Die Rockband „Letzte Instanz“ spielte in China, das Maulbeerblatt flog mit.

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Diese Band rekrutiert ihre Musiker aus den verschiedensten Himmelsrichtungen. Wenn drei Bayern, drei Sachsen und ein Berliner Sänger aus Istanbul zusammenkommen wollen, dann ist darunter immer jemand, der einen Weg von mehreren hundert Kilometern bis zum Proberaum zurücklegen muss. Folglich könnte man die Bandmitglieder auch mal für ein einziges Konzert elf Stunden in den Flieger setzen, um sie am anderen Ende der Welt auftreten zu lassen. Das dachte sich das Goethe-Institut und engagierte die Formation „Letzte Instanz“ für ein Gastspiel im 8000 Kilometer entfernten Guangzhou.

Häufig als „Fabrik der Welt“ bezeichnet, liegt Guangzhou an Chinas Südküste, direkt im Perlflussdelta unweit von Hongkong. Früher der Ausgangspunkt der Seidenstraße, ist die heutige Zehnmillionenstadt Austragungsort der größten Exportmessen der Volksrepublik. Vor kurzem begann die Metropole mit dem Bau des größten Fernsehturms der Welt, der einmal 610 Meter messen soll.

In Guangzhou lud man ins neue Stadtzentrum Tianhe zur Deutschlandpromenade ein, einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Köhler und des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao. Bereits seit 2007 präsentiert sich Deutschland in Abständen von etwa einem halben Jahr in den verschiedenen Regionen Chinas als „zukunftsorientiertes, innovatives Land“. Diese Kampagne, die noch bis 2010 andauern soll, ist die bislang umfangreichste Selbstdarstellung der Bundesrepublik im Ausland. Ziel der Deutschen ist es, gemeinsame Strategien zur Bewältigung der rasanten Urbanisierung Chinas zu entwickeln. „Deutschland – Land der Ideen“ heißt der Claim, der von Plakaten und Aufstellern prangt. Eine Idee ist es, an großen Informationsständen über Allianz, Daimler und Deutsche Bank zu informieren. Weitaus lustiger geht es jedoch zu, wenn Chinesen bei bayerischer Volksmusik und jodelnden Schuhplattlern Eisbein und Sauerkraut mit Messer und Gabel sowie deutsches Bier vertilgen. Die zweifelsohne schönste Idee aber ist es, im sommerheißen Klima eine große Open Air-Bühne aufzubauen, um den Einheimischen die musikalische Vielfalt Deutschlands nahe zu bringen.

Udo Hoffmann und sein Organisationsteam üben sich dabei in einem großen Spagat: Haindling demonstrieren, dass sich achtzigerjahre-geprägter Bayernpop unweit der Balkanbeats aufhält; Texas Lightning mit Comedian Olli Dietrich am Schlagzeug zelebrieren deutsches Cowboygefühl und Doro pilgert in guten, alten Hardrockgefilden.

Auch die Romantikrocker von der „Letzten Instanz“ freuten sich über die Einladung – freilich mit Restzweifeln, etwa wegen der chinesischen Haltung Tibet gegenüber. Zudem gibt es einige Auflagen, beispielsweise nichts ins Publikum zu werfen und keine freien Oberkörper zu zeigen. Nach einigem Hin und Her sagte die Band schließlich zu.

Die weite Reise sollte sich lohnen. Die Chinesen erweisen sich als sehr gastfreundlich; keine einzige Touristen-Abzocke ist zu vermelden, nicht einmal ein überteuertes Taxi. Und über 5000 Zuschauer lassen sich das Open Air-Spektakel bei freiem Eintritt nicht entgehen. Bedenkt man, dass sich durchschnittlich 1300 Menschen einen Quadratkilometer in der Stadt teilen, klingt es nicht nach der üppigsten Besucherzahl, doch solch ein stark von der Polizei bewachtes Areal will erst einmal gerockt sein. Der „Letzten Instanz“ gelingt das mit Bravour. Immer wieder gern und fälschlicherweise in die Rammstein-Ecke gedrückt, haben sie das chinesische Publikum von der ersten Minute an im Griff, denn dort, wo die Brachialrocker auf dumpfe Beats setzen, begeistert die „Instanz“ mit Cello und Geige. Hier wohnt Pop in unmittelbarer Nachbarschaft zur Klassik. Aber eine Großleinwand werden die deutschen Liedtexte ins Chinesische übersetzt.

Einfaches Spiel hat die Letzte Instanz sicher auch deshalb, weil Sänger Holly Loose sich zur chinesischen Vorband gesellt, um mit der jungen Sängerin Yao Beina, der Gewinnerin eines „China sucht den Superstar“-Contests, ein Grand Prix-reifes Duett zu singen. Als Loose eine Strophe in chinesischer Sprache singt, sind die Gefühle grenzenlos und tatsächlich sind Deutsche und Chinesen „gemeinsam in Bewegung“.

Viel, viel später – nach etlichen Zugaben – liegen sich die Romantikrocker und ihre chinesische Fans in den Armen. Die Musiker müssen versprechen, unbedingt wiederzukommen.

CD-Tipp:

Letzte Instanz „Schuldig!“ (Drakkar/Sony)

Es war noch nie leicht, diese Band musikalisch einzuordnen. Selbst wenn man Schlagworte wie Brachialromantik, Folk, Gothic oder Rock als Eckpfeiler ausmachen kann – was sich tatsächlich auf dem weiten Feld dazwischen entfaltet, distanziert sich von jedem Kategorisierungsversuch. Immer zwischen den Stühlen also und dennoch mitten ins Herz. Zweifelsohne das bisher beste Instanz-Album. Es wird Fans begeistern, Skeptiker überzeugen und Freunde aus ganz anderen musikalischen Lagern dazu gewinnen.