8.5.2013-Mazar-e-Sharif: Erstmals seit 2011 wurde ein deutscher Soldat getötet. Wie ist die Moral der Truppe? Sind Fragen von Journalisten in dieser Situation erwünscht?

Über ihre Gefühle sprechen Soldaten kaum. Trauer, Wut, Angst – da sagt selten jemand offen etwas dazu. Heute werde ich die Trauerfeier für den gefallenen Kameraden filmen. Im Anschluss kann ich mit dem Militärkaplan ein Interview machen. Das ist alles. Die Worte des Trostes, die wir da zu hören bekommen werden, kenne ich schon jetzt. Fragen von Journalisten sind fast nie erwünscht, egal zu welchem Thema. Häufig werden wir Journalisten als feindliche Kämpfer wahrgenommen, ganz gleich ob von Afghanen oder Bundeswehrvertretern. Bundeswehrsoldaten dürfen sich nicht frei vor einer Kamera äußern. Bei allen Dreharbeiten ist ein Presseoffizier dabei. Interviewpartner werden von der BW ausgesucht, Fragen vorher besprochen. Beispielsweise sind grundsätzlich keine politischen Fragen an Soldaten oder Offiziere zugelassen. Der Begriff „politisch“ ist dabei sehr dehnbar. Ich habe es des Öfteren erlebt, dass Presseoffiziere, weil eine Frage nicht genehm war, während der Dreharbeiten in das Bild sprangen, um ein Interview zu beenden. Presse- und Meinungsfreiheit gelten offensichtlich nicht im Einsatzgebiet. Aus BW-Sicht geht es um den Schutz vor Geheimnisverrat, auch unbewusstem und um den Persönlichkeitsschutz der Soldaten. Da es in Deutschland keine Zensur gibt, also alles was aufgenommen wurde, nachher nicht mehr verboten werden darf, kontrolliert die Bundeswehr eben vor und während der Aufnahmen. Ich kenne das von früher. Ich habe meine ersten Filmarbeiten in der DDR bei der DEFA gemacht. Da war es ähnlich. Nur dass damals auch noch nachher kontrolliert wurde.

Die Amerikaner sind in dieser Frage übrigens viel entspannter. Die prüfen zuvor sehr genau, wer du bist und was du machen willst und wenn sie einmal zugestimmt haben, kannst du bei denen drehen, was du willst. Das ist auch viel geschickter. Die Bundeswehr erzeugt nur Argwohn durch ihre Restriktionen. Wenn immer eine Anfrage von uns durch die BW abgelehnt wird, denken wir sofort: Aha, die haben etwas zu verbergen. Was war denn nun mit dem am 4.Mai getöteten Elitesoldat? Was war das für eine geheime Operation, bei der das KSK (Kräfte Spezialkommando) beteiligt war? Wie viele Aufständische kamen bei den Kampfhandlungen ums Leben? Waren es überhaupt Aufständische?

 

9.5. 2013 – Kunduz: Wird am Hindukusch unsere Freiheit verteidigt?

Setzen wir Freiheit mit Wohlstand gleich, dann wird sehr wohl unsere Freiheit am Hindukuschverteidigt. Deutschland ist, zusammen mit China, Exportweltmeister. Besonders beeindruckend ist die Entwicklung der deutschen Rüstungsindustrie. Seit Beginn des Afghanistaneinsatzes ist Deutschland vom 7. auf den 3. Platz der Rüstungsexporteure aufgestiegen. Spätestens seit Afghanistan können deutsche Rüstungsunternehmen auf internationalen Märkten nachweisen, dass deutsche Rüstungsgüter sich in Kampfhandlungen bewähren. Ich habe auf fast jeder meiner Reisen Ingenieure und Spezialisten der verschiedensten deutschen Rüstungsschmieden getroffen, die nach Anschlägen gegen die Bundeswehr an Ort und Stelle angesprengte Panzer und Fahrzeuge untersuchten, um Schwachstellen in der Panzerung oder Bewaffnung herauszufinden, die Kampftechnik noch weiter zu verbessern. Deutsche Rüstungsgüter gehören inzwischen zu den besten der Welt. Das mehrt unseren Wohlstand, hilft deutschen Aktienkursen. Tragisch ist nur, dass deutsche Soldaten, oft junge Männer oder Familienväter, in Afghanistan sterben.

Als ich 2011 den Film „Hindukusch und zurück“ für die ARD drehte, starben in einem halben Jahr sieben deutsche Soldaten bei Anschlägen. Erst war es die Freiheit, die verteidigt werden sollte, dann sollten Brunnen und Schulen gebaut werden. Später wurden noch die Rechte von Frauen und Mädchen bemüht.

 

 


Regina Menzel

Ein Beitrag von Regina Menzel

Maulbeerblätterin 2.0, nicht nur im Maulbeer-Backstage administrierend, lektorierend und kundenbetreuend, sondern auch sonst an vielen Fäden knüpfend unterwegs. Zitat: „Blättern, blättern, blättern!“