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Be Berlin. Oder Reutlingen.

Wohin mit dem Schwarzgeld? Woher die Leichen im Keller? Alter Wein in neuen Flaschen oder neuer Wein in alten Schläuchen? Kommissar Perlmann hätte Anfang Februar zum Sonntagabend im ARD-Tatort ziemlich alt ausgesehen, hätte er nicht aus der Konstanzer Uni-Bibliothek eine alte Schwarte geliehen, der ihn mit vieler Rätsel Lösungen auf die rechte Spur brachte. Ein Büchlein mit Briefen der Annette Droste von Hülshoff wies ihm den Weg dazu – ein Büchlein, keiner mochte es lesen, wohl 20 Jahre war es nicht mehr entliehen, bis man es wieder aus dem Regal gezogen. Die Schwarte war der Schlüssel zu dem Fall.

Solches wird seinen Berliner Kollegen, kämen diese in ähnliche Ermittlungsverlegenheit, bald nicht mehr möglich sein, ginge es nach dem Willen des Stiftungsrats der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Wie der Tagespresse zu entnehmen ist, plant man Medien-Einkauf künftig über den externen privaten Dienstleister EKZ in Reutlingen, die „Einkaufzentrale Bibliotheksservice GmbH“, zu betreiben. Mit einer standardisierten Mainstream-Bücher-Auswahl beliefert die EKZ bereits manche Dorf- und Stadtbibliotheken bundesweit mit „regalfertiger“ Medienauswahl: Bestseller, Schulstoff und Populäres. Von dieser EKZ soll nun auch die ZLB den größten Teil ihrer Neuanschaffungen beziehen.

be berlin. Für den Stiftungsrat nimmt Vorstand Heller das große Wort und sieht nur Vorteile: „Dass Medien schneller im Regal stehen … Personal von Aufgaben entlasten und im Publikumsservice einbinden … und neuen Services rund um die digitalen Medien“ gestalten. Den Sinn und Zweck einer Bibliothek sieht der Experte tatsächlich in der „Aktualität unseres Bestandes“. Von den 30.000 Buchtiteln, die die ZLB im Jahr bestellen kann, sollen zukünftig 14.000 aus einem Fundus stammen, den die Reutlinger EKZ als wichtig erachtet. Weitere 10.000 Exemplare sollen dann sogenannte Doppelexemplare dieser Auswahl sein. Die ZLB und ihre Lektoren würden nur noch 6.000 Bücher von 30.000 Medien selbst bestellen.

Der Macher erst einmal in Fahrt: „Es wird nach wie vor eine große Titelbreite geben, aber wir werden differenzierter damit umgehen, je nachdem, in welchem Segment wir uns befinden, und je nach Nachfrage.“ Oha! Nachfrage? Wirtschaftlich? Ausleihzahlen? Richtig: Da haben wir es: Angeblich sieht das neue ZLB-Konzept weiterhin vor, dass Titel, die mehr als zwei Jahre nicht entliehen worden sind, vernichtet werden. Bestände ausmisten, die ollen Kamellen in den Schredder. Hülshoff und Hölty, Lenau und Liliencron, Eichendorff und Ebner-Eschenbach – alles geregelt durch Nachfrage und Effizienz.

Doch das ist Quatsch. In Wirklichkeit geht es dem ZLB-Direktor Volker Heller um den Umbau der Bibliothek. Von einer anspruchsvollen Volksbibliothek für alle hin zu einer Zwei- Klassen-Bibliothek: Auf der einen Seite die Masse, die fein in einem Zentralgebäude bedient werden soll, daneben die Sonderlinge oder wie es bei dem Herrn Heller heißt: ein „Special Interest-Geschäft“.

Praktisch der nächste Spareffekt: Gibt es die „Zentrale“, kann man weiter Stadtteilbibliotheken schließen. Auf der anderen Seite bekommt Berlin einen „Hingucker“: die hypermoderne Erlebnis-Bibliothek im Humboldt-Forum fürs große Ganze. Klotzen für die Touristen. be berlin. Und wer sind denn die, für die es aussieht, als wollte man hier „das Herz der Bibliothek, nämlich den qualifizierten Bestandsaufbau, abzuschaffen“? Dieser kleine Haufen Uneinsichtiger, Ewig-Gestriger, empörter Spießer nutzt nun selbst die neuen Medien und editiert seine Petition via Web. „Büchervernichten in Berlin? Bibliotheken werden kaputt rationalisiert“ – nicht mit Eckart Müller. Der schart im Internet Bücherfreunde und Bibliotheksnutzer, dem vermeintlichen Frevel Einhalt zu gebieten.

Ich schlage vor, dass alle Politiker und höhere Verwaltungsbeamten, die nicht mindestens zweimal täglich auf Facebook geliked werden, mit den überflüssigen Büchern der Stadt gemeinsam entsorgt werden.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“