Frau-Kampf„Schreiben sie für das Maulbeerblatt?“ Ich nicke freundlich. „Ist Ihnen jemand gefolgt?“ Mit Nachdruck schüttle ich den Kopf. Der Mann hinter der Tür ist nur schemenhaft erkennbar.

Seine wachsamen Augen eilen aus der Deckung heraus die Lage. „Ich hoffe, Sie haben mit niemandem gesprochen. Genau das erwarte ich auch von ihm. Er spürt meinen Zweifel. „Wie ich schon sagte, die Sache ist sehr delikat, äußerst exklusiv. Endlich löst er die schwere Eisenkette und öffnet die Tür. Ich zwänge mich an ihm vorbei in die finstere Behausung. Es riecht nach Vergangenheit, nach Kohlsuppe und Hund. Der Mann hält einen riesigen Köter am Halsband. Deutscher Schäferhund. Geräuschlos unterzieht er mich einer eingehenden Geruchskontrolle, dann trottet er mit hängendem Schwanz davon. „Gehen wir in die Küche.“ Schwere Vorhänge verdunkeln den Raum, doch über der Spüle glimmt ein Licht. Ich erkenne Kühlschrank, Gasherd, Eichenmöbel. Unter einem verstaubten Keiler-Kopf hängt der gerahmte Sinnspruch: Ein gut Gericht ist Frauenpflicht! Der Alte hat sich in Schale geschmissen. Das Jackett war vor fünfzig Jahren gewiss nicht billig.

Ich blättere den vereinbarten Betrag auf den Küchentisch. Mit den flinken Fingern eines Artisten lässt er die Scheine in der Hosentasche verschwinden. „Ich garantiere Ihnen: Null Risiko! Diese Story ist ein Knaller! Meine Frau ist nicht mehr die Jüngste, aber wenn Sie wissen wollen, was in diesem Augenblick vor siebzig Jahren geschah, dann kann sie es Ihnen auf die Sekunde genau berichten. Warten Sie einen Moment. Wenig später erscheint der Hund. Sein Bellen verstehe ich als Aufforderung zu folgen. Aus der Dunkelheit des endlosen Flures trete ich in gleißendes Sonnenlicht. Mein Gastgeber stützt sich auf die hohe Lehne eines Throns. Dunkle Eiche. Draußen vor dem Wintergarten fließt die Dahme. Weisse Segelboote dösen in der Mittagshitze. „Ich habe die Ehre, Ihnen meine Frau vorzustellen – Hilde Kampf. Mein Kampf sozusagen, wenn dieser kleine Scherz erlaubt ist. Meine Liebe, dieser Herr arbeitet für das Maulbeerblatt.“

Läge da nicht der grimmige Schäferhund zu ihren Füßen, hätte ich der Hochbetagten jetzt womöglich die Hand geküsst. „Junger Mann, ich weiß genau woran sie gerade denken. Sie sind doch so ein schmieriger Schreiberling auf der Suche nach Sensationen. Sie wollen Sex und Skandale! Skandale und Sex und Sex…“ Herr Kampf berührt sanft die Schulter seiner Frau. Wie ein Insekt fegt sie seine Hand davon. „Dies ist ein ordentliches Haus! Hier herrschen Anstand und Sitte.“ „Dessen bin ich sicher, gnädige Frau. Es ist nur so, dass Ihr Mann mich anrief… „Oh verzeihen sie, ich war wohl etwas streng mit Ihnen. Was genau hat denn mein Mann gesagt?“ „Er stellte eine ungeheure Sensation in Aussicht und sprach von gewaltiger historischer Dimension.

„Fürwahr, da hat der alte Maulheld einmal nicht übertrieben, denn ich bin es wirklich – ich bin Hilde Kampf, die Fußpflegerin des Führers!

Ihr Busen bebt, ihre Augen funkeln, Ihr Mann strahlt vor Verzückung und selbst die verfilzte Töle scheint plötzlich ein wenig zu leuchten. Ich schaue mich um. Wo ist die versteckte Kamera? „Wo sind sie geblieben, die glücklichen Tage meiner Kindheit? Fragen über Fragen, wo soll ich nur anfangen? Ich kann Ihnen ja unmöglich mein ganzes bewegtes Leben offenbaren. Ich höre noch das Leuten der Glocken, wenn am Abend die Kühe von der Alm kamen. Ich sehe auch wieder die Lichter der Großstadt und mich als jungen Backfisch mitten darin. Und dann endlich der Tag an dem der Führer kam, mein bestes Kleid habe ich angezogen und der Himmel war so blau und all die Fahnen flatterten im Wind und dann kam er in seiner glänzend schwarzen Limousine und ich dachte nur, was für ein Mann! Sie hätten ihn sehen sollen, dieser entschlossene Blick, dieses gütige Lächeln, dieser selbstgewisse Gruß mit der Hand eines Künstlers und dann diese Stimme…“ Frau Kampf scheint einer Ohnmacht nahe. Ihr Mann reicht ein Glas Wasser. „Mehr als 33.000 deutsche Mädchen bewarben sich auf diese eine Stelle. Am Ende fiel die Wahl auf mich. Ich bin sicher, dass der Führer selbst die letzte Entscheidung traf, denn niemand würde ihm so nahe kommen wie seine persönliche Fußpflegerin.“

Ich schaue mich um und versuche zu verstehen. An den Wänden hängen verblichene Fotografien. Männer in Uniform. Eine junge Frau mit Badekappe. Ein Hochzeitsfoto. Das Telefon klingelt. Der alte Kampf scheint nervös. „Ah, Herr Beckmann, das ist jetzt gerade ungünstig. Ich rufe zurück.“ „Was die Wenigsten wissen, privat trug der Führer am liebsten Pantoffeln. Er war immer froh, wenn er endlich aus seinen Stiefeln raus kam. Nach einem langen Arbeitstag hat er meine Fußbäder sehr genossen und wenn ich dann fragte, ob ihm die Temperatur genehm sei, dann meinte er immer, ‚Hildchen, sie verstehen es ihrem Führer ordentlich einzuheizen‘.“

Erneut klingelt das Telefon. „Nein, Herr Kerner, ich habe sie nicht vergessen. Bis gleich!“ Herr Kampf lächelt entschuldigend und seine Frau winkt mich näher heran. „Sie denken jetzt gewiss, die Alte spinnt. Aber schauen sie, was ich in all den schweren Jahren hier an meinem Herzen trug.“ Sie zieht ein prunkvolles Medaillon aus ihrem Dekollet und lässt es mit großer Geste aufspringen. Ich traue meinen Augen kaum. Bräunlich-grau, halbkreisförmig gebogen – ist es das, was ich denke? „Ja, das sind sie, die Fußnägel unseres Führers! Und hier habe ich auch noch meine treue Nagelschere! Solingen. Echte Friedenswahre. So etwas bekommt man heute gar nicht mehr. Es klingelt an der Tür. Der Hund springt auf. Des Führers Fußnägel kippten auf den Teppich. Herr Kampf brüllt „Pfui Hermann! Pfui! Zu spät!

Frau Kampf wimmert, verdreht die Augen und scheint bereit, die spitze Schere gegen sich selbst zu richten. Es klingelt erneut. Ich renne den Flur entlang und reiße die Tür auf. Scheinwerfer blenden. Guido Knopp grinst breit und scheint verwundert. „Sind Sie Herr Kampf?“ „Nein, aber treten sie ein, Sie werden bereits erwartet!


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“