Dies ist die Geschichte einer Lüge. Mehrerer Lügen. Einer Abfolge von sich auseinander ergebenden Lügen. Quasi Axiomlügen und deren Folgelügen. Lügen, die dazu dienen, vergangene Lügen nicht auffliegen zu lassen. Noch nicht. Sich immer dessen bewusst, dass der oder die angelogenen Personen am Ende dahinterkommen, wenn nicht vorher die Realität sich der Lüge angepasst hat – wenn sozusagen aus Lüge Wahrheit wurde. Das ist möglich – vorausgesetzt, man handelt rechtzeitig. Hast du fälschlicherweise behauptet, dein Haus wäre schwarz, musst du es nur flink schwarz anmalen, damit du wieder Recht hast. Wartest du aber zu lange, könnte es sein, dass jemand dich besuchen kommt, das gelbe Haus sieht und dich zur Rede stellt. Nun hilft nur noch eine Ergänzungslüge: „Ach, ich meinte doch mein zweites Haus.“ Jetzt musst du dir noch ein Haus kaufen UND es schwarz anmalen, um nicht als Lügner dazustehen. Sicherlich könntest du auch immer alle vertrösten und abwimmeln, die dich fortan damit nerven, dein schwarzes Zweithaus mal sehen zu wollen. Aber das geht auf die Dauer nur mit neuen Lügen, und irgendwann ist die Pokerrunde zu Ende und die Gegner wollen sehen. Und so war es auch bei mir.

Alles begann mit einer sehr kleinen Lüge. Im Grunde war es fast die Wahrheit. Eigentlich WAR es die Wahrheit, nur eben etwas großzügig auslegbar. Es war eine vorsichtig formulierte Behauptung, dass da etwas im Entstehen begriffen wäre. Und weil ja alles Geschaffene irgendwann mit einem Gedanken beginnt, ist es auch keine Lüge, zu behaupten, dass etwas gerade entsteht, wenn eigentlich bisher nur der Gedanke existiert. Klartext:

Es gibt da in meinem Kiez so ein kleines Lokalblatt, dem ich irgendwann versprochen habe, eine monatliche Kolumne zu verfassen. Und nun sitze ich jeden Monat da und sauge mir auf den letzten Drücker was aus den Fingern. Natürlich gebe ich das nicht zu. Ich sage immer: „He, seid gespannt, ich bin gerade an was ganz Schnuckeligem dran.“

Und so war es auch vor einer Woche. Dass ich grundsätzlich den Redaktionsschluss verpasse, ist inzwischen fester Teil der Planung geworden. Und so bekam ich dann auch die obligatorische Extra-Mail mit folgender Formulierung:

Oh großer Alf Ator,
ganz vorsichtig und bescheiden
möchten wir Dich bezüglich der kommenden Ausgabe fragen:
Hast du einen Deiner genialen Beiträge
a) geplant, b) in Arbeit, c) fertig ???
Untertänigst die Redaktion.

Natürlich hätte ich auch a) wählen können. Das wäre gar keine Lüge gewesen. Doch b) erschien mir irgendwie optimistischer, mich in ein etwas besseres Licht stellend. Ach, das klappt schon. Ein Thema hatte ich tatsächlich. Zumindest eine Idee, was ich aus der jüngsten Vergangenheit zu einer Geschichte verbraten könnte. Scheinheilig fragte ich: „Brauchst du es noch vor dem Wochenende?“ „Ganz ruhig, Montag früh reicht.“ Und so vertrödelte ich die verbleibenden Tage, und am gestrigen Sonntagabend setzte ich mich voller Tatendrang (wenn auch etwas müde) an den Rechner. Schon nach dem ersten Satz wurde mir klar, dass diese Geschichte nicht funktionieren wird. Sie war umständlich, bedurfte zu vieler Erklärungen, und am Ende gab es nicht mal eine überraschende Wendung oder eine Pointe oder wenigstens irgendeine Steigerung. Also ging ich ins Bett, in der Gewissheit, dass ich heute früh sehr fleißig sein muss. Gleich nach dem Aufstehen übermittelte ich dem Herrn aus der Redaktion folgende Nachricht: „Bin noch 2 Stunden unterwegs. Sobald ich ans Netz komme, schicke ich euch das Teil!“
Antwort: „Wir glauben fest an dich!“
Ja, und da sitze ich nun und habe
NICHTS!


Alf Ator

Ein Beitrag von Alf Ator

im Nebenberuf Vater von Gott, Songschreiber und Keyboardsmasher bei der etwas anderen Boyband Knorkator. Zitat: „Frauen sind Männersache!“