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Wie das bedingungslose Grundeinkommen das Leben einer jungen Berlinerin verändert

Was wäre, wenn du plötzlich Grundeinkommen hättest? Ein gemeinnütziger Verein will genau das per Crowdfunding-Projekt herausfinden. Charlotte bekommt das bedingungslose Grundeinkommen. Hier erzählt die Freiberuflerin, was 1.000 Euro mehr im Monat für sie bedeuten.
Charlotte in petite fleur
Foto: Philip Karl Behrendt

Hallo Charlotte, magst du kurz sagen, wer du bist und wie und wo du gerade lebst?
Klar, also kurzer Steckbrief: Charlotte, Geburtsjahr 1991, Geburtsort Berlin, Wohnort ebenfalls Berlin, Beruf freie Autorin, Sternzeichen Schütze, Haarfarbe blond.

Du hast dich vor einiger Zeit bei der Initiative „mein-grundeinkommen.de“ als „Crowdhörnchen“, also als Spenderin, registriert und zugleich um das Grundeinkommen beworben, das die Initiative per Verlosung vergibt. Warum? 
Bei mein-grundeinkommen war ich so ziemlich von Anfang an dabei. Ich meine mich zu erinnern, dass ein Freund mir von der Initiative erzählte, als wir über das Prinzip des freien Grundeinkommens diskutierten, bzw. nicht diskutierten, eher gemeinsam Vorteile aufzählten.

Dieser Freund war damals ziemlich firm, was so aktuelle politische Themen, Diskurse und eben auch Projekte anging. Ich habe mich dann sofort angemeldet. Das hatte sowohl politische als auch finanzielle Gründe. Das geht ja in diesem Fall Hand in Hand und ist nicht so wirklich voneinander zu trennen. Obwohl die Art wie und mit welchen Mitteln man konsumiert ja sowieso eigentlich immer auch politisch ist. Aber ich verfranse mich hier gerade.

Also ich fand das eine tolle Initiative, eine gute politische Message und am Anfang habe ich natürlich auch noch die irre Hoffnung gehabt, zu gewinnen. Was für eine Erleichterung das sein muss, habe ich mir gedacht, ein Jahr lang keine Geldsorgen mehr, ein bisschen was zurücklegen können. Haaa.

„Danach gab‘s Bier für alle und zwar Sternburg. Da bleib ich mir treu.“

Du bist dann tatsächlich unter zehntausenden Bewerbern ausgewählt worden. Was hat die Nachricht von deinem 12.000 Euro-Gewinn bei dir ausgelöst?
Dass ich nicht wirklich damit gerechnet habe, ist ja wohl klar. Ein paar Wochen vorher habe ich mich noch bei meinem Freund beschwert, dass in meinem Leben nie so richtig großartige, so richtig außerordentliche Dinge geschehen. Und dann kam die Nachricht von dem Gewinn. Das war schon ziemlich großartig.

Ich saß gerade mit ein paar Kumpels bei mir und wir haben Dungeons and Dragons gespielt, als einer der 6 mich darauf aufmerksam machte, dass bei der Verlosung jemand mit meinem Namen gewonnen hat. Als dann klar war, dass ich es wirklich bin, musste ich erst mal ins Nebenzimmer und eine Runde brüllen… Das war die erste Reaktion. Danach gab‘s Bier für alle und zwar Sternburg. Da bleib ich mir treu.

Und nach dem ersten Freudenschreck?
Später habe ich natürlich drüber nachgedacht, was das jetzt bedeutet. Also eine Sache ist schon mal klar: Ich bin sehr viel entspannter als vor dem Gewinn, weil ich weiß, dass mir jetzt finanziell erst mal nicht viel passieren kann. Und, dass ich nicht jeden Kack-Job annehmen muss, so wie vorher. Nie wieder Werbetexte über Vertikutiermaschinen!

„Im letzten Monat habe ich hart geshoppt.“

Seit Mai fließen nun ein Jahr lang monatlich 1.000 Euro zusätzlich auf dein Konto. Würdest du sagen, dass du finanziell jetzt erstmal sorgenfrei leben kannst?
Erstmal auf jeden Fall. Ich werde den Großteil zurücklegen, damit sich die Sorgenfreiheit eine Weile erhalten lässt. Es geht für mich erst mal nicht darum, jetzt Geld zu verprassen, sondern einfach dieses Gefühl aufrecht zu erhalten, sich nicht sorgen zu müssen und sich auch mal was wie eine Reise oder eine neue Gitarre leisten zu können.

Wofür setzt du das zusätzliche Geld ein? Wie verändert es deinen Alltag und/oder deine Zukunftspläne?
Wie gesagt, ich werde eine Menge zurücklegen. Außerdem werde ich im Sommer mit meinem Freund in die USA reisen und da einen Monat lang rumfahren. Das hatten wir sowieso vor, aber es war noch nicht klar, ob wir uns das leisten können. Jetzt können wir es uns leisten. Meine Zukunftspläne haben sich gar nicht und mein Alltag hat sich nur geringfügig geändert. Wie ebenfalls schon erwähnt, muss ich nicht mehr jeden Job annehmen, der mir angeboten wird. Dadurch habe ich mehr Zeit, mich auf die Arbeiten zu konzentrieren, die mir wichtig sind. Das ist momentan vor allem mein Debütroman. Ok und zugegeben: Im letzten Monat habe ich hart geshoppt. Aber das hat jetzt auch ein Ende. Das habe ich mir nur diesen einen Monat erlaubt.

Wenn es morgen einen Volksentscheid zum bedingungslosen Grundeinkommen gäbe, würdest du dein Kreuz vermutlich bei “Ja” setzen. Richtig?
Jap. Mit Herzchen drum. Also natürlich kann man sowas nicht von heute auf morgen umsetzen, aber ich finde das Prinzip an sich absolut einleuchtend.

„Den attraktiven Begriff des Grundeinkommens für eine etwas feinere Variante des Ein-Euro-Jobs zu missbrauchen, finde ich naja… ne miese Nummer.“

Wie sieht für dich das ideale (Arbeits)leben aus und wie könnte das bedingungslose Grundeinkommen dazu beitragen?
Mir persönlich ist meine Arbeit sehr wichtig und ich glaube, ich arbeite im Vergleich zu den meisten anderen Menschen, die ich kenne, sehr viel. Obwohl ich unter meinen Bekannten und Verwandten mit dieser Aussage vielleicht eine Auseinandersetzung über die Definition von „Arbeit“ provozieren würde. Jedenfalls: Egal, wie viel Geld mir zur Verfügung steht, ich werde immer so viel arbeiten, wie ich es jetzt tue. Der Unterschied, den das Geld macht, ist nur, was. Durch das Grundeinkommen hätte beziehungswese habe ich jetzt erstmal die Freiheit, mir meine Arbeit auszusuchen und die Arbeit, die ich mir ausgesucht habe, erledige ich dann natürlich auch mit mehr Elan, was auch bedeutet, dass sie besser wird. In der Regel jedenfalls.

Und was hältst du von der Idee des solidarischen Grundeinkommens unseres Regierenden Bürgermeisters Michael Müller?
Ich habe mich mit dieser Idee noch nicht ausgiebig genug beschäftigt, um wirklich eine ausgefeilte Meinung haben zu können. Aber soviel ich weiß, ist das eigentlich nur so eine hübsche Mogelpackung, in der sich nicht mehr als eine weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme versteckt. Also – meinetwegen, aber weltbewegend wird das nicht sein. Und den attraktiven Begriff des Grundeinkommens für eine etwas feinere Variante des Ein-Euro-Jobs zu missbrauchen, finde ich naja… ne miese Nummer. Offen gesagt.

Vielen Dank für das Gespräch.


Anke Assig
Ein Beitrag von

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: „Das wird schon!“


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