Jakob Hein am 27. Mai zu Gast in der Sonntagslese im Kino Union
Der Kinderpsychiater und Autor im Maulbär-Exklusiv-Interview über Kinder, Gewichtheben und schwarze Löcher

Jakob Hein vor orientalischen Fliesen

Sind Sie bereit für das Gespräch?
Ja klar. Wir kommen gerade vom Abendessen.

Wir wollen heute vor allem über das Thema „Kinder“ sprechen. Sie haben zwei Söhne, 12 und 15 Jahre alt. Werden sie langsam flügge?
Unsere beiden Kinder sind am gleichen Gymnasium wie wir damals. Beide fahren seit der 3. Klasse, also seit ihrem 9. Lebensjahr allein mit dem Bus. Das finde ich schon sehr selbstständig. Oder: Der Große fährt allein 14 Tage ins Trainingslager. Auch ein Zeichen von „flügge“ werden. Von meiner Arbeit als Kinderpsychologe weiß ich, dass dies nicht selbstverständlich ist. Viele Kinder sind unselbständig, haben damit Schwierigkeiten.

Also ich meinte mit „flügge“ nicht nur die räumliche Abnabelung, sondern auch die emotionale und die geistige…eine eigene Meinung haben, sich mit anderen auseinander zu setzen, einen eigenen Kleiderstil, eigene Musik hören, eigene Ziele (und nicht die der Eltern und Ziele, die die Eltern gern für die Kinder hätten) setzen, eigene Ideen entwickeln. Es hat ja auch etwas mit Schöpfertum zu tun oder?
Ja, was ist flügge? Das müssten wir erst einmal definieren. Ich würde es Selbständigkeit nennen auf allen Ebenen…

„Gebt den Kindern Wurzeln und Flügel“, dieses vielbenutzte, jedoch nicht abgenutzte Zitat passt auch zu meiner Frage nach der Abnabelung. Es sagt, dass Kinder geerdet sein sollten und im Herzen und Kopf frei, mit den Füßen auf dem Boden und dem Kopf in den Wolken…Es bedeutet, dass Eltern für Liebe, Geborgenheit und für Phantasie zuständig sind, also dafür die nötigen Impulse geben.
Ich mache mir sehr viel Gedanken darüber. Die Phantasie, auch unserer Kinder, ist sehr beschränkt. Die Angebote der sozialen Medien sind scheinbar sehr viel interessanter. Auch meine Kinder bekomme ich schlecht weg vom Computer, das macht mir schon zu schaffen, nicht nur als Kinderpsychiater, sondern auch als Vater.

Phantasie entwickelt sich aus Langeweile.

Doch die Langeweile, dieses mit dem „Gehirn allein gelassen werden“, gibt es kaum noch. Durch zu viel Ablenkung können diese Freiräume- und zeiten nicht mehr entstehen. Was ich meinen Kindern immer rate, ist das Machen, das Ausprobieren, das sich Ausprobieren.

Wir beide, Sie und ich, sind der gleiche Jahrgang. Wir gingen in den 80ern zur Schule. Ich habe früher zwischen 12 und 15 viele Bücher gelesen. In unserer Schule gab es sogar einen Buchclub. Funktionierte wie heute: Jeder Schüler konnte aus 2, 3 verschiedenen Büchern jeden Monat wählen und eins kaufen. Nehmen Sie sich heute, wo ihre Kinder in diesem Alter wie wir damals sind, Zeit zum Lesen? Kinder beobachten ja ihre Eltern in ihrem Tun…
Ich lese selbst viel zu wenig, auch ich lasse mich vom Überangebot der Medien gefangen nehmen. Aber ich gebe mein Bestes. „Tut nicht, was ich tue, sondern tut, was ich Euch sage“ ist ein Grundsatz schlechter Erziehung.

Meine Freundin ist Ärztin. Als ich ihr von meinem Interview-Termin mit Ihnen erzählte, reizte sie dies leicht. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, wie sie ihre Praxisarbeit, ihre künstlerische Arbeit und ihre Erziehungsarbeit so gut hinkriegen. Als Arzt arbeiten, mit 46 bereits 17 Bücher geschrieben haben, liebender Familienvater und Partner zu sein. Der Tag eines jeden von uns hat doch nur 24 Stunden. Und irgendwann muss man auch schlafen. Und alles sollte doch mit absoluter Hingabe passieren, also 100 prozentig. Machen Sie irgend etwas anders?
Ich lebe in sehr stabilen Verhältnissen, habe eine langjährige Partnerin. Das ist schon einmal sehr sehr wichtig. Außerdem würde ich sagen, dass mein Leben sehr strukturiert ist, allein durch meinen Arztberuf und die dafür vorgesehenen Sprechzeiten. Gleichzeitig kann ich diese auch selbstbestimmt einteilen. Und so habe ich auch ein verlässliches, geregeltes Einkommen. Die Vorstellung vom nächsten Buch usw. kann ich dadurch in den Freiräumen entwickeln. Freie Künstler haben, weil sie von ihrer Kunst leben müssen und es oft nicht können, den Kopf nicht frei. Ich mache alles mit Leidenschaft, versuche, den Anspruch zu wahren und der ist sehr hoch: an meine Arbeit, in beiden Berufen. Ich will lieber als Schriftsteller scheitern, als ein ganz guter schreibender Arzt zu sein.

Wie geht das bei Ihnen zu Hause organisatorisch? Ihre Frau ist Radiologin und auch schon einmal auf einem Kongress.
Meine Frau ist beruflich viel erfolgreicher als ich. Also teilen wir uns die Familienarbeit. Dafür braucht man gute Kommunikation. Wenn sie auf einem Kongress ist, kann ich keine Lesung machen. Wenn ich ein neues Buch geschrieben habe, weiß sie, dass ich nach der Buchpremiere öfter mal zum Abendessen fehle. Dann kocht sie.

Wie viel Zeit haben Sie, hat ihre Frau mit den Kindern verbracht?
Natürlich hat meine Frau in den Kleinkind-Jahren mehr Zeit mit unseren Söhnen verbracht. Ich war beim großen Sohn fünf Monate im Erziehungsurlaub. Später haben wir uns die Arbeit geteilt, auch heute noch.

Man hat eine Vorstellung von Ihren beiden Söhnen: das sie eher zurückhaltend sind und Tüftler im stillen Kämmerlein, natürlich körperlich zarte Burschen. Ihre Söhne machen Sport. Sie sind Gewichtheber. Wie kam es denn dazu?
Ich will eigentlich nicht so viel über meine Kinder reden.

Na dann über das Gewichtheben…
Die Kinder wurden in der Schule gesichtet, so wie das früher an den Schulen war im Nachwuchssport.

Für mich war das auch ein spannendes Thema, denn ich habe meine Klischees über das Gewichtheben überprüft und korrigieren müssen.

Es ist ein Sport, der belächelt wird, in dem man aber viel über sich lernt. Es ist ein freundlicher Sport. Keiner wird ausgegrenzt, man kämpft mit sich. Man ist nur gut, wenn man selbst gut ist. Das ist ja beim Fußball anders. Früher haben meine Kinder Fußball gespielt.

Die Beschäftigung mit dem Kind, dem Jungsein, ist bei Ihnen immer präsent. Sie sammeln auf Ihrer Homepage unter „Pardauz“ Wörter aus der Umgangssprache der Jugend seit den Siebzigern. Ich erinnere mich noch gut an „Fetzen“ oder „keimig“ oder „Torte“. Wie kommen die Wörter zu Ihnen?
Viele sind mir in Filmen oder Büchern aus der Zeit aufgefallen und ich fand sie zu schön, um sie wieder zu vergessen. Und ab und zu schicken Leute mir etwas, manchmal suchen Leute gezielt danach.

Haben Sie immer Verständnis für Ihre Kinder?
Niemand, der seine Kinder kennt, muss sie immer verstehen. Ich bin ja nicht ihr Freund.
Ich finde es nicht wichtig, meine Kinder immer zu verstehen, sie müssen doch auch ihre Geheimnisse und Freiräume uns gegenüber haben dürfen.

Das meine ich nicht. Ich meine eher das Selbstverständnis…also nehmen Sie ihre Kinder so an wie sie sind? Mir geht es um ihr Wesen, auch um ihre Eigenart im Wesen. Meine Erfahrung aus meinem Umfeld ist: Viele tun sich schwer, ihr eigenes Kind so anzunehmen, wie es ist, besonders, wenn es abweicht von einer Norm. Viele haben Angst davor, anders zu sein, also ein stilleres Kind zu haben oder ein widerspenstigeres, das auch ausgegrenzt werden könnte, von anderen Kindern oder auch Lehrern. Dabei ist dies doch etwas Schönes. Es bereichert doch unsere Gesellschaft. Warum ist dies für viele (Deutsche) möglicherweise ein Problem?
Das Problem ist doch, dass jedes Elternteil diese Frage bejahen würde, es aber objektiv nicht stimmt. Ich hoffe natürlich, dass ich meine Kinder so akzeptieren kann, wie sie sind und nicht nur so, wie ich sie haben will.

Wie gehen Sie mit Notlügen, Ausreden um?
Meine Erfahrung ist, dass Eltern immer wieder die Hoffnung haben, Dinge vor den Kinder geheim halten zu können. Es ist lächerlich, vor allem, was den emotionalen Kontext betrifft. Wenn es Spannungen gibt, spüren dies die Kinder, da kann man noch so viel anderes erzählen. Kinder spüren, dass ihr Fühlen nicht mit dem Gesagten überein stimmen. Wir können uns ja im Kleinkindalter nur nonverbal mit unseren Kindern verständigen. Kommunikation ist ja nicht nur das, was gesagt wird. Augen sprechen, wir haben Körpersprache.

Prinzipiell hab ich immer gedacht, dass ich vor allem authentisch sein möchte für meine Kinder.

Was halten Sie von Ratgebern?
Bestimmt finden sich in jedem einige Impulse für den eigenen Weg. Doch ich würde immer raten, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss für sich im Umgang mit den Kindern.Wenn mein Kind  Schlafschwierigkeiten hat, dann würde ich kein Schlafprogramm nach einem Ratgeber durchziehen, sondern es so machen, wie ich es selbst vertreten kann.

Haben Sie Rituale?
Wir haben viele Rituale, z.B. den Osterspaziergang, wir frühstücken gemeinsam am Wochenende…

Haben Sie das Gefühl, von Anfang an genug Zeit mit den Kindern verbracht zu haben und zu verbringen?
Diese Frage sollte keiner bejahen.

Warum nicht?
Ich hatte immer das Gefühl, dass es fast nicht zu viel sein kann. Ich fand es immer wunderschön.

Warum ich das frage: Sie sind ein sehr vielbeschäftigter Mann und ich frage mich, wie Sie das alles für ein eigenes gutes Gefühl schaffen. Kürzlich las ich in einem Nachruf über Rolf Zacher, dass er nichts in seinem Leben bereue außer die Tatsache, beim Aufwachsen seiner leiblichen Tochter nicht dabei gewesen zu sein. Etwas zu bereuen scheint für Viele ein Lebensthema zu sein, also nicht das getan zu haben, was sie eigentlich hätten tun wollen. Man ist ja für das verantwortlich, was man tut und was man bleiben lässt. In einem Film mit einem amerikanischen Psychoanalytiker resümierte dieser ebenfalls: Reue ist etwas, das man schwer löschen kann…auch die Reue, bestimmte Dinge nie geklärt zu haben (den Umgang mit den eigenen Eltern, die Versöhnung mit einem Bruder, die Annahme eines Kindes)
Also wenn Sie es im Zusammenhang mit Reue sehen und ich habe eine Allergie gegen Reue und würde dieses Gefühl als sehr bedrückend empfinden: ich fand und finde es immer bereichernd, Zeit  mit meinen Kindern zu verbringen. Im Übrigen habe ich das Thema „Reue“ schon seit meinem Studium auf dem Schirm. Als ich zum ersten Mal und wiederholt Tote sah, wusste ich: Das wird nicht ewig gehen. Dazu muss man eine Haltung finden. So war mir schnell und ist mir bewusst: Ich möchte nichts bereuen und ich kann später ehrlichen Herzens sagen: ich habe alles gegeben.

Was haben Sie in ihrer Kindheit dazu erfahren?
Ich bin sehr stark von der Großmutter geprägt.

Sie fand immer alles falsch. Sie war ein sehr anstrengender Mensch.

Sie lebte Leben B und das war eben nicht Leben A. Ich fragte mich immer sehr intuitiv: Diese Konjunktive, was nützen die einem?  Ich will so nicht leben. Das ist eine Lebenserfahrung aus meiner Kindheit.

Sind Sie daher so leicht und voller Humor?
Es gibt einen alten Cartoon: „Wenn ich über die Straße gehe, muss ich zuerst nach links und dann nach rechts…“ – in dem Moment fällt dem Sprecher ein Kühlschrank auf den Kopf. So schnell kann es gehen. Aber die Endlichkeit ermöglicht uns die Komik. In einer Million Jahre wird keiner mehr etwas von uns wissen. Wenn irgendwann alles sinnlos und vergessen ist, können wir auch schon jetzt darüber lachen. Es gibt ein Essay über Humor: Unsere Sterblichkeit ist die schwarze Sonne im Universum.

Naja, eine Million Jahre sind noch lange hin…
Es geht schneller, als man denkt und plötzlich kommt der Kühlschrank von oben …

Herzlichen Dank, dass Sie sich noch am späten Abend Zeit für uns genommen haben.


Jakob Hein am 27. Mai zu Gast in der Sonntagslese im Kino Union.

 

Foto: Susanne Schleyer

Danuta Schmidt
Ein Beitrag von Danuta Schmidt

Danuta Schmidt überschreitet gern unsichtbare Grenzen, klettert auf Bäume, in Häuser, Schlösser und Ruinen, schaut über Dächer, hinter Fassaden und über den Tellerrand. Trifft dort Randfiguren und Parallelgesellschaften und bohrt mit ihren Fragen bis zum Kern.


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