Der Auserwählte
Ein Leben im Zeichen der Treue – Verachtung für alle schwanzgesteuerten Idioten!

Es war einmal ein treuer Ehemann. Ein extrem treuer Ehemann. Der treueste. Treuer als alle anderen. Und weil er so glücklich und stolz war, wie harmonisch seine Ehe verlief, verachtete er all die schwanzgesteuerten Idioten, die mit ihrer Sexsucht so viel Leid und Enttäuschung verursachten. Und er wünschte sich eine Welt, in der alle Männer so wären, wie er. Vielleicht gäbe es dann auch keine Kriege mehr?
Der treue Ehemann mit seiner Ehefrau
Illustration: Alf Ator

Also machte er es sich zur Lebensaufgabe, als Botschafter der Treue allen Menschen ins Gewissen zu reden. Doch so sehr er sich auch engagierte, ändern konnte er nichts. Seine Website www.hundertprozent- treu.de hatte die niedrigste Klickrate seit der Erfindung des Internets.

Als er eines Abends enttäuscht von der Menschheit weinend auf seiner Veranda saß, erschien plötzlich der Liebe Gott und sprach: „Was du da versuchst, mein Sohn, wird so nicht funktionieren. Treue ist keine Frage der Überzeugung, sondern der Veranlagung. Vielleicht glaubst du, dass du treu bist, weil du es für richtig hältst, aber in Wahrheit hältst du es nur für richtig, weil du nun mal so bist. Die Anderen kannst du nicht überzeugen, weil es nicht ihrer Natur entspricht.“

„Dann sind alle meine Ideale sinnlos? Nur eine Laune der Natur? Soll ich aufgeben?“

„Aber nein! Ich gab dir nicht nur den Wunsch, die Welt nach eigenem Vorbild umzugestalten – sondern auch die Macht dazu.“ „Echt? Wie denn?“

„Auf jeden Fall nicht durch Worte. Du musst deine wunderbaren, einzigartigen Eigenschaften an deine Nachkommen weitergeben. So funktioniert es seit Jahrmilliarden. Und gerade aufgrund deiner speziellen Natur bist du dazu auserwählt, der Menschheit von Morgen deinen genetischen Stempel aufzudrücken. Leben bedeutet Entwicklung. Und das geschieht immer durch die, die anders sind!“

Da wurde ihm alles klar: Natürlich! Gewonnen hat der mit den meisten Nachkommen! Also begann er sich massiv fortzupflanzen. Weil seine Frau aber leider nur einen Wurf pro Jahr schaffte, musste er so viele Weibchen wie möglich begatten. Anfangs war es schwierig, weil er im Abschleppen recht ungeübt war.

Aber mit der Zeit entwickelte er sehr erfolgreiche Methoden der Verführung. Er stählte seinen Körper im Fitnessclub, kaufte sich unwiderstehliches Aftershave und hatte bald jene Kombination aus frechem Blick, entschlossenem Gang und robuster Ausdrucksweise, die alle Frauen dahinschmelzen ließ.

Verheiratet oder nicht – für eine Nacht mit ihm schoben die Damen alle Bedenken beiseite. Seine Frau bekam von all dem nichts mit, denn sie war ja selbst mit der Aufzucht unzähliger Kinder beschäftigt. An guten Tagen schaffte er fünf Befruchtungen, manchmal auch keine, aber unterm Strich war es auf jeden Fall Weltrekord.

Als er nach einem langen und erfüllten Leben selig lächelnd verstarb, hinterließ er weit über 3000 Nachkommen – die dann natürlich alle genau so treu wurden wie er.


Alf Ator
Ein Beitrag von

im Nebenberuf Vater von Gott, Songschreiber und Keyboardsmasher bei der etwas anderen Boyband Knorkator. Zitat: „Frauen sind Männersache!“


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