Der Bezirk Treptow-Köpenick saniert KünstlerInnen aus ihren Ateliers in der Bouchéstraße
Überraschendes Nutzungskonzept sorgt für Unmut und Existenzangst.

Die ehemalige Gemeindeschule an der Bouchéstraße wird für acht Millionen Euro runderneuert. Die derzeitigen Nutzer fühlen sich vor den Kopf gestoßen und ausgebootet.
Karl Köckenberger vor dem Eingangsbereich des Künstlerhauses in der Bouchéstraße
Cabuwazi-Chef Karl Köckenberger vor dem Eingang des sanierungsbedürftigen Gebäudes /// Foto: Matthias Vorbau

Ein schönes, aber marodes Gebäudedenkmal wird saniert. Vier Millionen Euro kommen dafür vom Bund und nochmal vier Millionen vom Land Berlin. Eigentlich müssten die Freude groß sein im Bezirk Treptow-Köpenick. Doch die Stimmung ist eher „gemischt“. Denn was für die politisch Verantwortlichen eine Erfolgsmeldung ist, versetzt die derzeitigen Mieter – den Kinderzirkus Cabuwazi sowie etwa 20 Künstler – in pure Existenzangst. Denn der Bezirk hat mit der ehemaligen Gemeindeschule an der Bouchéstraße 75-76 in Alt-Treptow Pläne, die erheblich abweichen von der bisherigen Nutzung.


Tausend Besucher pro Woche

Die alte Schule, ein 115 Jahre altes Gebäude mit verwitterter Fassade und marodem Innenleben, wird seit mehr als 25 Jahren vom renommierten Kinderzirkus Cabuwazi als Stätte für Trainings, Musik und Tanz sowie als Kostüm- und Requisitenwerkstatt genutzt. Zu DDR-Zeiten war dort eine Berufsschule, die damalige Sanierung war nicht sehr hilfreich, weil durch die Arbeiten die Bausubstanz zusätzlich geschwächt wurde.

Cabuwazi ist der Mieter im Haus, das dem Bezirk gehört, und hat dort seit 15 Jahren auch seine Verwaltung aller Berliner Standorte untergebracht. Die restlichen etwa 20 Räume werden von Künstlern und Kulturschaffenden aus dem Kiez von Cabuwazi-Untermietern genutzt.

An der Grenze zwischen Treptow, Neukölln und Kreuzberg ist so ein Haus mit einem erfolgreichen Konzept entstanden. Etwa tausend Besucher kommen nach Aussage von Cabuwazi-Chef Karl Köckenberger pro Woche dorthin. Erwachsene, aber vor allem Kinder und Jugendliche, die dort Akrobatik und Tanz üben, an Trommel- und Musikworkshops teilnehmen oder sich bei Malübungen oder Videoprojekten in den Künstlerateliers ausprobieren. Auch Begegnungsmöglichkeiten für die Europäische Freiwilligenarbeit gibt es.


Bürgerhaus mit neuem Konzept

Der Bezirk plant, das Haus nach der Sanierung zum Bürgerhaus umzuwidmen. Was ein völlig anderes Konzept ist, das zudem ohne Absprache mit den bisherigen Nutzern entwickelt wurde. Dass während der Sanierung erst mal alle raus müssen, verwundert nicht. Denn sämtliche Elektro- und Sanitäranlagen sowie die Heizung werden erneuert; auch Fenster, Türen und Dach denkmalgerecht instand gesetzt.

Doch ob einer der derzeitigen Nutzer nach Abschluss der Arbeiten wieder rein darf, darüber herrscht weitgehend Unklarheit. Gespräche darüber gibt es noch nicht, nur die etwas schwammige Aussage von Bürgermeister Oliver Igel (SPD):

„Ziel ist es, eine soziokulturelle Mehrfachnutzung zu etablieren, welche auf die Bedarfe der in Alt-Treptow lebenden und arbeitenden Menschen zugeschnitten ist.“

Sozialamt, Jugendamt und Amt für Weiterbildung und Kultur sollen dafür zuständig sein. Geplant im neuen Bürgerhaus ist, grob umrissen, eine Musik-, eine Kultur- und eine Bewegungsetage.

Für die Künstler, so viel scheint bereits festzustehen, ist nach der Sanierung kein Platz mehr im neuen Bürgerhaus. Laut Oliver Igel widersprächen sich die Ansprüche der Künstler mit dem Nutzungsziel. Im sanierten Haus wird es keine festen Ateliers mehr geben, sondern nur Räume, die von vielen zu nutzen sind. „Von uns will da keiner mitmachen, weil man in den Räumen nichts lassen kann“, sagt die Künstlerin Astrid Menze, die sich auf audiovisuelle Medien spezialisiert hat.

Bislang nur vage äußert sich Igel zum Mieter Cabuwazi: Die Verwaltung werde im Haus wegen Raummangels keinen Platz mehr finden, ansonsten würde „die Integration von Angeboten des Kinderzirkus‘ berücksichtigt.“ Was das konkret heißt, weiß derzeit niemand. Auch bei Cabuwazi nicht, wo die Pläne des Bezirksamtes verständlicherweise kritisiert werden.

Bildfries aus dem Cabuwazi-Treppenhaus. Foto: Matthias Vorbau

Kritik am neuen Konzept

Cabuwazi-Chef Köckenberger sagt, man fühle sich vor den Kopf gestoßen und ausgebootet.

„Cabuwazi hat nicht nur den Anstoß zur Sanierung des Gebäudes gegeben, sondern sich auch gemeinsam mit mit Vertretern der Lokal- und Landespolitik um die Beschaffung der Sanierungsmittel gekümmert.“

Gemeinsam mit den Künstlern im Haus habe man einen lebendigen, funktionierende Treffpunkt für den Kiez geschaffen, dessen Akteure sich inspirieren und ein vielseitiges Angebot für die Nachbarschaft auf die Beine gestellt. Dass dies alles jetzt einfach vom Tisch gewischt werde, sei unverständlich.

Trotzdem will man bei Cabuwazi nicht glauben, dass die jahrelange, erfolgreiche Zusammenarbeit so zuende geht. An die Verantwortlichen im Rathaus Köpenick gerichtet, appelliert Köckenberger:

„Lasst uns gemeinsam etwas Schönes hier entwickeln!“

Inwiefern der Appell gehört wird, wird sich zeigen. Zunächst will Köckenberger ein Konzept für das Haus einreichen; zudem soll ein Interessenbekundungsverfahren die Bedarfe von Nachbarn und Nutzern erfragen. Und weil die Sanierung mit öffentlichen Mitteln erfolgt, hoffen alle im Haus auf öffentliche Gesprächsrunden mit reger Beteiligung aus dem Kiez.


Künstler ins ABC

Doch so ganz will Oliver Igel die Künstler, die ihre Ateliers verlieren, doch nicht im Regen stehen lassen. Der Bezirk habe zwar keine vertraglichen Beziehungen zu den Kunstschaffenden und die Bereitstellung von Ateliers sei die Aufgabe der Senatsverwaltung für Kultur. Aber, so der SPD-Politiker: „Wir wollen sie trotzdem unterstützen.“

Im ehemaligen ABC-Klubhaus in Hirschgarten sollen Atelierräume geschaffen werden, das Genehmigungsverfahren befinde sich hoffentlich bald vor dem Abschluss.

„Hier könnte der Bezirk helfen, dass die Künstler unterkommen.“

Zeit dafür ist noch genug: Erste Koordinierungsgespräche mit dem Bund über die Sanierung des alten Schulhauses sollen im Januar 2021 starten, Baubeginn wäre frühestens im vierten Quartal 2022 und die Fertigstellung laut Schätzung des Bürgermeisters dann Mitte 2024.

 


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“