Totgesagte sterben länger
Der Hauptmann von Köpenick ist tot. Es lebe der Hauptmann von Köpenick.

Dass der Versuch, den Kleinkriminellen Wilhelm Voigt in seiner Paraderolle des Hauptmanns von Köpenick als immaterielles Kulturerbe ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten, scheitern musste, liegt an der fehlenden Ernsthaftigkeit einer Initiative, die über eine nur mäßig komische Geschichte – an die an dieser Stelle nicht erinnert werden muss – mit schenkelschlagender Humorlosigkeit politisches Kapital herauszuschlagen versuchte. Wie konnte es dazu kommen?
Der Hauptmann geht baden
Illustration: Fourbaux

Ist das Hauptmann-Maskottchen noch zeitgemäß?

Ein unerschrockener Wildwuchs verdienter oder auch nur selbsternannter Volksschauspieler gibt sich seit Jahren als Hauptmann die Klinke in die Hand. Jeder, der will und dem nichts Stupideres einfällt, kann es dem Original nachtun, sich in eine entsprechende Uniform zwängen und Lieder singen, bei denen dann auch der Gleichschritt beim Marschieren nicht gegen das Einschlafen der Füße hilft. Ist das zeitgemäß? Ist der Hauptmann noch zu retten?

Militärische Einheiten sind inzwischen rechnergestützte und smart geführte Logistikunternehmen. Vielleicht eignet sich der Hauptmann als veritables Maskottchen für Hacker und andere Trojaner, um die Geldströme dieser Welt in die eigenen Taschen zu lenken. Man muss nur an die entsprechenden Passwörter rankommen. „Stillgestanden“, „Präsentiert das Gewehr“, „Die Augen links“ mögen den einen oder die andere NostalgikerIn entzücken und zu echten Tränen rühren, aber der Zugang sollte dem aufgeklärten Zeitgenossen eigentlich versperrt sein. Eigentlich.

Der Wertkonservativismus unserer Tage treibt so manche Blüte, so dass selbst das Sandmännchen (Ost) bereits vor der Heiligsprechung steht. Ganze Schlachtengemälde aus der Zeit des Spießrutenlaufs werden inzwischen von ambitionierten Laiendarstellern in Agrar-Wüsten nachgestellt. Da ist sicher auch noch Platz für so eine Figur wie den Schuster Voigt, dessen Schnauzbart für die grassierende Bartstoppelkultur unserer Tage durchaus modische Anregungen liefern könnte.


Kein Hauptmann-Remake mit Jonny Depp in der Rolle von Heinz Rühmann

Ohne den Hauptmann, so viel lässt sich prognostizieren, verkommt Köpenick für die Berliner Hochkultur, Knorkator hin oder her, zum Niemandsland. Man stelle sich vor, mit Hartz-IV gepäppelte Laiendarsteller müssten sich zwei Mal in der Woche als Friedrichshagener Dichterkreis verkleiden und deren Texte in der Bölschestraße lesen. Aber gut, das ist ja auch nicht Köpenick.

Mit Köpenick assoziiert der gewöhnliche Berliner gemeinhin sehr viel Wasser und noch mehr Wald oder umgekehrt. Und dann gab es da auch noch – nie zu vergessen – am Anfang des Jahrhunderts diesen Fußballverein, der ein langes Jahr lang in der ersten Bundesliga spielte. Und sonst?

Staus auf der Wendenschlossbrücke Richtung Innenstadt. Selbst die Traumfabrik in Hollywood konnte sich bis heute zu keinem Remake mit Jonny Depp in der Rolle von Heinz Rühmann entschließen. Aber in China produziert eine Filmindustrie im Minutentakt Blockbuster, so dass vielleicht auch für den Hauptmann die letzte Stunde noch nicht geschlagen hat, obwohl alle Initiativen, die sein Ende verhindern wollen, vermuten lassen, dass das Ende nicht nur nah ist, sondern, dass er sein hundertjähriges Jubiläum eigentlich nicht überlebt hat.


Was bleibt zu tun für den Hauptmann?

Der Autor dieser Zeilen hat in seiner Ratlosigkeit einen 3D-Drucker programmiert, alle relevanten Informationen und Zutaten eingespeist und darauf gehofft, ein zeitgemäßes Endprodukt fabrizieren zu können. Es kam, was kommen musste. Das Ergebnis war so niederschmetternd, dass es sich nicht einmal dazu eignet, sich damit bei allen Hauptmann-Enthusiasten unbeliebt zu machen.

Selbst mit künstlicher Intelligenz, so viel steht fest, ist der Hauptmann nicht zu retten. Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache, wie schon an anderer Stelle festgestellt wurde. Ich bitte um Gnade. Das unwürdige Dahinsiechen des Hauptmanns von Köpenick muss im 21. Jahrhundert beendet werden.