Maulbeere Dietrich

Irgendwie sind wir auf Urlaube zu sprechen gekommen. Das Pärchen, bei dem wir zu Gast waren, schwärmte von seinen perfekt organisierten Reisen, früher noch mit den Kindern. Hotelzimmer oder Ferienhäuser mit Küche und Klimaanlage waren Standard. Tagesausflüge wurden zu Hause geplant, Datum und Ziel standen lange im Voraus fest ebenso wie das Restaurant, in dem man bei dieser Gelegenheit speisen wollte.

Nichts blieb dem Zufall überlassen, sie begaben sich in die Hände einer selbst entworfenen und harmonisch ablaufenden Maschinerie, die die Erholsamkeit garantierte. An den strahlenden Augen unserer Gastgeber ließ sich ablesen, dass sie die auch stets gefunden hatten.

Meine Frau und ich tauschten einen Blick, und allein diese Tatsache war ein Zeichen, dass wir an dasselbe dachten, nämlich an unsere chaotischen Skiurlaube im Riesengebirge. Im Sommer, wenn wir mit dem Zelt ins Blaue fuhren, ging alles gut. Aber schon das bisschen Organisation, das ein Skiurlaub abverlangt, hat uns offensichtlich überfordert. Oder war alles Zufall?

Das Chaos brach gleich beim ersten Urlaub, am ersten Tag, über uns herein. Wir hatten nach dem Frühstück unsere Pension verlassen, als der Große – er ging damals noch nicht in die Schule – heulend und mit Blut verschmiertem Mund irgendwo im Schnee auftauchte. Er hatte sich die Oberlippe aufgeschlagen, es sah schlimmer aus als es war. Rasch wurde er mit einem Pflaster verarztet. Dann marschierten wir los, um uns Skipässe zu kaufen, Skier auszuleihen, den Kindern eine Skischule zu buchen.

Nachmittags gingen wir durch die Winterlandschaft spazieren. Unermüdlich rannten und tobten die Zwerge im Schnee. Sie waren nass, sie froren, wir kehrten um. Dann sprang der Kleine von einer leichten Anhöhe. Sowohl meine Frau als auch ich vernahmen das knackende Geräusch. Es wird an der Kälte gelegen haben, dass er kein Gefühl mehr für den Sprung hatte. Jedenfalls verletzte er sich den Fuß, sodass er nicht mehr laufen konnte.

Ich trug ihn auf dem Arm zurück in die Pension.  Es war schon dunkel, als wir den Herbergsvater nach dem Weg zum Krankenhaus fragten. Er telefonierte, um einen ausländischen Patienten anzukündigen. Wir trafen ein und wurden schon erwartet.

Der Kleine – bis dahin müde, wehleidig und quengelig – freute sich auf einmal wie ein Schneekönig, als ihn die Krankenschwester auf einer rollenden Bahre durch das menschenleere Hospital schob. Erst zum Röntgen, dann den Fahrstuhl hoch zum Onkel Doktor.  Die Diagnose: Glatter Bruch, Gips. Aber in drei, vier Wochen sei alles wieder gut.

Meine Frau und ich sahen uns an und wie auf Kommando drehten wir uns  das erste Mal bei diesem Krankenhausbesuch zu dem Großen um. Seine Oberlippe war in der Wärme auf das vier- bis fünffache angeschwollen. Die beiden Rabeneltern verfielen beidem Anblick in hysterisches Lachen. Es war einfach alles zu viel. Der Doktor mit den Gipslappen in der Hand betrachtete uns irritiert. Die freundliche Schwester rettete die Situation, indem sie das Aua mit einer kühlenden Salbe und einem neuen Pflaster behandelte.

Wir beschlossen, den Urlaub nicht abzubrechen. Der Kleine wurde in tausend Kleidungsstücke verpackt und verbrachte die übrigen Tage wie eine dicke Made auf dem Schlitten. Der Große erlernte die Grundlagen des Skifahrens. Es wurde noch ein schöner Urlaub.

Der Fairness halber muss man sagen, dass wir auch Skiferien ohne Zwischenfälle in Tschechien erlebt haben. Aber zwei oder drei Jahre später hatten wir den Unfall. Es war noch bei der Anreise. Die Schneeketten hatte ich zu Hause vergessen, und weil wir ohne Mühe den  verschneiten Pass hinaufkamen, machte ich mir keine Sorgen. Bis es wieder bergab ging, fünf Kilometer vor unserem Ziel, und meine Frau „Achtung!“ schrie. Vor mir Warnblinker, ein Auto im Graben, ich trat auf die Bremse, doch es war zu glatt. Der Fahrer kramte das Warndreieck aus dem Kofferraum und konnte gerade noch zur Seite springen. Langsam, aber sicher schlitterte unser alter Ford dem alten Skoda ins Heck.

Der Große fing an zu weinen, weil er das geliebte Auto jetzt kaputt wähnte. Der Fahrer des Skoda dagegen, ein junger Mann aus Prag, war mehr als glücklich, weil ihm unsere Versicherung nun eine höhere Summe Geldes überweisen musste. Es begann ein langer Abend auf dem einsamen Pass. Erst warteten wir auf die Polizei, dann auf die Feuerwehr. Trotz Kälte, Hunger und Langeweile ging der Abend gut aus. Die Feuerwehrleute zogen den Wagen aus dem Gebüsch – und er fuhr noch. Sogar die Birne einer Vorderlampe, die nur noch am Draht hing, leuchtete. Die Vorderhaube war zwar aufgeworfen und versperrte mir teilweise die Sicht, aber wir erreichten sicher die Unterkunft. Wir ließen den Wagen während der nächsten Tage reparieren. Unser Trost: So günstig wie dort, hätten wir es bei uns zu Hause nicht bekommen.

Das Pärchen schaute uns mit einer gewissen Fassungslosigkeit an. Er grinste hilflos, sie versuchte etwas zu sagen. Aber was wussten die schon? Das alles war gar nichts gegen die Sache mit dem Sessellift. Um es spannend zu machen, erklärte meine Frau umständlich, wie der funktioniert. Man steht mit den Skiern auf festgelegten Markierungen, wartet bis von hinten der Sessellift kommt, lässt sich auf den Sitz plumpsen, verschließt einen Sicherheitsbügel und gondelt dann mit den Skiern an den Füßen durch die frische Winterluft den Berg hinauf. Oben angekommen öffnet man den Sicherheitsbügel wieder, erhebt sich, wenn man Boden unter den Skiern hat und fährt wieder zur Liftstation hinunter. So weit, so einfach. Der Lift dort war auf vier Personen ausgelegt, wie für unsere Familie gemacht, und eigentlich waren wir ein eingespieltes Team. Ich passte rechts auf den Kleinen auf, meine Frau links auf den Großen.

Dann kam der Lift.  Es war unser letzter Tag, noch zwei, drei Abfahrten, danach sollte Schluss sein für dieses Jahr. Wir nahmen Platz, ich wollte den Bügel schließen, da begann meine Frau wie wild zu schreien. Und ich sah es: Der Große saß nicht im Lift, sondern hielt sich mit beiden Händen an der Seitenlehne fest. Er baumelte sprichwörtlich in der Luft, fünf, sechs Meter (gefühlt hundert) über der Erde. Wir riefen um Hilfe, niemand hörte uns. Die Aufpasser am Lift, die die Fahrt jetzt hätten stoppen müssen, bemerkten nichts. Es ging weiter bergauf. Das Problem: Wir konnten den Bügel nicht schließen, denn dann hätte meine Frau den Jungen nicht mehr auf den Sitz ziehen können. Das war indessen genauso schwierig, denn mit dem offenen Bügel bestand die Gefahr, dass sie bei solchen Manövern selber abstürzte. Ich hatte genug damit zu tun, den Kleinen nach hinten zu drücken, der sich immer wieder neugierig vorbeugte, um zu sehen, was los ist.

„Ich weiß nicht mehr, wie lange er in der Luft hing“, schloss ich die Geschichte, „aber irgendwie hat er es geschafft, sich aus eigener Kraft auf den Sitz zu hieven. Er hatte nicht einmal einen Ski verloren.“ Wahrscheinlich hatte er mit seinen neun Jahren die Gefahr, in der er geschwebt hatte, gar nicht realisiert.

Wir waren aber anschließend wie gelähmt. Mit zittrigen Knien fuhren wir ins Tal, gaben die Skier beim Verleih ab und packten die Koffer für die Abreise. Es war der letzte Skiurlaub im Riesengebirge.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"