Nun ist sie also wieder da, die ach so schöne Weihnachtszeit. Wirklich freuen kann ich mich darüber aber ehrlich gesagt nicht. Was unter anderem daran liegen könnte, dass sie uns mittlerweile sowieso das ganze Jahr über in einem besinnlichen Würgegriff hält. Selbst wenn man es bis zum Sommer schafft, die vor allem über die eigentlichen Feiertage angesammelten Energiereserven in der Bauchregion verschwinden zu lassen, steht einer Mahnwache gleich, schon im August der erste Schoko-Weihnachtsmann mit seinen zahlreichen Kameraden im Supermarkt und erinnert uns an den ewigen Kreis der Konsumgeilheit. Wer dachte, die Hochphase der Roten Armee sei vorbei, hat sich damit also gewaltig getäuscht. Ihre Mitglieder sind nur kleiner und süßer geworden – und weniger kommunistisch.

Durch die quasi permanente Vergegenwärtigung von Weihnachten ist das Christfest längst nicht mehr auf den Dezember (und Ende November) beschränkt. Früher konnte man sich darauf verlassen, dass nach vierundzwanzig Kalendertürchen und vier Adventssonntagen das Ganze so langsam austrudelt: Heiligabend, Bescherung, Weihnachtsessen, Familienbesuche, dann ist plötzlich Silvester und spätestens ein paar Tage nach Neujahr haben auch die meisten „Der Tannenbaum ist doch aber noch so schön“-Fetischisten das ehemals grüne Ding und damit das letzte Symbol für Jesus‘ Geburtstagsfeier entsorgt. Mittlerweile hat man allerdings eher das Gefühl, die Party wird von Jahr zu Jahr immer größer und nerviger – eine Entwicklung, die sonst nur Eltern bei ihren Kindern feststellen.

Der Advent kommt übrigens aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Ankunft. Damit beschrieben wird die Zeit, in der sich Christen auf Weihnachten vorbereiten. Es ist da schon eigenartig, wenn weniger religiös angehauchte Subjekte sich und die Allgemeinheit anscheinend das ganze Jahr über präparieren müssen. Auch auf die Gefahr hin, es mir mit Liebhabern von Wham!s „Last Christmas“ und überteuertem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt zu verscherzen, muss ich es jetzt noch mal deutlicher loswerden: Mir geht Weihnachten inzwischen gewaltig auf die Nerven. Aber vielleicht geht das den unmittelbar Beteiligten nicht anders? Werfen wir einen vorsichtigen Blick auf den Hauptsitz der Weihnachtsmann & Co. KG auf Grönland. Wie Insider berichten, ist das Verhältnis zwischen dem Weihnachtsmann und seinen Angestellten zerrüttet – und das ist noch die harmlose Formulierung.

Seit einer unschön ausgearteten Diskussion, um die richtige Verpackungsart für Socken und Krawatten im Jahr 1648, liegen die Nerven blank. Dem Nussknacker gehen alle auf die Nüsse und Santa Claus ohnehin jeder auf den Sack. Der Weihnachtsmann kann unabhängigen Beobachtern zufolge bis heute die Ordnung nur deshalb halbwegs aufrecht erhalten, weil seine quasi-diktatorische Betriebsführung strenge Maßregelungen bei der Missachtung der Hausordnung vorsieht. Als seine rechte Hand agiert der treue Knecht Ruprecht, der dafür bekannt ist, lieber ein Mal zu viel mit harter Rute durchzugreifen. Trotzdem regt sich sachte Widerstand. Vor allem die Weihnachtselfen haben ihren internen Status als bessere Praktikanten satt. Seit Elfengedenken beschränkt sich deren Tätigkeitsfeld auf Schuhe machen, Kuchen backen und dem Weihnachtsmann helfen.

Interne Aufstiegschancen gibt es keine und anderswo ergeben sich für alteingesessene Weihnachtselfen kaum berufliche Perspektiven, da diese in den meisten Branchen erst mühevoll eingelernt werden müssten und die wenigsten Unternehmen dazu bereit sind. Andere kritisieren die unwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf der größten Insel der Erde. Vor allem die fehlenden Freizeitmöglichkeiten lassen die Motivation in den Keller sinken. Gewerkschaftsführer Rudolph Rentier macht darauf immer wieder lautstark aufmerksam. Er sollte jedoch nicht nur meckern, sondern sich zuweilen an die eigene Nase fassen. Seine Alkoholeskapaden bringen regelmäßig die gesamte Belegschaft in Verruf, was die Verhandlungsposition gegenüber dem Weihnachtsmann weiter schwächt. Nach außen dringt von alledem kaum etwas, was auch an der verhängten Internetsperre liegen mag. Der Betrieb ist somit ähnlich isoliert wie Nordkorea. Es ist wahrscheinlich dennoch nur eine Frage der Zeit, bis das Pulverfass Weihnachten hochgeht. Und dann heißt es stille Nacht, heilige Nacht.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“