Wie Jott in Frankreich

Thailänder hinter Sushitheken, Chinesen am Dönerspieß, Deutsche am Wok und Türken am Pizzaofen – die Multikulti-Gastronomie hat auch vor Köpenick nicht Halt gemacht. Die Folgen hat bereits jeder wenigstens einmal am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Ständig ist man auf der Suche nach Köchen, die die Speisen wenigstens kennen, die sie anbieten. Bedienungen, die nur Bestellungen nach Zahlen entgegen nehmen, weil sie die einzelnen Gerichte nicht namentlich über die Lippen bekommen, findet man oft. Doch gibt es auch immer wieder Überraschungen.

Eine der unscheinbarsten Neugründungen Friedrichshagens findet man in einem der schönen historischen Hinterhöfe der Bölschestraße zwischen Marktplatz und Müggelseedamm. Das Hofcafe hält mehr, als es auf den ersten Blick verspricht. Der liebevoll bestückte Bollerwagen am Eingang zeugt bereits davon. Was hier serviert wird, ist nicht Kaffeeklatsch und Fürst Pückler aus der Plastikschale, sondern französische Küche wie am Hofe König Friedrichs II. höchst persönlich. Leckere Pasteten, sorgfältig zusammengestellte Menüs und ausgewählte Weine zieren die Karte. Und was am wichtigsten ist: zu Preisen, die keineswegs adelig sind.

„Herkunft verpflichtet!“, würde der Chef des Hauses sagen, wenn man ihn fragte. Als Halbfranzose ist es für Christoph Ehrensache, dass nur frische und ausgewählte Ware auf den Tisch kommt und nach französischen Originalrezepten gekocht wird. Für einen kurzen Plausch oder eine sachkundige Auskunft ist er in der familiären Atmosphäre des Restaurants fern vom städtischen Fließbandbetrieb der Großgastronomie jederzeit zu haben.

Auf der Preis-Leistungs-Skala rangiert das Hofcafe ganz oben unter den lokalen Gourmetstuben. Und so heißt es bei Wein und Baguette, einem Glas Absinth zum Feierabend oder einem zarten Entrecôte: „Savoir vivre, oh la la.“


maulbeerblatt ausgabe 66 Editorial

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