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Ein kleines Loblied auf diejenigen, die sich etwas trauen

Flüchtlinge – das ist ein hochemotionales Thema. Die Situation der Flüchtlinge, hier und in den Heimatländern, die Bundesregierung, den Murcks, den der Senat verzapft, Allende-Viertel, Hessenwinkel. Du kommst vom Hunderststen ins Tausendste, was es nicht alles zu sagen gäbe. Das ist der Haken bei den hochemotionalen Themen: Sie überfluten dich, akute Ertrinkungsgefahr! Als Journalist musst du Fakten sammeln, redest mit Politikern, Sprechern, Beauftragten, Abgeordneten. Normalerweise. Du machst dir ein Bild, schreibst einen Artikel, Abgabe, Ende. Normalerweise. Diesmal aber wird schnell klar: Das Meiste ist längst gesagt worden. Der Sozialsenator zum Beispiel: Da hat der Mario Czaja am 20. Oktober über die Köpfe aller Politiker und Bürger hinweg entschieden, wo in Berlin Containerdörfer für Asylbewerber hingesetzt werden. Es folgen Proteste, auch im Allende-Viertel, gegen die Entscheidung. Die hätte abgestimmt sein müssen mit Anwohnern und Nachbarn.

Der Bezirkschef von Treptow-Köpenick, Oliver Igel, hätte „es für mehr als wünschenswert gehalten, in einem Dialog auf Augenhöhe auch als Bezirk vorab die Möglichkeit zu erhalten, sich in einen Prozess von Standortfindungen einbringen zu dürfen“. Damit hat er Recht, aber es ist zugegebenermaßen der normale Reflex eines Bezirksbürgermeisters. Igels Amtskollegen in Lichtenberg und Pankow haben sich auch dahingehend geäußert. Das sind die politischen Automatismen, erst eine Aussage, dann das Gegenwort, erneute Rechtfertigung. Das ist dieses Geplänkel, das sich täglich wiederholt, auf allen Ebenen der Politik. Mit den Flüchtlingen hat das in erster Linie wenig zu tun. Dabei ist es gar keine Frage, dass Czajas Schnellschuss das Ziel verfehlt hat. Gut, die Container werden aufgestellt, die Opfer eines Bürgerkriegs haben wieder ein Dach über dem Kopf und stehen nicht mehr im LaGeSo Schlange, der zuständigen Behörde für Flüchtlinge. Carsten Schatz, der für die Linken im Abgeordnetenhaus sitzt, findet aber dass Czaja damit einen Keil zwischen alle Beteiligten treibt. Ein Runder Tisch, eine rechtzeitige Infoveranstaltung für die Bürger, das hätte nach Schatz Auffassung viel bewirken können. Es hätte aber auch eine weitsichtigere Politik in Sachen Asyl erfordert. Der Bürgerkrieg in Syrien tobt nicht erst sei gestern.

Die Zahl der Asylanträge hat sich seit 2011 verdoppelt. Die Berliner jedenfalls sind in der Frage verunsichert. Der Senat gibt kaum Informationen, die Bürger stehen vor vollendeten Tatsachen, nun werden Demos organisiert, mit guter Absicht, aber im Hintergrund ziehen rechte Gruppen die Fäden und lachen sich ins Fäustchen. Aber der Reihe nach. Igel kann sich das Verhalten des CDU-Senators nur mit dem enormen Druck und der offensichtlichen Not an Unterkunftsplätzen erklären. In Berlin sind in diesem Jahr über 10.000 Flüchtlinge angekommen, seit September jeden Monat über 1.000 Menschen. Im Allende-Viertel sollen noch vor Weihnachten 400 weitere Flüchtlinge untergebracht werden, zusätzlich zu den 320 Asylbewerbern, die da schon seit einem Jahr ein paar Straßen weiter leben. Igel hat nichts dagegen, dass Flüchtlinge im Bezirk aufgenommen werden. Man hätte sie nur besser verteilen können im großen Treptow-Köpenick. Doch die Tatsachen seien geschaffen, nun müsse man den Blick nach vorne richten. Das heißt für Igel: Hilfe organisieren. Endlich mal das richtige Wort, mal nicht die Versäumnisse der Politik anprangern, die Befindlichkeiten von Anwohnern hätscheln. Endlich mal den Menschen zuwenden, um die es geht und die fast schon in Vergessenheit geraten sind. Leider ist das bei der Hilfe, die Oliver Igel organisieren will, nicht anders. Auch die Hilfsbereitschaft ist vergessen.

Eberhardt Aurich kann ein Lied davon singen. Er ist Kopf der Bürgerinitiative „Welcome Refumgees!“, die sich im Allende-Viertel seit letztem Jahr um die Flüchtlinge kümmert. Mit knapp 20 weiteren Mitstreitern stehen sie ihnen bei Behörden- und Arztbesuchen zur Seite, sie lehren die deutsche Sprache, kümmern sich mit Spiel und Spaß um die Kinder. Das ist die eine Seite der Medaille, die jeder sieht. Auf der Rückseite dieser Medaille steht, dass man um Akzeptanz werben muss, Vorurteile abbauen und erläutern, dass die Menschen im Heim Hilfe brauchen. Man muss sagen, dass die Syrer lieber in ihrer Heimat geblieben wären, aber keine Wahl gehabt hätten. „Die Anwohner hatten sich mit der Situation abgefunden“, sagt Aurich. „Auf der Straße grüßte man sich, zum Kinderfest kamen Besucher aus dem Wohngebiet – der erste Schritt war getan.“ Diese kleinen Erfolge, die zusammen genommen ein großer Erfolg sind, hat Czaja mit seiner einsamen Entscheidung zunichte gemacht. Der Erfolg nämlich, dass da eine Annäherung stattgefunden hat, gerade weil die Anwohner keinen Anstoß mehr an den Flüchtlingen nahmen, diese allmählich normal wurden und zum Alltag gehörten. „Jetzt aber ist die Grundstimmung pure Ablehnung“, sagt Aurich.

In Zuammenhang damit hört man jetzt ständig dieses Wort „Willkommenskultur“ (das gerade im Deutschen seltsam klingt – als hätte es hier jemals so etwas gegeben!). Tatsächlich scheint es ein Wunschdenken zu beschreiben. Es gab im September eine Umfrage der ARD, wonach die Hälfte aller Deutschen für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge sei. Klar, wer diese Bilder im Fernsehen sieht von Kindern mit harten Gesichtern, die in die Kamera starren, den Männern, die ihrer Wut Luft machen und den verhärmten Frauen, die nicht wissen, was der nächste Tag bringt und denen der Wüstenwind am Haar zaust – da bekommt man Mitleid, wenn man das sieht. Das geht ans Herz. Keiner hier in Deutschland wünscht den Syrern und Irakern solch ein Elend. Da sagen wir spontan: Ja, uns geht es gut, bei uns herrscht Friede und Wohlstand, wir reichen euch die Hand und ziehen euch ans rettende Ufer. Das denken wir, wenn wir vorm Fernseher sitzen, und immerhin noch die Hälfte der Bevölkerung, wenn sie eine Umfrage beantwortet. (Zur Klarheit: befragt wurden 1.008 zufällig ausgewählte Personen). Vielleicht bleibt noch ein Viertel bei dieser Meinung, wenn die Frauen, Kinder und Männer, die man im Fernsehen gesehen hat, am anderen Ende der Stadt untergebracht werden. Aber hier in der Straße? Oder dahinten an der Bushaltestelle, wo die Kinder immer ein- und aussteigen? Dann ist es vorbei mit der Willkommenskultur.

Wer es nicht glaubt: Auf Facebook findet man genügend Hetze der widerwärtigsten Sorte. Leute, die bereit sind zu helfen, gibt es nur wenige. Im Allende-Viertel hat Eberhard Aurich in einem Jahr 17 Bereitwillige gefunden. Eine weitere Bürgerinitiative mit fünf Beteiligten hat vor einer Woche das Programm zum Namen gemacht: „Allende II hilft“. Drei Männer und zwei Frauen wollen den Bewohnern des Containerdorfs das Leben hier erleichtern. Das Problem der Helfer: Wenn sie gegen das Vorgehen des Senats protestieren, werden sie unterwandert. Bei einer Demo vor zwei Wochen, die offiziell als Solidaritätskundgebung für Flüchtlinge angemeldet worden war und die sich gegen die selbstherrliche Politik des Senats richten sollte, kaperten die Rechten die Demonstration. Überall waren Rechte, der Berliner NPD-Chef selbst kam zu Wort. Mit dabei ein ansehnliches Polizeiaufgebot. „Auch deswegen“, sagt Aurich, „sind die Leute hier gegen Flüchtlingsheime, weil die Unruhen mit den Demos nie lange auf sich warten lassen.“

Dass es mit Hilfe für Flüchtlinge nicht weit her ist – diese Erfahrung hat auch der Rahnsdorfer Michael Ehrenteit gemacht. Er wohnt unweit des geplanten Flüchtlingsheims in Hessenwinkel, das im März in der Lutherstraße eröffnet. Ehrenteit hat bei der Aktion geholfen, die das Bezirksamt unter dem Titel „Rahnsdorf hilft – Wir heißen Flüchtlinge willkommen“ initiiert hat. Geplant war ein Plakat mit lauter kleinen Fotos von in Rahnsdorf bekannten Gesichtern – Gewerbetreibenden, Ladenbesitzern, auch von den Puhdys. Jedes Konterfei sollte ohne Nennung von Namen und Institutionen erscheinen, darunter in vielen Sprachen die Worte „Herzlich Willkommen“. „Für den ersten Druck mit 30 Bildern haben sich zu wenige Rahnsdorfer bereit erklärt, mitzumachen“, so Ehrenteit. Er vermutet, dass die meisten Leute Nachteile befürchten, wenn sie Farbe bekennen. „Vielleicht glauben sie, niemand komme mehr in ihr Geschäft, oder dass Parolen an Wände und Fenster geschmiert werden.“

Ihn bestätigt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die im November veröffentlicht wurde: Demnach haben 60 Prozent der Deutschen „starke Vorbehalte gegen eine großzügige Prüfung von Asylanträgen“. (Diesmal sind 2.000 Teilnehmer befragt worden). Ist die Stimmung gekippt? Hätten wir die Flüchtlinge vor zwei Monaten mit offenen Armen empfangen, wie es die ARD nahelegte? Kaum, denn im September, als das Meinungsbild erhoben wurde, geriet die Welt im beschaulichen Rahnsdorf aus den Fugen. Dort hatte sich die Initiative „Pro Hessenwinkel“ gegründet, bei der ersten Sitzung im September wurde gleich nach einem einleitenden Vortrag über Einbrüche und Autodiebstähle die Katze aus dem Sack gelassen: Das Flüchtlingsheim muss verhindert werden! Das war die Botschaft des Abends und daran hat sich bis jetzt nichts geändert.

Vorurteile halten sich hartnäckig, Ressentiments sind stark. Und wenn die meisten so denken, glauben andere, es müsse richtig sein. Das ist ein Automatismus, der meistens funktioniert. Selbstverständlich gibt es überall Menschen, die so viel Mitgefühl aufbringen, dass sie Menschen in Not helfen, egal woher sie kommen, bei denen Asylbewerber keine Schreckensvisionen von Serieneinbrüchen und Autodiebstählen hervorrufen. Aber diese Leute nimmt man aus welchen Gründen auch immer kaum wahr, es wäre zu wünschen, dass sie vernehmlicher ihre Hilfsbereitschaft äußern. Es gibt so viele Zauderer, die helfen würden, wenn nur mehr dabei wären. Aber klar, dieser Vorschlag ist auch nur ein Wunsch und mindestens so naiv wie die Reaktion von Mario Czaja auf die Aufforderung von Canan Bayram, der Flüchtlings-Expertin der Berliner Grünen. Sie hatte von Czaja polizeilichen Schutz für die Neuankömmlinge aus Syrien verlangt, aber der war ganz fassungslos: „Es kann doch nicht sein, dass Hilfesuchende in Not bei uns misshandelt werden.“ Herzlich willkommen in der Wirklichkeit!


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"