Gojko Mitić fotografiert auf der Köpenicker SchlossinselIch sehe ihn sofort. Er ist pünktlich. Überpünktlich sogar. Das perfekte Timing hat bei einem Indianer oberste Priorität. Denken wir nur an einen gespannten Pfeil und das anvisierte bewegliche Ziel!
Gojko Mitić kommt unscheinbar, doch jugendlich daher, mit grauem Basecap, in grünen Turnschuhen. Er wird gerade, da er mich noch nicht sieht, von zwei Damen um die 50 an einen Tisch auf der Terrasse des Penta-Hotels eingeladen. Leider wird nichts daraus, die beiden sind ein bisschen traurig. Gojko Mitić ist zum Interview für das Maulbeerblatt verabredet. Ein Privat-Interview? Vielleicht ein anderes Mal. Wir treffen uns direkt an der Dahme, die für ihn mehr ist als ein Fluss. Er schwimmt jeden Morgen in der Dahme. In drei Jahren wird Gojko Mitić 80 Jahre alt, nicht zu müde für den Sport. Und für die Kunst. Derzeit steht er auf den Landesbühnen Sachsen als Indianerhäuptling, seiner sportlichen und künstlerischen Königsdisziplin, im Stück „In Gottes eigenem Land“ vorm Publikum.

Vergangenheit ist etwas sehr Ambivalentes. Das Leben an sich ist ambivalent, um mit David Bowie zu sprechen. Den einen lähmt die Vergangenheit. Den anderen beflügelt sie, sagte Erwin Strittmatter. Was schöpfst Du aus Deiner Vergangenheit?
Noch immer genieße ich es, in den ehemaligen Ostblock-Staaten wie Ungarn, Tschechien, Polen unterwegs zu sein. In diesem Jahr war ich als Gast zum Filmfestival „Goldener Ritter“ in Russland eingeladen und es wurden Kultfilme wie „Die Söhne der großen Bärin“ gezeigt. Als in einem der Kinos der Film zu Ende war und das Licht im Saal wieder anging, blieben die Menschen sitzen. Sie gingen nicht. Gojko Mitić war noch nicht da. Sie haben mich überall hin geschleppt, ich war noch unterwegs zu anderen Terminen. Als ich endlich ankam, dachte ich, es sei keiner mehr da. Doch das Publikum wartete eine halbe Stunde auf mich. Die Menschen kamen auf mich zu, waren sehr gerührt und bedankten sich bei mir. Ich sei ein Teil ihrer Kindheit gewesen. Da standen erwachsene Männer plötzlich wie Kinder vor mir. Das war sehr bewegend. Die Menschen sind mir mit so viel Dankbarkeit begegnet. Ich bin ein Held ihrer Kindheit. Und welch größeres Glück kann es denn für einen geben, als Dankbarkeit geschenkt zu bekommen?

Was fasziniert die Menschen Deiner Meinung nach?
Das müssen die Leute selbst beantworten. Und natürlich muss man das Teamwork sehen. Eine beispielhafte Szene: Wir hatten in den Siebziger Jahren Dreharbeiten zu einem Indianerfilm im Kaukasus. Dort gab es einen wilden Mustang, der für unsere Dreharbeiten unabkömmlich war. Ich habe den Mustang eingefangen und bin währenddessen auf das wilde Pferd gesprungen. Und bin sitzen geblieben. Ich hatte nie ein Double, war und bin authentisch. Mein Körpergefühl (ich wollte das Tier ja nicht bezwingen), der Mut, die Sicherheit, das Vertrauen in mich, die Tierliebe und natürlich, den genau richtigen Moment zu finden – das ging nur, weil ich auch tolle Kollegen im Team hatte. Das hat den Menschen vielleicht imponiert. Es war ja ein Stunt, also sehr gefährlich. Man darf Stunts nicht so oft machen, die Verletzungsgefahr steigt. Ich habe mich dem Tier genähert, es „gezügelt“ und wir hatten diese Szene im Kasten! Die Drehteams, Kameramänner, Tontechniker, Regisseure, Maskenbildner waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und voll bei der Sache. Den Mustang zu fangen, das war eine sehr kraftvolle, geladene Szene und sie wurde gleich, also spontan mitgedreht. Dazu kam, dass in den Filmen selbst die kleinste Filmrolle von einem guten Schauspieler besetzt wurde. Ich wurde also auch von anderen Schauspieler-Kollegen getragen.
Nicht zuletzt ging es in unseren Filmen immer darum, das Positive, das Gute im Menschen zu sehen; das spielt sicher ebenso eine Rolle bei der Beliebtheit der Indianerfilme und ihrer Macher.

Du hast im damaligen Jugoslawien, Deiner Heimat, Sport studiert und wurdest dort für den Film gecastet und entdeckt. Hat es Dich nie zurückgezogen in den warmen Süden oder in den Westen wie andere Schauspieler-Kollegen?
Ich war damals Jugoslawe. Und ich fühle mich nach wie vor so. Ich bin im heutigen Serbien geboren. Nun bin ich also Serbe. Dass ich hier bleibe, hätte ich nie gedacht. Das Publikum hat mich festgehalten. In Blankenburg z.B. wurde ich einmal, zu DDR-Zeiten, am Ortseingang mit einem Schild begrüßt: „Wir grüßen unseren Gojko!“ Kann man so etwas kaufen? Das war selbst organisiert. Das hat keiner beauftragt. Man wird entwaffnet. Da kann man nicht gehen. Seit 1966 bin ich hier. Ich war neugierig auf die DDR und ich fühle mich wohl unter den Menschen hier, die mich so gut aufgenommen haben. Ich erfahre auch jetzt bei meinen Gastspielen sehr viel Glück und Dankbarkeit. Die Indianerfilme waren früher ein Ventil. Wir zeigten fremde Länder, andere Kulturen und ihre Kulturgeschichte, weit über unsere kleinen Grenzen hinweg. Wir haben vielen Menschen durch die Indianerfilme den Horizont erweitert. Und wir haben nicht nur Unterhaltung gemacht, wir haben auch die tragische Geschichte der Indianer erzählt.

Die Geschichte Nordamerikas lässt Dich nicht los. Du spielst derzeit Theater in einem Stück über einen deutschen Pfarrer. Heinrich Melchior Mühlenberg ging als lutherischer Pfarrer, entsandt von den Franckeschen Stiftungen in Halle, nach Amerika. Mühlenberg gründete deutschsprachige Gemeinden in Nordamerika, ließ in Pennsylvania Schulen und Kirchen bauen. Wie bist Du auf diesen Mann gestoßen?
Mein Freund Eberhard Görner, der viele Jahre als Autor und Regisseur für den Polizeiruf arbeitete, hat diese Geschichte intensiv recherchiert und aufgeschrieben. Gemeinsam haben wir viele Lesungen gemacht, waren auf der Leipziger Buchmesse. Was viele nicht wissen: Dieser Pastor hatte elf Kinder. Viele von ihnen schlugen als Kongressabgeordnete eine politische Laufbahn ein. Zwei seiner Söhne stehen sogar als Statue vor dem Weißen Haus in Washington. Einer der beiden arbeitete mit an der amerikanischen Verfassung.

Auch die Sächsischen Landesbühnen in Radebeul (Karl-May-Museum) haben sich diesen Geschichtsstoff vorgenommen und daraus ein Bühnenstück, „In Gottes eigenem Land“, gemacht. Es geht um Glaube, Religion, Anarchie, Freiheit, Ordnung und christliche Nächstenliebe und um den Delawaren-Häuptling „Fliegender Pfeil“, den Du verkörperst. Hat Dir die Rolle sofort zugesagt?
Im Martin-Luther-Jahr hat mich das Theater gefragt. Aus dem historischen Roman wurde eine Bühnenfassung geschrieben mit Kirchenchören aus der Umgebung. Indianer habe ich schon genug gespielt. Das war also kein Problem für mich ;)

Du bist ein sehr interessierter, auch ein politischer Mensch …
Vor allem bin ich ein wahrheitsliebender Mensch. Wir wissen, was alles nicht stimmt auf unserer Welt, doch alle nehmen es hin, keiner macht etwas dagegen. Gib dem Volk Brot und Spiele!
Es muss keiner hungern. Es muss nur alles besser verteilt werden. Aber es wird nicht verteilt. Es geht ein paar Wenigen nicht um Verbundenheit, sondern nur um Gewinnmaximierung. Mich interessiert immer die Wahrheit.
Als Gojko Mitić von Helmut Schmidt als einem Mann von Format erzählt, wird er zum Schauspieler. Er mimt den Ex-Bundeskanzler, wie dieser laut denkt und dabei immer wieder an seiner Zigarette zieht und redet und raucht …
Helmut Schmidt durfte ja, und er war der Einzige, sogar in den Fernseh-Talkshows rauchen. Er sagte zum Balkankrieg: „Ich bin der Meinung, dass man sich nicht einmischen darf.“ Als er sich zu den Konflikten geäußert hat, traf er bei mir genau ins Schwarze. Nach diesen Äußerungen sagte ich zum Fernsehbild: „Helmut, Du wärst der einzige Raucher, der bei mir rauchen dürfte!“

Rauchen und Trinken sind dagegen nicht Deine Themen. Du trinkst seit vier Jahren keinen Rotwein mehr. Geraucht hast Du noch nie. Nur die Friedenspfeife in den DEFA-Indianerfilmen …
Ich habe meiner Oma zu verdanken, dass ich noch nie geraucht habe. Sie zeigte mir damals eine geteerte Straße und sagte: „Wenn Du rauchst, sieht Deine Lunge dann so aus.“ Das hat gewirkt.

Vor allem bin ich ein wahrheitsliebender Mensch.

1966 hast Du bereits Jugoslawien den Rücken gekehrt. Seit wann bist Du Köpenicker?
Seit 1988 bin ich Köpenicker. Ein Jahr vor der Wende habe ich mir ein kleines Häuschen hier gekauft. Ich bin handwerklich nicht ungeschickt und so habe ich es mir über die Jahre hier gemütlich gemacht, habe mir eine eigene Sauna gebaut. Doch mein Haus war für den Winter nicht gut genug isoliert. Meine Gäste und ich hatten immer kalte Füße. Daher die Idee eines neuen Hauses. Jetzt habe ich sogar Fußbodenheizung.

Ein Indianer mit Fußbodenheizung?
Ja, ich laufe unheimlich gern barfuß.

Du hast ein Haus gebaut vor sieben Jahren. Da warst Du bereits 70 …
Ich hätte es früher machen müssen.

Du wirst für Gastspiele und für Fernsehproduktionen gebucht, oft weit weg von Berlin. Bist Du gern im Hotel?
Ich mag keine Hotels. Wenn es irgendwie nach einer Vorstellung geht, fahre ich wieder nach Hause. Ich schlafe am liebsten im eigenen Bett. Außerdem habe ich einen Tag gewonnen.

Du wohnst in der Nähe der Dahme …
Jeden Morgen schwimme ich da meine Bahnen, hoch und runter. Die Dahme fließt sehr langsam, deshalb geht das. Ich schwimme immer parallel zum Ufer, auch, um den Schiffsverkehr auf dem Wasser nicht zu gefährden. Ich fange im Frühjahr als Erster an und höre als Letzter auf. Neulich freuten sich Arbeiter, die mich im Wasser mit Mütze sahen. Es regnete. Ich wollte nicht, dass meine Haare nass werden. Nach dem Schwimmen fühle ich mich sehr wohl und das Frühstück schmeckt auch besser.

Ich nehme an, dass das noch nicht Dein Tagespensum ist …
Ich mag Sportarten, die ich allein betreiben kann, schon immer: Langlauf, Tauchen. Apnoe-Tauchen, das ist auch etwas für mich. Tennis ist nicht mein Ding. Ich bin gern unabhängig. Und ich bin auch gern allein. Kajak fahren, Kanu, ich habe ein Kajak und natürlich habe ich als Indianer auch ein Kanu. Neulich war ich mit dem Kajak auf dem Wasser, ein bisschen Wind dazu, kaum Boote. Es war herrlich. Daran kann ich mich erfreuen.

Du bist ein Naturbursche. Diese Menschen sind oft sehr gute Beobachter.
Neulich habe ich mich über eine Krähe gewundert: Sie ließ ein Stück Brot in meine Vogeltränke fallen und ließ es aufweichen. Woher weiß das der Vogel? Und ich habe einen Vogel beobachtet, der den Samen von Rucola gegessen hat. Wenn ich das sehe, tut es mir leid, den Rasenmäher zu nehmen und alles zu mähen. Der Rucola hat sich wild ausgesät. Zu mir kommen Bienen und Schmetterlinge und mein kleines Biotop hat noch keine Chemie gesehen. Ich habe Rosmarin, Salbei, Tomaten, Pepperoni und Chillis. Ich esse gern scharf.

Tiere haben sehr gute Instinkte. Sie „wissen“ auch, welchen Menschen sie sich nähern können, welche Menschen große Tierfreunde sind. Es gibt Menschen, die Tiere regelrecht anziehen (ein frecher Spatz landet in diesem Augenblick neben Gojkos Kaffeetasse). Was ist in Sachen Tierleben vor Deiner Haustür so los? Denn ich nehme an, dass Du kein Haustierbesitzer bist.
Ich liebe Tiere, deshalb besitze ich kein Haustier. Auf dem Wasser ist ja schon allein viel los, Plesshühner, Reiher, Haubentaucher, Kormorane, Enten, Schwäne, die Fische sonnen sich am Bootssteg. Dann besuchen mich Waschbären, Füchse. Einen Waschbär habe ich mal mit trockenem Brot gefüttert. Ich bewundere die Indianer, die im Einklang mit der Natur lebten. Wenn sie ihr etwas nahmen, gaben sie ihr an anderer Stelle wieder etwas zurück. Sie nahmen nie mehr, als sie unbedingt brauchten. Sie wollten den Kreislauf nicht stören.

Wie hältst Du es mit Freundschaften unter Menschen?
Ich habe Freunde. Als wirklich enge Freunde, auf die ich mich immer verlassen kann, würde ich nur eine Handvoll bezeichnen.

Kannst Du gut verzeihen?
Es ist im Leben wichtig, in sich zu ruhen, sich selbst zu genügen und ich bin jemand, der die Karten offen auf den Tisch legt. Ich bin sehr offen und bin meist froh darüber. Wenn ich einem Freund vertraue und er missbraucht dieses Vertrauen einmal, kann ich ihm zwar verzeihen, was passiert ist. Aber es bleibt immer etwas zwischen uns.

Meine Fragenliste ist noch lang nicht abgearbeitet. Aber nur eine noch: Dein Sternzeichen?
Ich glaube nicht so an Astrologie. Ich bin Zwilling, doch wenn ein Horoskop, dann ist mir das Chinesische Horoskop lieber. Da bin ich ein Drache, der kommt besser weg.

Wir hatten uns für zwei Stunden verabredet. Die sind lange um. Ich verabschiede mich. Mein Fahrrad, zeige ich, steht da drüben am Wasser. Und meins, sagt Gojko, steht um die Ecke. Ich lache. Er ist so witzig, denke ich. Als ich mit meinem Fahrrad um die Ecke fahre, schwingt er sich gerade wie damals auf seinen Mustang, auf sein Diamant-Rad, und saust davon.

 

Foto: Matthias Vorbau