Eisernes Lernen mit Michael Parensen
Der 1. FC Union unterstützt über seine Stiftung Schüler in Neukölln in Deutsch, Englisch und Mathe

Die Fußballsaison ist vorbei und beim 1. FC Union in Köpenick werden die Scherben zusammengekehrt: Statt Aufstieg in die 1. Liga ist man nur knapp dem Abstieg und Absturz in die sportliche Bedeutungslosigkeit entgangen.

Michael Parensen mit Schülern der Otto-Hahn-Schule

Entsprechend gravierend fallen jetzt die Veränderungen aus. Da ist es beinahe tröstlich, dass sich bestimmte Dinge im Verein – nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit – positiv entwickeln. So will die Stiftung des Vereins jetzt über die Grenzen von Treptow-Köpenick hinaus gehen und helfen: In der Otto-Hahn-Schule an der Buschkrugallee in Neukölln finanziert die Stiftung das Lernprojekt „Und niemals vergessen: Lesen, Rechnen – Sprechen“. Es ist das erste Projekt dieser Art der im Jahr 2016 gegründeten Stiftung, die derzeit über ein Kapital und Spenden in Höhe von mehr als 300.000 Euro von über 150 Stiftern verfügt.

Gegründet wurde die Stiftung, so ihr Vorstandschef Jochen Lesching, aus der sozialen Verantwortung heraus:

„Fußball ist für Menschen da, und die helfen einander, was bei Union besonders ausgeprägt ist.“

Diese Hilfe, dieses Identifikationsgefühl der Fans mit ihrem Verein wolle man unterstützen. So greift die Stifung namens „Union vereint. Schulter an Schulter“ dem Kinderzirkus Cabuwazi in Altglienicke unter die Arme, sie finanziert die Sambakids und auch das Projekt „Eisern trotz(t) Handicap“, bei dem jüngst 130 behinderten Fans die Teilnahme am Punktspiel der Unioner auf Sankt Pauli ermöglicht wurde.

Jetzt also das Schulprojekt. Das haben Unions Allrounder Michael Parensen, der Mitglied im Stiftungsrat ist, sowie Roland Hoffer, Sportlehrer an der Otto-Hahn-Schule, gemeinsam initiiert. Beide kennen sich schon lange, wie Parensen sagt:

„Wir wissen, dass Kinder viele Talente haben, die aber manchmal nicht zum Tragen kommen. Diese Talente wollen wir wecken und entfalten, damit es auch Kinder aus schwierigen Familien leichter haben.“

Dafür engagiere er sich gern, sagt der Fußballer, der wie kaum ein anderer im Union-Kader als Identifikationsfigur für die Fans gilt.

Dass Hilfe an der Otto-Hahn-Schule benötigt wird, liegt auf der Hand: Rund 95 Prozent der knapp 800 Schüler haben einen Migrationshintergrund. Mehr als zwei Drittel von ihnen leben in Familien, die Transferleistungen vom Staat beziehen. Die Schule, eine integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe, ist das, was gemeinhin als Problemschule bezeichnet wird. Schulleiter André Koglin sagt:

„Bei vielen unserer Schüler aus nichtdeutschen Familien stellen wir beim Eingangstest für die 7. Klasse fundamentale Defizite in Deutsch fest.“

Mängel seien auch in Mathe und Englisch zu verzeichnen. Im Schulalltag sei diesen Defizite kaum abzuhelfen, zudem fehle es in vielen Familien an Problembewusstsein. Die Folgen: Die Jugendlichen schaffen die Schulabschlüsse nicht und finden keine Ausbildung.

Seit 2002 hat die Schule eine sportbetonte Spezialisierung. Für die Disziplinen Fußball, Basketball, Hockey und Schwimmen gibt es in jeder der Klassenstufen 7 bis 10 eine Sportklasse. Da passt die Union-Stiftung gut. Begonnen wird im neuen Schuljahr mit der Deutsch-Förderung in der 7. Klasse. Zwei Lehramtsstudenten werden parallel zum Vormittags-Unterricht besonders bedürftige Schüler betreuen. In einem extra Raum, damit Störungen ausgeschlossen sind. Die Studenten kommen vom Berliner Projekt „Studenten machen Schule“ und werden von der Stiftung finanziert. Mathe und Englisch-Förderstunden sollen zügig folgen, ebenso die Hilfe bei Prüfungsvorbereitungen und Ausbildungsplatzsuche der Zehntklässler. Langfristig sei das Schulprojekt angelegt, sagt Stiftungsvorstand Lesching:

„Und wenn sich der Praxistest in Neukölln bewährt, könnte es durchaus auf andere Schulen übertragen werden.“

Als Belohnung für ein „eisernes Lernen“ sind unter anderem Besuche im Stadion An der Alten Försterei geplant. Für einige der jungen Neuköllner, die sich ambitioniert im Fußball üben und sogar von einer Karriere als Profi träumen, könnte dies ein Anreiz sein. Ihr Vorbild Michael Parensen könnte ihnen dann auch berichten, wie wichtig auch für erfolgreiche Fußballprofis eine gute Bildung ist. Immerhin hat der 31-Jährige jüngst sein BWL-Fernstudium erfolgreich beendet und damit den Grundstein für ein Berufsleben nach dem Fußball gelegt. Wobei: Ein, zwei Jahre sollten die Unionfans den Vorzeigeprofi noch auf dem Rasen sehen.

 

Foto: Matthias Vorbau

Karin Schmidl
Ein Beitrag von

diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“


Ähnliche Beiträge