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rathaus_ko%cc%88penickIn Köpenick auf Dauer eine Kiezkultur zu verwurzeln, die über die Grenzen des Bezirks hinaus reicht, ist ein schwieriges Unterfangen. Es erfordert eine Zusammenarbeit, die über mehrere Ressorts hinweg die Interessen von Verwaltung, Künstlern, Unternehmern und Anwohnern berücksichtigt. Daran ist zuletzt das Musical „Der Hauptmann von Köpenick“ gescheitert. Kulturelle Armut befürchten die Köpenickerinnen und Köpenicker, denn es ist nicht die erste Veranstaltungsreihe, die verschwunden ist.

Wann haben Sie zuletzt Ihren Kiez verlassen? Der Berliner ist eigen, was seine Heimatgefilde angeht. Die Berlinerin auch. Niemand reist ohne Not nach Mitte, Neukölln, Prenzlauer Berg oder Charlottenburg. Es müsste mindestens die Lieblingsband spielen. Oder Sir Simon Rattle. Es muss überwältigend sein, denn für weniger als überwältigend quält sich kein Mensch nach der Arbeit von der Couch hoch. Diese schlichte Wahrheit gilt auch für Köpenick und an diesem Punkt setzt Kulturpolitik, aber auch Stadtplanung an. Sie müssen etwas Grundsätzliches entscheiden und dann konsequent umsetzen. Bleibt man lieber unter sich oder sind Gäste im Bezirk willkommen? Köpenick verhält sich dazu indifferent. Das ist schlecht für Köpenick, denn es führt zu absurden Situationen.
Beispielsweise zu der, dass mit erheblichem finanziellen Aufwand ein Theaterhof entsteht, der nur unter Einschränkungen genutzt werden kann. „Wir wollten nie einen Rathaushof, über den nur die Mülltonnen gezogen werden und die Handwerker ihre Autos parken“, sagt Bezirksbürgermeister Oliver Igel. „Bei der Rathaushofsanierung wurde darauf geachtet, dass entsprechende Technik eingebaut wird, um den Hof als Veranstaltungsort zu nutzen. Beim Musical haben wir dann als Bezirk sogar noch mehr investiert: Um gleichzeitig im Ratskeller die Jazz in town inside-Veranstaltungen durchführen zu können, haben wir zusätzlichen Schallschutz angebracht, die es ermöglichten, dass beide Veranstaltungen zeitgleich stattfinden durften.“ Das kleinzureden, wäre ungerecht. Der gute Wille ist im Kern vorhanden.

Musical ist nicht automatisch kommerzielle Scheiße!

Schwierig wird es, sobald weitere Faktoren hinzukommen. Bei der Rathaushofsanierung wurde eine denkmalgerechte Punktentwässerung eingebaut. Der Hof hat nunmehr mehrere Senken. Darüber freut sich die Denkmalschutzbehörde. Heiko Stang, den Musicalveranstalter im Rathaushof, freute es kein bisschen. Seine geplante Bestuhlung war damit hinfällig, die Sichtachsen zur Bühne zerstört. Die Überbauung eines Teils des Hofes wurde nötig, um die Senken auszugleichen. Etwa 10.000 Euro pro Spielzeit fielen dafür an. Veranstalter und Bezirk konnten sich nicht einigen, wer die zu tragen hätte. Auch Heiko Stang hatte zu diesem Zeitpunkt schon 400.000 Euro in die Produktion investiert, das Bühnenbild stand, ein Umbau war nicht mehr möglich. Eine Erhöhung der Miete des Veranstaltungsortes noch vor der ersten Vorstellung, darauf lief es für ihn im Ergebnis hinaus. Das erschien ihm ungerechtfertigt und es sprengte auch seine Kalkulation. „Künstler werden nicht als Bereicherung wahrgenommen, sondern als schwierig und fordernd“, ist sein ernüchterndes Fazit. Dass sich Bezirk und Produzent die Mehrkosten am Ende geteilt haben, weil der Bezirk die erste, der Veranstalter die zweite Überbauung jeweils zähneknirschend bezahlt haben, spielt keine Rolle mehr. Beide waren damit unzufrieden. Vertrauensvolle Partnerschaft wollte sich nicht mehr einstellen – trotz eines auf fünf Jahre angelegten Vertrages. Nach nur zwei Spielzeiten hat Heiko Stang von seinem Kündigungsrecht Gebrauch gemacht.

Ausbleibende Kulturförderung
Er hätte es sich wohl noch einmal überlegt, wenn er irgendeine Art von Unterstützung erfahren hätte. Kulturförderung wäre ein dafür geeignetes Instrumentarium gewesen. Seine Anträge wurden jedoch vom Kulturausschuss abgelehnt. Sein Musical sei nur Tourismus, wurde ihm hinter den Kulissen bedeutet. Dass es die originäre Aufgabe eines Kulturausschusses ist, durch Kulturförderung ein vielfältiges Angebot zu schaffen, das Besucher anzieht und damit ganz selbstverständlich Teil der Tourismusbranche ist, hat sich in Köpenick noch nicht herumgesprochen. Es sei denn, der Bezirk beantwortet die Eingangsfrage mit einem klaren „Gäste sind nicht erwünscht“. Wer dagegen Gäste bei sich sehen möchte, sollte sie gut behandeln. Dazu gehört auch zu akzeptieren, dass Geschmäcker verschieden sind und sich unterschiedliche Menschen verschiedenen Veranstaltungen zuwenden werden. „Musical ist nicht automatisch kommerzielle Scheiße“, kontert Stang und hat vermutlich Recht damit. London ist für seine Musicals weltberühmt, auch dem Ansehen von Hamburg haben sie nicht geschadet. Berliner Geschichte an Originalschauplätzen zu zeigen, ist ein Akzent, der die Musicallandschaft bereichert hat. Köpenick ohne den Hauptmann wäre nicht Köpenick.
„Das Hauptmann-Musical war und ist eine gute Köpenick-Werbung“, so schätzt es auch Oliver Igel ein. Dennoch hat er die Produktion aus dem Vertrag entlassen. „Ich denke auch, dass es immer Ziel von Herrn Stang war, das Musical auch an anderen Orten zu zeigen. Das ist mit anderen Musicals ja auch so. Und auch an anderen Orten wäre dies mit einer Werbung für unseren Bezirk verbunden.“ Das berührt erneut die Frage nach der Förderungswürdigkeit von Kulturprojekten, wenngleich auf eine vollkommen andere Art. Kann es sich der Bezirk leisten, etwas zu fördern, das im Erfolgsfall abwandert? Die Antwort ist banal. Wenn die Geschäftsrisiken zwischen Veranstalter und Bezirk ebenso gerecht geteilt sind wie die erwirtschafteten Gewinne, sonnen sich beide darin. Es gibt dann keinen Grund, die Spielstätte zu verlassen. Nicht banal ist es dagegen, einen solchen Vertrag auszuhandeln. Es steckt viel unberechenbare Zukunft darin.
Obwohl als Tourismus etikettiert, hat sich letztlich auch der Tourismusverein für den „Hauptmann“ nicht zuständig gefühlt. Es blieb wiederum Sache des Veranstalters, das Musical zu bewerben, Kooperationen mit Hotels und anderen Partnern zu suchen, auf Messen vertreten zu sein. Traditionelle Aufgaben eines regionalen Tourismusbüros eben. „Wir mussten uns um Sachen kümmern, die außerhalb unserer Kompetenz lagen“, berichtet Stang. So blieb das gesamte Risiko für den Erfolg oder Misserfolg des Hauptmann-Musicals bei ihm. Künftige Veranstalter werden hoffentlich ihre Lehren daraus ziehen.

Fehlende Infrastruktur in der Altstadt
Die Spielstätte in der Köpenicker Altstadt begegnet darüber hinaus einem weiteren Nachteil, der durch ihren Standort bedingt ist. Sie liegt in einem allgemeinen Wohngebiet, in dem Kulturveranstaltungen an sich nicht erlaubt sind. Welche Komplikationen das nach sich zieht, hat Rainer Hölmer, Bezirksstadtrat für Bauen, Stadtentwicklung und Umwelt, erklärt. Zwar ist die Köpenicker Altstadt allgemeines Wohngebiet, nicht jedoch der innenliegende Hof des Rathauses. Für den sei das Facilitymanagement des Rathauses zuständig. Deshalb sieht er den Rathaushof auch nicht als seinen Zuständigkeitsbereich an. Nur haben Veranstaltungen, an denen mehr als eine Person teilnimmt, erfahrungsgemäß die Tendenz, sich auszubreiten. Sie verursachen Lärm. Menschen suchen Parkplätze. Man möchte noch etwas essen gehen. All das findet nicht im Rathausinnenhof statt. Damit ist die Stadtentwicklung doch wieder beteiligt an der Entscheidung, wie der Bezirk seinen Umgang mit Gästen handhaben möchte. Rainer Hölmer steht dann vor einem anderen Problem. Wird aus dem Wohngebiet ein Kerngebiet, können zwar Kulturveranstaltungen durchgeführt werden und Veranstalter wie Heiko Stang müssten nicht ständig Ausnahmegenehmigungen beantragen und Lärmschutzgutachten bezahlen. Es müssten dann aber wegen des Gleichbehandlungsgrundsatzes auch andere Gewerbe zugelassen werden. An Spielhallen und Bordelle hatten die Befürworter der Belebung der Altstadt sicherlich nicht in erster Linie gedacht. Auch die Anwohner zeigen sich in der Regel wenig erfreut, wenn ihre ruhige Straße zur Partymeile wird. Diese sehr widersprüchlichen Interessen behördenübergreifend auszugleichen, ist eine anstrengende Aufgabe. Bisher wurde sie ganz einfach ausgesessen.

Hausaufgaben für den Bezirk
„Wir werden als Bezirk nunmehr planen, wie der Rathaushof im kommenden Jahr kulturell genutzt werden kann. Der Rathaushof soll jedenfalls als Veranstaltungsort erhalten bleiben“, verspricht Oliver Igel. Aber welche Art von Veranstaltung eignet sich dafür? Die Veranstaltungen, die über die Bezirksgrenzen hinaus Publikum anzogen, fanden regelmäßig woanders statt. Das Lollapalooza-Festival, das jährliche Weihnachtssingen der Unioner oder Bettina Wegner im Konzert seien nur beispielhaft genannt. Sie sind aber drei gute Messgrößen dafür, was im Bezirk machbar ist. Lollapalooza war etwas mehr, als der Treptower Park verkraften konnte. Das Weihnachtssingen zieht von Jahr zu Jahr ein größeres Publikum an und funktioniert vollkommen unabhängig vom Bezirk. Vielleicht funktioniert es überhaupt nur deshalb. Bettina Wegner war in Friedrichshagen gut aufgehoben, weil die Bedürfnisse des Konzertpublikums und das Angebot des Konzertortes perfekt aufeinander abgestimmt waren, ohne die Anwohner übermäßig zu belasten.
Etwas Vergleichbares sollte in der Altstadt möglich sein, wenn die entsprechenden Anreize geschaffen werden. Wenn hingegen der Bezirksbürgermeister überlegt, „lieber nichts nach Treptow-Köpenick zu holen – aus Sorge davor, dass man dafür verantwortlich gemacht wird, wenn das Angebot dann woanders hinzieht“ und gleichzeitig der Veranstalter zwischen diversen Behörden zerrieben wird, entsteht eine Patt-Situation, die niemand haben möchte.

Foto: Matthias Vorbau


Stefanie Fiebrig

Ein Beitrag von Stefanie Fiebrig

schreibt, fotografiert und designt. Von Zeit zu Zeit hat sie eine Idee. Angeblich war auch schon mal was Gutes dabei! Zitat: „Ich geh jetzt in mein Stadion.“