Friederike Hagen vertreibt die Schatten der Vergangenheit

Gerade eben hat sie ihrem Großen noch den Turnbeutel hinterher getragen, da meldet sich auch schon zischend und brodelnd die Kaffeemaschine und erfüllt das behagliche Wohnzimmer mit röstfrischem Aroma. Friederike ist bester Laune und fest entschlossen, sich diesen Tag von niemandem verderben zu lassen. Mit einem Marmeladenbrötchen in der Hand startet sie ihren Computer und klickt sich geradewegs ins weltweite Web. Das Horoskop auf der Starseite klingt so vielversprechend wie rätselhaft: „Vergangenes wird in ihr Leben treten und kann gravierende Veränderungen mit sich bringen. Geben sie der Liebe Raum sich zu entfalten, aber verlieren sie darüber ihre großen Ziele nicht aus dem Auge.“ Der Kaffee ist köstlich – nicht zu heiß, nicht zu bitter, nicht zu schwach – eben gerade richtig. Friederike ist rundum zufrieden. Sie entschließt sich, dieses gute Gefühl mit ihren Facebook- Freunden zu teilen: „Ein schöner Tag ist wie ein guter Kaffee – nicht zu heiß, nicht zu bitter, nicht zu schwach!“ Umgehend erscheinen die ersten Kommentare, „Ja genau!“ und „So einen Kaffee könnte ich auch gebrauchen :)“ Bester Stimmung richtet sie ihren Blick auf das allgemeine Weltgeschehen. Wie vom Donner gerührt fühlt sie sich einer Ohnmacht nahe. Die Marmeladenseite des Brötchens landet auf der neuen Auslegware. Der verschüttete Kaffee tropft über die Tischkante hinterher. Friederike starrt fassungslos auf den Monitor, während sie immer wieder die Eilmeldung überfliegt.
Nicht die Sylvana! Das Leben ist so verdammt ungerecht! Für Friederike Hagen war die blonde Europapolitikerin eine Zentralfigur ihres Denkens. Als Mutter, Frau und Ehefrau hatte sie bewiesen, dass man es in der Politik auch in kurzer Zeit an allen Männern vorbei bis ganz nach oben schaffen kann. Als sie später als faulste Politikerin in Brüssel denunziert wurde, trat sie den haltlosen Vorwürfen mit ihrem strahlenden Lächeln entgegen. Nun war sie von allen Ämtern zurückgetreten. Friederikes erster Gedanke war es, umgehend eine neue Facebook-Gruppe zu gründen: „Wir wollen Frau Dr. Sylvania Koch-Merien wieder haben!“, doch wie ein Bumerang drängte die morgendliche Prophezeiung zurück in ihr Bewusstsein. Wird Vergangenes auch in ihr eigenes Leben einbrechen und all ihre Ambitionen zunichte machen?
Mittags kommen die Kinder, am Abend kommt der Mann. Wie von der Tarantel gestochen rennt Friederike Treppen hoch und Treppen runter, öffnet Schränke, kippt Schubladen aus und sucht nach verborgenen Erinnerungen in verstaubten Kartons und vergilbten Umschlägen. Alles was sie eines Tages belasten könnte haut sie im Garten auf den Grill. Da verbrennt die Urkunde für das silberne Schwimmabzeichen (sie hatte sich unbemerkt am Beckenrand festgehalten!), ihr Halbjahreszeugnis der 7. Klasse (in Biologie hatte sie zum Glück neben Jeanine Holzapfel gesessen!) und die Liebesbriefe von Sven Wodinsky (damals stand Friederike zeitgleich auch mit Torsten Kubilke und Enrico Kurz in anregendem Briefverkehr!). Sven Wodinsky blieb nach den großen Ferien verschwunden. Friederike hatte sich lange Zeit die Schuld dafür gegeben, bis sie eines Tages erfuhr, dass er nun mit seinen Eltern in Hamburg lebte. Torsten blieb in der 4. Klasse sitzen und Enrico ging nach der 8. als Berufssoldat zur NVA. Ihr mit Bestnote honorierten Aufsatz „Die DDR, mein geliebter Friedensstaat“ wurde nun ebenso ein Opfer der Flammen wie ihre gefeierte Abschlussarbeit „Befreiung der Finanzwirtschaft – neue Chancen für eine globalisierte Welt“.
Als wir um die Ecke biegen, bietet sich ein seltsames Bild. Mit angesengten Haaren steht unsere künftige Bürgermeisterin am Grill. Vom Himmel regnen verkohlte Papierschnipsel auf sie herab. Was uns jedoch vor allem verunsichert, ist das totale Nichtvorhandensein von Bierkästen und Bratwurstduft. „Tut mir leid, Jungs aber wenn ihr schon mal da seit, könnt ihr mir gern beim Aufräumen helfen.“
Als Herr Hagen nach Hause kommt, ist er mit dem Tagwerk seiner Frau zufrieden. Der Rasen ist geharkt, der Grill steht poliert an seinem Platz. Vom Keller bis unter das Dach scheint alles in bester Ordnung. Friederike ist nervös. Sie kennt diesen Blick und es überrascht sie nicht, dass ihr Mann sie unbedingt zu einem Spaziergang überreden will. Schnellen Schrittes führt er sie zu einem Bootssteg. Dort platzt er vor Freude. „Na was sagst Du?“ Wie ein Gruß aus einer fernen Vergangenheit liegt ein altes Segelboot träge im Wasser. „Sicher, da ist noch einiges dran zu machen, aber wann immer die Kinder bei Oma sind, können wir uns unter Deck ein wenig von den Wellen schaukeln lassen.“ Friederike hat Tränen der Rührung in den Augen. „Das ist wirklich eine tolle Überraschung. Ich hoffe nur, dass mir dafür noch etwas Zeit bleibt, wenn ich ab September im Rathaus sitze.“


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“