Jetzt steht es fest: Die drei Mitgleider der russischen Punkband „Pussy Riot“ wurden von einem Moskauer Gericht schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Nadeschda Tolokonnikowa (22), Marija Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (30) waren nach einem Punkrockgebet am 21. Februar 2012 in der Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau festgenommen. In grellbunten Kleidern und mit ebenso farbigen Sturmhauben über dem Gesicht sangen sie dort gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen wechselseitigen Verbindungen mit der orthodoxen Kirche.

 

Das Punkgebet in deutscher Übersetzung:

Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin Verjage Putin, Verjage Putin
Schwarze Kutte, goldene Epauletten
Alle Gemeindemitglieder kriechen zur Verbeugung
Das Phantom der Freiheit ist im Himmel
Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt.
Der KGB-Chef, ihr oberster Heiliger,
Er wirft die Demonstranten in Scharen ins Gefängnis.
Um den Höchsten nicht zu beleidigen, Müssen Frauen gebären und lieben.
Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße
Mutter Gottes, Jungfrau, werde Feministin
Werde Feministin, werde Feministin
Kirchlicher Lobgesang an die verfaulten Führer
Der Kreuzzug der schwarzen Limousinen
In die Schule kommt zu dir der Prediger
Geh zum Unterricht – bring ihm Geld!
Der Patriarch Gundjajew (weltlicher Name von Patriarch Kirill) glaubt an Putin
Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben
Der Gürtel der seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen
Bei den Protesten ist die Jungfrau Maria mit uns!
Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin Verjage Putin, Verjage Putin

(Quelle: dapd)

 

Ein Großteil der verlauteten Kritik am Urteil kann als überaus scheinheilig betrachtet werden. Anhand der Pussy Riot-Aktivistinnen profilierten sich zahlreiche öffentliche Personen. Allen voran Politiker und Politikerinnen Deutschlands, wie beispielsweise Angela Merkel. Sie ließ verlauten: „Das unverhältnismäßig harte Urteil steht nicht im Einklang mit den europäischen Werten von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, zu denen sich Russland u.a. als Mitglied des Europarates bekannt hat.“ Es wäre natürlich absurd Merkel mit Putin gleichzusetzen. Genauso ist es vermessen anzunehmen, dass eine nur auf die Person Putin gerichtete Kritik im Interesse der verurteilten Musikerinnen sei. Der gerade abgeschlossene Prozess spaltet(e) die russische Zivilgesellschaft. Laut einer kürzlich durchgeführten Meinungsumfrage verlangten 33 Prozent der Befragten eine härtere Strafe und 44 Prozent empfanden den Prozess als gerecht. In der deutschen Öffentlichkeit dient die Bewertung des Urteils den meisten vor allem einer Selbstvergewisserung der eigenen Fortschrittlichkeit. Alles „Rückständige“ oder „Nichtfortschrittliche“ wird in diesem Zuge einem äußeren Anderen angeheftet. Dabei verwundert es nicht, dass auf der Protestkundgebung vor der Russischen Botschaft in Berlin von einem bekannten Menschenrechtler mit der Kritik am Urteil im Pussy Riot-Prozess im gleichen Zuge eine Generalkritik an sogenannten islamischen Ländern und deren Umgang mit Homosexualität geübt wird.

Die Beiträge drehen sich nahezu immer um Kunst und Menschenrechte. Von Feminismus und Patriachats- oder Religionskritik ist kaum die Rede. Spannend wäre es, einen kurzen Blick auf deutsche Zustände zu werfen. Wie würde wohl ein spontanes und politisches Punkrockkonzert im Berliner oder gar Kölner Dom von der CDU gewertet werden? In Deutschland steht die „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“ unter Strafe und kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet werden. Der WDR musste aufgrund dieses Paragraphen im Jahr 2006 auf die Ausstrahlung eines papstkritischen Sketches verzichten. Merkel betonte in ihrer Stellungnahme: „Eine lebendige Zivilgesellschaft und politisch aktive Bürger sind eine notwendige Voraussetzung„ für Modernisierung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Wieso in Deutschland zahlreiche friedliche Sitzblockaden gegen Naziaufmärsche, wie beispielsweise in Dresden, kriminalisiert werden, klärt sich an dieser Stelle nicht. Die Berufung auf Menschenrechte wird zu einer reinen Floskel. In weniger als einer Woche wird in Rostock-Lichtenhagen dem rassistischen Pogrom des deutschen Volksmobs vor 20 Jahren gedacht. Als Reaktion auf diese Angriffe vor 20 Jahren wurde in direkter Folge das Grundrecht auf Asyl abgeschafft. Die deutsche Fokussierung auf den Prozess in Russland lässt diesen Teil der eigenen Geschichte schnell vergessen.

Der ständige Verweis auf den Kunstcharakter der Aktion in der Moskauer Kathedrale strotzt ebenso vor Scheinheiligkeit. Die mangelhafte Trennung von Kunst und Kriminalität beziehungsweise Kriminalisierung lässt sich auch in Deutschland leicht finden. Beinahe täglich werden in Berliner Parks Musikopenairs von der Polizei beendet und die Verantwortlichen juristisch belangt sowie ihre Anlagen konfisziert. Ebenso wie im Falle der Pussy Riots werden nur wenige dieser alltäglichen Repressionen gegen Künstler bekannt. Nur die Bekanntesten dieser unzähligen Leute werden von den Medien erwähnt. Der 62 jährige Graffitikünstler OZ aus Hamburg beispielsweise verbüßte zahlreiche Haft- und Geldstrafen für seine Aktivitäten und wurde von Bahnsicherheitsleuten angegriffen. Seine Kunst ist als Sachbeschädigung in Deutschland strafbar. Ein weiterer Graffitiartist namens Banksy wird für die gleiche „kriminelle“ Betätigung weltweit in Ausstellungen, Bilderbänden und Filmen gefeiert. Seine Verurteilung – in dem Fall, dass seine Identität je geklärt wird – würde vermutlich ebenso heuchlerische Lippenbekenntnisse hervorrufen, wie die Reaktionen zu Pussy Riot.

Wenn Sie als Leser oder Leserin nun denken, dass das „Beschmieren“ von Hauswänden ja wohl zu recht unter Strafe stehen würde, obwohl sich an dem Haus und der Wand im Prinzip nichts ändert, will ich fragen: Wie lassen sich materieller Besitz und religiöse Empfindungen hierarchisieren und gegeneinander abwägen? Richtet sich echte kritische Kunst nicht immer (mindestens in Teilen) gegen die Güter, die der Mehrheitsgesellschaft am wichtigsten erscheinen? Sei es Religiosität, Heterosexualität, öffentliche Ordnung, Besitz, Sauberkeit…Gute Kunst greift an und kann auch weh tun.

Die Solidarität mit Pussy Riot und die Unterstützung für ihre Aktionen ist definitiv wichtig und bitter nötig, jedoch nur, wenn es auch ernst gemeint ist. Die in Berlin lebende Sängerin Peaches kritisierte vor allem die Entpolitisierung der Pussy Riots während des Prozesses und in den vielen öffentlichen Reaktionen danach. Pussy Riot sind eine radikale feministische, patriarchatskritische, antiklerikale Band. Jegliche Versuche, sie als Künstlerinnen oder Menschenrechtlerinnen zu labeln, verflacht nur deren Symbolcharakter und ist im Endeffekt eher schädlich als förderlich.