waren und folgerichtig als FFH-Gebiet gemeldet. Heute ist die Spree als erheblich verändert eingestuft.

Welche Veränderungen und Folgen für die Landschaft konnten Sie denn in den vergangenen Jahren beobachteten? Durch die geschilderten Maßnahmen wurde die Fließgeschwindigkeit des Wassers erheblich herabgesetzt. Jetzt bildet die Region eine Sulfatsenke. Man nimmt die Fließgeschwindigkeit raus, damit sich die Schwebstoffe, wie Eisenhydroxid und Sulfate hier absetzen und anreichern können. Und das, was sich durch das Ablagern bildet, stinkt. Es entstehen Faulmoore.

Hinzu kommt noch ein anderes Thema. Nämlich das Thema Flughafen. Die Flugrouten gehen über diese Wiesen. Was man da gar nicht brauchen kann, ist ein Vogelschutzgebiet. Wegen der Gefahr des Vogelschlags. Durch die Vernässung verschwinden Mäuse und andere Kleintiere. Damit ist man erst einmal die Raubvögel los, speziell Bussard und Milan. Den Schwarmbildnern und Wiesenbrütern wie dem Wiesenpieper fehlen die Brutplätze. Gänse, Enten und Kraniche brauchen Platz zum Starten. Dagegen hilft Verbuschung. Die Flächen werden der Nutzung entzogen und durch regulierende Wasserlenkung zur Flussauenlandschaft mit dauerüberfluteten, baumbestandenen Auenwäldern „reguliert“. „Renaturierung der Müggelspree“ – Ich würde das, was hier geschieht, auf keinen Fall Renaturierung nennen. Es ist eine Vernichtung. „Rote Liste“-Arten wie Sumpfschildkröte, Krebsscheere und diverse Falterarten sind gnadenlos ausgerottet worden. Vom Wiesenpieper gibt es fast 80% weniger, Schmetterlinge sind kaum noch sichtbar. Früher wenn ich über die Wiesen ging, sind sie aufgestoben – jetzt sieht man fast gar keine mehr.

Ist der beschriebene Veränderungprozess Ihrer Meinung nach noch aufzuhalten oder gar umkehrbar? Wenn man die Vernässung korrigieren wollte, und dann die Fließgeschwindigkeit wieder erhöhen würde, was man könnte mit der vorhandenen Wehrsteuerung, dann wäre das Wasser in Berlin in wenigen Wochen braun. Dann würde der ganze Dreck durchgespült und würde auch durch Berlin fließen. Jetzt sieht das Wasser in Berlin nicht braun aus, ist aber gefährdet, durch Sulfate. Aktuell wird das Problem für Berlin vor den Augen der entscheidenden Politiker nicht sichtbar.

Was sagen die Naturschutzverbände, was der BUND? Was sagt Greenpeace zu der von Ihnen geschilderten Problematik der Vernässung? Die ersten Reaktionen der anerkannten Naturschutzverbände zur Renaturierung um 1996 waren: „Das ist eine Sauerei und rechtswidrig.“ Und heute sitzen sie in Potsdam, der Landeshauptstadt und bekommen ihre Büros vermutlich vom Land bezahlt. Ein Erkneraner Bekannter hatte sich mit dem Thema an Greenpeace gewandt. Aber Greenpeace hat das glattweg abgelehnt.

Welches Resümee ziehen Sie heute aus Ihren Erfahrungen mit politischen Entscheidungsträgern zu diesem Themengebiet? Die Vernässung ist politisch gewollt. Renaturierung nennen sie den Prozess, der in Wahrheit eine Zerstörung, Vergiftung und letztendlich die Entsiedlung einer gesamten Region darstellt. Wenn Sie mich fragen, werden hier die Tagebaufolgekosten auf die Allgemeinheit abgewälzt, die Vattenfall und die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- Verwaltungsgesellschaft zu tragen hätten. Die Region wird als Absetzbecken missbraucht. … Und ich muss es auch zugestehen: Es ist schon genial durchdacht. Der Clou ist es, alles als Renaturierungsprojekt zu verkaufen. Das ist der Hammer, davor ziehe ich meinen Hut. Und der Spreewald, das sage ich Ihnen ganz ehrlich, wenn man das ordentlich vermarktet – und das können die – dann kommt noch die ganze Welt, sich die „Roten Flüsse“ von Brandenburg anschauen. Ich glaube nicht, dass das ein Problem für die Tourismusbranche wird. Solange noch ein wenig Wasser drüber gehalten werden kann und die Kähne noch durch den Spreewald staken können, passiert da gar nichts.

Herr Schmohl, wir danken Ihnen für Ihre Zeit und das Gespräch.

Mehr Infos unter: www.hochwassernet.de