Ein letztes Prosit

Rezeptfrei mit unbekannten Nebenwirkungen Kurz gesagt: Die Familie Häring gibt auf. Das Bierbrauen in Friedrichshagen nun zumindest, womit anscheinend eine über 200-jährige Tradition des Ortes vorerst beendet sein dürfte. Und für viele nimmt das nicht wunder, wohl noch weniger nehmen es mit großem Bedauern zur Kenntnis. Was natürlich eine ganze Vielzahl von Fragen aufwirft. Aber der Reihe nach. Was Insider bereits vermutet hatten, wurde in der vergangenen Woche seitens der Geschäftsführung der Berliner Bürgerbräu GmbH offiziell bestätigt: Mit der Radeberger Gruppe übernimmt ein Unternehmen des Oetker- Konzerns die Friedrichshagener Brauereirechte. Im Jargon der Bürgerbräugeschäftsführung heißt das: „Wir sind froh, mit der Radeberger Gruppe einen Partner gefunden zu haben.“ Der vermeintlich potente Gemahl bei der Firmenhochzeit erhält in dieser Liaison die meisten Markenrechte. Auch sämtliche Braurezepte steckt die kleine Partnerin dem dominanten Bierriesen zur Vermählung in den Rachen. In Bayern wohl ein gewohntes Bild von Partnerschaft – so oder so. Allein die nette Immobilie am Gestade des Müggelsees und das Brauzeug verbleiben den Härings. Für die ist das sicherlich erst einmal kein schlechter Deal. Und glaubt man den spontanen Verlautbarungen der Geschäftsführerin via Presse, dann grüßen bald „Geschäfte und Wohnungen“ dort, wo bis vor kurzem Hopfen und Malz rumlagen, bis es nun verloren ging. Dass der Dampf aus den Kesseln ist am Müggelsee, haben aufmerksame Beobachter bereits vermutet. Wer jahrelang Anwohner des Brauereigeländes war, merkte wohl, wenn dort gebraut wurde. Nur war das seit längerem nicht mehr der Fall. Was jetzt bestätigt wird, ist im Grunde genommen ein weiterer Tropfen auf das übervolle Fass mit Ärgernis: In Friedrichshagen wurde schon seit zwei Jahren kein Bier mehr gebraut, der Kunde de facto hinters Licht geführt. Sehen sollte er nicht, dass die Bürgerbräuer in Hartmannsdorf bei Chemnitz ihren Saft anrichten ließen. Der Geschäftsführer der sächsischen Destillieranlage versteigt sich nun sogar noch zu der Aussage, mit seinen Anlagen Berliner Wasser in der spezifischen Zusammensetzung kopiert zu haben. Da freut sich der Verbraucher aber reichlich bei dem Gedanken, wie das wohl zugegangen sein möchte! Zweifelsohne herrscht auf dem nationalen und internationalen Biermarkt ein brutaler Verdrängungskampf, ein Wirtschaftskrieg, dem insbesondere die mittelständischen Unternehmen ausgeliefert sind und in dem sie – aller Voraussicht nach – unterliegen werden. Konsortien kontrollieren seit Jahren den regionalen Absatz an lukrativen Standorten. Wer in der Lage ist, große Rohstoffmengen aufzukaufen und diese schnell zu verarbeiten, erzielt im Einkauf wie im Verkauf günstigere Margen. Im Biertrinker- und Steuerwunderland Deutschland wird es dem gemeinen Brauer auch nicht gerade leicht gemacht, wo er bei einer Produktionsmenge von unter 200.000 Hektolitern höher (!) besteuert wird als die Konkurrenz mit größerer Produktionsmenge. Dieser und andere Umstände haben zwar weder zum Rückgang des Bierkonsums noch zum allgemeinen Sterben von Brauereien geführt. Es hat schlichtweg eine Verschiebung zu Ungunsten privater mittelständischer Unternehmen gegeben. Die Großen kaufen die marktrelevanten Kleinen auf und bilden letztendlich marktbestimmende Claims; die ganz kleinen, die Hausbrauereien, bedienen Kumpels und Nachbarschaft. Um als Unternehmen zu überleben, auch hier und dort noch ein „handgemachtes Bier“ produzieren zu können und dieser Entwicklung entgegenzutreten, müssen auch unkonventionelle Strategien aus Sicht der kleineren Betriebe entwickelt werden. Aber so wie bei Bürgerbräu geschehen? -- Mit dem Aufkauf von Bürgerbräu sitzt die Radebergergruppe und damit der Oetker- Konzern nun allein und fest im Sattel, galoppiert ungestört über den Berliner Biermarkt. Berliner Kindl und Berliner Pilsner, Schultheiss, Potsdamer Rex und was es sonst noch in der Region an (ehemals) namhaften Marken gibt: Es gehört jetzt den ehemaligen sächsischen Hoflieferanten. Ein Grund, weshalb es nun auch die letzte freie Industriebrauerei bei der wilden Hatz ereilte, mag bei ihr selbst liegen und ein Teil davon eben solche, die eigene Lage sträflich fehlinterpretierende Hohe- Ross-Reiter-Mentalität gewesen sein. Nicht einmal hinter vorgehaltener Hand spricht man in Friedrichshagen über eine Art „Junkermentalität“ der bayrischen Brauer – die, als sie 1992 hier herkamen, durchaus nicht nur den wohlmeinenden und gütigen Onkel von drüben mit den vollen Taschen und den freigiebigen Händen mimten – und nicht einmal so taten. Dies zu beurteilen obliegt uns hier nicht. Gefragt werden aber muss, weshalb achtzehn Jahre den ambitionierten Bayern nicht ausgereicht haben, eine Marke zu entwickeln, die in der Region verwurzelt ist – ökonomisch wie sozial. Sicherlich waren die Startbedingungen nicht die einfachsten. Anfang der 90er Jahre war das Equipment der Brauerei einigermaßen ruinös aus realsozialistischer Planwirtschaft auf den freien Markt gestolpert. Dort wollte man sich nun behaupten, obgleich man kaum vor der Haustüre einen echten Partner hatte. Denn als „Exportschlager“ der ostdeutschen Braukunst kannte man das Friedrichshagener Bier zwischen Rügen und Erzgebirge meist nur vom Hörensagen, was bei den Einheimischen die Sympathie für das Unternehmen in überschaubaren Grenzen hielt. Diesen Zustand nicht verändert zu haben, ist einer der Hauptvorwürfe an die Härings. Wer heute versucht, auf der Bölschestraße ein frischgezapftes Einheimisches zu bekommen, der schaut meist genauso betreten und vergeblich drein wie bei dem gleichen Versuch vor 20 Jahren, auch wenn die Gründe letztendlich andere sind. Das Unternehmen muß sich den Vorwurf gefallen lassen, weder Sympathie für die eigenen Produkte gewonnen noch partnerschaftliche Akzeptanz bei den hiesigen Wirten und Verbrauchern hergestellt zu haben. Nun ist es eben vorbei mit Bierbrauen in Friedrichshagen, könnte man sagen, auch wenn die Geschäftsführerin Häring jun. Vages von „Biobieren“ und ähnlich Verführerischem zu erzählen weiß. Und irgendwie mutet es ein wenig traurig an, keinen Aufschrei der Empörung zu vernehmen, geschweige einen zivilen Ungehorsam in Sicht zu haben, wenn beim Bürgerbräu die letzte Handvoll Arbeitsplätze verloren und das Licht aus geht, einer der wenigen verbliebenen traditionellen Köpenicker Industriebetriebe seine Pforten schließt. Legt in den Gosener Bergen der Kuckuck sein Ei in ein Finkennest, nehmen die Friedrichshagener ähnlich viel Anteil an der Sache … Gratulation! Eines scheinen die bayrischen Braumeister im post-märkischen Sand aber gelernt zu haben: Hier fängt nicht nur beinahe die sibirische Steppe an; es lässt sich vielmehr mit den nahen Nachbarn im Osten auch ein gutes Geschäft machen. Vor allem dann, wenn es um alkoholische Getränke geht. Und so behält die Familie Häring die Exportlizenzen der künftigen Radeberger-Produkte, so für Russland und Japan, wo das Bier „einen guten Ruf“ genieße. Welcher Tropfen dorthin nun geliefert werden wird, und vor allem, was auf dem Etikett steht, bleibt vorerst offen. Eine Sprecherin der Oetkers merkt vielsagend an, es will „jede Marke präsent sein, die Konkurrenz ist also groß und die Berliner waren, was ihr Bier angeht, noch nie besondere Lokalpatrioten“. Gerade die „starken lokalen Marken“ seien für das Oetker-Marktkonzept von Belang. Ob wirklich Rotkehlchen, Bernauer Schwarzbier und Bürgerbräu Pilsner dazugehören, könne sie nicht garantieren. „Das wird sich zeigen“. Na, dann noch einmal „Prost“.
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