falkenberg

Vor exakt 30 Jahren erschien bei AMIGA „Taufrisch“ die erste Langspielplatte von Stern Meissen mit ihrem jungen Sänger Ralf Schmidt (24). Gleichzeitig ging dieser als IC Falkenberg mit elektronischer Popmusik allein auf die Bühne. Heute ist er nur noch Falkenberg, dafür Liedermacher. In der Popmusik geht es „nur“ um eine gute Hookline. Beim Liedermachen geht es um eine klare Botschaft, gesungene Literatur, umhüllt von schöner Musik, oft Klavier, oft Gitarre. Gerade hat Falkenberg seine neue CD veröffentlicht. Über die Kunst, heute bei der Sache zu bleiben, sich zu konzentrieren, zum manchmal schmerzhaften Kern vorzudringen, um dann wieder leicht darüber erzählen zu können, sprach Danuta Schmidt mit dem gebürtigen Hallenser eineinhalb Stunden am Telefon.

Wo bist Du gerade? (es ist 11 Uhr morgens, die frühestmögliche Zeit, um sich mit einem Profimusiker ernsthaft zu unterhalten)

Ich sitze auf meiner Couch in meiner Wohnung in Halle.

Meine Idee ist, mit Dir heute viel übers Texten zu reden. Du bist doch Liedermacher, da wiegt das Wort schwer und ich kann besser bohren. Fällt es Dir leichter als über Musik zu reden?
Über das Texten zu reden, das geht gut. Aber Texte zu schreiben, das ist für mich eine Qual. Es ist der Kampf mit den Worten, mit dem, was ich sagen will. Wenn mir selbst etwas klar geworden ist, ich eine Erfahrung gewonnen habe, aus der vielleicht sogar eine Erkenntnis wird, muss ich es klar formulieren können. Das ist schon schwer genug. Und danach muss ich es noch so formulieren, dass auch das Publikum diese Klarheit, meine eine Erkenntnis versteht. Und das alles noch in, möglicherweise, nur acht Liedzeilen…

Da haben es Schriftsteller leichter…
Die haben 600 Seiten Raum und Zeit für Inhalt. Mein Liedermacher-Joker ist, dass ich den Text auch darbiete, dass ich ihn singe. Es geht darum, welches Wort wann kommt, aber auch, wie ich es singe, wie ich beispielsweise dabei meine Stimme färbe. Es ist ja wie im Gespräch. Da kannst Du viel direkter sein im Vermitteln, in der Wortwahl. Und in der Art, wie Du es sagst, schwingt die Emotion mit. Das kann ein Brief nicht leisten, Geschriebenes kann schnell falsch verstanden werden, immer aus der Sicht, dem Kontext des Lesenden. Ich male ja auch und fotografiere seit mehr als 20 Jahren. Aber Musik hat die größte Kraft, Emotionen zu transportieren. Sie ist die emotionalste Kunstform für mich, vor allem wenn es darum geht, Geschichten zu erzählen.

Du hast mit „Mollwerk“ vor zwölf Jahren Dein eigenes Label gegründet, ein ambivalenter Name: Da steckt Traurigkeit drin und ganz viel Aktionismus…

Für mich persönlich eigentlich nicht. Das Tongeschlecht Moll ist für mich wie die Farbe Schwarz, hat Weite und Tiefe. Schwarz ist die Grundlage für alles, auch für mich als Fotografen: Ohne Schwarz gäbe es kein Bunt, alles braucht seinen Kontrast. Schwarz definiert. Passepartouts sind schwarz.

Dein letztes Album 2012 hieß „Freiheit“: Freiheit ist ein so vielbedeutendes verbrauchtes Wort. Ist Freiheit für Dich „nur“ ein Gefühl?
Freiheit ist für mich die permanente Abwesenheit von Angst. Für „Freiheit“ – da hast Du Recht – hab ich neu nachgedacht über Freiheit und auch über die Freiheit der anderen, ohne die die eigene Freiheit ja nicht möglich ist. Ich möchte mich und andere nicht im Tun und Denken einschränken. Da gehört für mich auch dazu, den anderen zuzuhören. Es ist aber nicht nur das Geben und Nehmen, sondern auch das Lassen. Man muss die Menschen auch in ihrer Freiheit lassen, anders ausgedrückt für den Begriff „Toleranz“, der ja auch sehr vielbenutzt ist.

Inzwischen ist viel passiert: Du bist z.B. aus Berlin weggegangen …
2011 bin ich nach Halle gezogen. Ich brauchte eine Veränderung. Skandinavien wäre zu weit weg gewesen für meine Musik- und Bühnenlogistik. Dass es Halle wurde, war ein Zufall: Zum 50. Geburtstag habe ich ein Konzert in Halle gegeben und bei den Vorbereitungen war ich öfter dort. Halle ist nicht mehr die Stadt meiner Jugend, es hat sich extrem verändert. Halle war neu und fremd für mich und vielleicht deshalb in diesem Moment so reizvoll.

Das erste Stück auf Deinem neuen Album „Geliebtes Leben“ ist eine Klavierballade über den Anfang. Es ist ein Instrumentalstück, sehr gewagt. Die Idee des formalen Beginner-Stücks wäre banal. Oder fehlen Dir wirklich die Worte, wenn Du über „Anfangen“ und „Anfänge“ reden willst?
Der Anfang eines Albums ist sehr wichtig. Er sollte eine Zäsur sein. Ich möchte die Leute mit diesem Stück aus dieser reizüberfluteten Welt in mein Album holen, mit Minimalismus – also in diesem Fall – dem Weglassen des Textes. Ob ich nicht übers Anfangen reden kann? Zumindest kann ich den Anfang nicht fassen. Das soll keine Ausrede sein. Anfänge, wie etwas wird, beginnt, sind für mich zutiefst emotional. Es gibt viele Wege und Schlüsselerlebnisse, das kann ich nicht konkret beschreiben. Das Werden ist viel zu komplex, um es in drei Minuten zu erzählen.

Du malst schöne Bilder in Deinen Texten und singst aber: „Auf der Suche nach den besten Worten finden wir nicht das richtige Maß“ oder “Das, was uns rettet, fällt uns nicht ein“…
Das Liederschreiben ist für mich vergleichbar mit einem problematischen Beziehungsgespräch. Man sieht die Lösung schon vor sich, aber man braucht die Zeit, um sich dem Kern zu nähern. Ein Lied ist kein Monolog, vor allem nicht in der Entstehung. Ich muss mir immer wieder die Mühe machen, zum Ursprung der Idee zurück zu gehen, um dann wieder zwei Schritte nach vorn gehen zu können. Nach und nach erkenne ich dann eine Struktur. Das Material verselbständigt sich, es wird abstrakt und nach der Überhöhung beginnt der Feinschliff.

Dein Werk lebt von gescheiterten Figuren und stillen Helden (Rodeoclown, Menschensammler, Independentfilm). Die Welt ist nicht gerecht. Die Lauten kriegen die Orden. In „Grandios gescheitert“ singst Du auch über Dich…
Ja, da geht es um mein plötzliches „Nicht mehr an sein“ (das war 2013). Man darf seine physischen wie psychischen Grenzen nicht überschreiten, wie ich es getan habe. Um das jedoch verhindern zu können, muss man natürlich erst einmal seine Grenzen kennen und immer wieder neu ziehen. Wir alle wissen das, aber wir handeln nicht danach. Wir können etwas Wollen, aber wir müssen nicht. Wir lassen uns fremdbestimmen durch Zeit, Menschen, Gesellschaft, und immer wieder Reize. Dafür sollten wir jedoch nicht andere verantwortlich machen. Wir lassen es mit uns machen und wir machen es mit uns. Wir sollten die eigene Verantwortung uns gegenüber ernsthafter wahrnehmen. Sonst sind wir plötzlich „aus“ und eben nicht mehr „an“.

Dein neues Album heisst „Geliebtes Leben“ und klingt düsterer, so viel Gitarren und die klingen so dunkel …
Bis auf die Drums habe ich es komplett allein eingespielt: Klavier, Gitarre, Bass. Ich liebe diesen Gitarrensound. Das ist es meine eigene Art, Gitarre zu spielen.

Bist Du doch eher der Solokünstler, von der Idee bis zum Lied alles unter Deinem Himmel?
Authentischer geht es doch nicht?


Wir danken für das Gespräch.

Interview: Danuta Schmidt
Foto: Olaf Telle