Zehn Tage, zehn Fragen: Thomas Kasper – Filmproduzent, Autor und Cutter für ARD und SPIEGEL TV. Seine Drehreisen führten ihn nach Neu-Delhi, Pakistan, Irak, Afrika und auf den Balkan. Und immer wieder nach Afghanistan – ein eMail-Interview mit dem Friedrichshagener Dokumentarfilmer. (Erweiterte Fassung)

4.5.2013-Kabul: Mit welchen Erwartungen bist Du das erste Mal nach Afghanistan gereist und mit welchen Gefühlen kehrst Du heute nach Kabul zurück?

Als ich das erste Mal nach Kabul reiste, hatte ich einen riesigen Respekt. Kollegen hatten mir Tipps gegeben, z.B. sollte man niemals am Morgen oder Vormittag in der Stadt unterwegs sein, weil immer dann die Anschläge passieren. Der Grund: Aufständige sickern nachts in die Städte ein, legen Sprengfallen und am Morgen, wenn die ISAF-Truppen unterwegs sind, kracht es. Oder niemals in ein Taxi steigen, schnell würde man zum Entführungsopfer. Als ich das erste Mal am Kabul Airport stand, kam der lokale ARD-Mitarbeiter, der mich abholen sollte, nicht. Er wurde irgendwo in der Stadt an einem Check Point festgehalten. Ich nahm also ein Taxi, was ich ja nicht machen sollte und fuhr am frühen Vormittag durch den Moloch Kabul zum Hotel, mit einem wirklich mulmigen Gefühl.

Heute, nach mittlerweile 12 Afghanistanreisen habe ich noch immer Respekt, gehe aber vieles gelassener an. Es ist alles eine Frage der Relation. Jedes Jahr sterben in Deutschland knapp 4.000 Menschen im Straßenverkehr – das ist eine Kleinstadt, die Jahr für Jahr auf deutschen Straßen ausgelöscht wird. Die Frage stellt sich, was ist gefährlicher für den zivilen Bundesbürger, Deutschland oder Afghanistan?

Was ich so noch nie auf der Welt gesehen hatte, ist die Vielzahl verschiedenster Volksgruppen und Ethnien auf den Straßen Kabuls. Es gibt so viele verschiedene Hautfarben, Trachten, Gesichter, Haarfarben, das ist einfach überwältigend. Da sind Tadschiken, Menschen mit mongolischem Einschlag, hellhäutige blonde Kinder, dann wieder Hasarer, Paschtunen, Usbeken. Afghanistan ist so zentral in Asien gelegen und vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, hier spielen unzählige ethnische, kulturelle, regionale und Stammeseinflüsse eine Rolle.

Um sich in innerafghanische Verhältnisse einzumischen, bedarf es viel Fingerspitzengefühls und wirklicher Kenntnis von Tradition und Kultur. Wenn man Kabul einmal erlebt hat, ist klar, dass mit Marder, Dingo und Splitterschutzwesten, die Langwaffe im Anschlag, keine Probleme gelöst werden können.

Erwartungen heute? Was immer wieder überrascht, sind die ständig neuen Blockaden, Check Points, verbarrikadierte Straßen. Kabul gleicht zunehmend einer Festung. Straßen, die wir beim letzten Aufenthalt noch passieren konnten, sind jetzt gesperrt. Von vermehrter Sicherheit kann da wenig die Rede sein. Verlasse ich Kabul, bin ich immer wieder überwältigt von atemberaubend, schönen Landschaften und Kontrasten. Schneebedeckte Berge, selbst in den heißesten Sommern, Kargheit, Städte aus Lehm, grüne Oasen, Reiterkarawanen auf Kamelen und Pferden, die Buntheit der Menschen und Trachten, das sind Dinge, die man so authentisch selten sieht. Afghanistan ist nicht der globalisierte Einheitsbrei von IKEA und McDonald. Afghanistan ist anders, wild und bunt. Dies zu erleben, ist von einem Reiz, der süchtig machen kann.

 

 


Regina Menzel

Ein Beitrag von Regina Menzel

Maulbeerblätterin 2.0, nicht nur im Maulbeer-Backstage administrierend, lektorierend und kundenbetreuend, sondern auch sonst an vielen Fäden knüpfend unterwegs. Zitat: „Blättern, blättern, blättern!“