Lange kann es nicht mehr dauern. Vielleicht einen Monat noch. Oder ein Jahr. Allerhöchstens. Dann werde ich verrückt sein. Total gaga. Völlig meschugge. Dann ziehe ich mir morgens meine Unterhose als Mütze über den Kopf, hänge Socken an meine Ohren und jage auf allen Vieren und laut bellend der entsetzten Katze meiner Nachbarin hinterher. Mein irres Grinsen wird so breit sein, Klaus Kinski wäre stolz auf mich. So genau weiß ich das zugegebenermaßen aber gar nicht. Es könnte sein, dass das Ganze auch komplett anders abläuft. Ich war ja schließlich noch nie zuvor verrückt. Aber dass ich in absehbarer Zukunft dauerhaft geistig verwirrt sein werde, steht für mich unumstößlich fest. Es gibt inzwischen einfach zu viele Dinge im Leben, die Menschen am Ende wahnsinnig machen. Sogar mich.

Auf der anderen Seite gibt es kein regulierendes Gegengewicht. Man sagt ja nicht: „ Das macht mich logisch!“ Eigentlich dachte ich immer, unerschütterlich im Sattel meines Gauls namens Alltag zu sitzen. Als Sternzeichen Waage ausgeglichen, selbstbestimmt, die Zügel fest in der Hand. Doch inzwischen weiß ich: Gegen Klapperschlangen am Wegesrand kann man nichts machen und auch das beste Pferd wirft seinen Reiter irgendwann ab. Dabei sind es auf Dauer wirklich die kleinen Dinge, die einem stets aufs Neue den letzten Nerv rauben. Kleine Dinge, die wie ein tropfender Wasserhahn permanenten Psychoterror bedeuten und letztlich das Waschbecken zum Überlaufen bringen: Schon wieder eine S-Bahn verpasst. Der geisterhafte Postbote hat zum wiederholten Male nur einen Abholschein statt des gewünschten Pakets abgegeben.

Und die Schlange im Supermarkt kurz vor Ladenschluss ist in Wahrheit eine erst ausgewachsene und daraufhin auch noch mutierte Riesen-Anakonda, die das letzte Bisschen Geduld und Zurückhaltung in mir zerquetscht wie ein Kleinkind Ameisen auf dem Spielplatz. Da muss man doch durchdrehen! Vielleicht ist es der Menschheit ohnehin vorbestimmt, ab einem zu Beginn nicht genauer definierten Zeitpunkt, einen Sprung in der Schüssel zu haben. Wer vom herkömmlichen Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Tasten genug hat, entdeckt für sich den Wahn-Sinn als ultimative Form der Wahrnehmung. Deshalb wollen Menschen, deren Geisteszustand von anderen zumindest angezweifelt wird, gar nicht mehr zurück in die Realität. In ihrer Welt ist es viel bunter!

Nicht umsonst gibt es besondere Liebhaber der amerikanischen Aga- Kröte, die deren Haut ablecken, um die dort sitzenden halluzinogenen Stoffe freizusetzen. Machen wir uns nichts vor: Die Welt ist sowieso längst voller Verrückter. Läden locken ihre kauffreudigen Kunden mit Wahnsinns-Angeboten und irren Schnäppchen. Und glaubt man mancher Theater- Rezension, könnte man meinen, der Kritiker habe eine Wahn-Vorstellung gesehen. Problematisch wird es, wenn die Umwelt behauptet, man wäre verrückt, man aber selbst vom Gegenteil überzeugt ist. Was als wahnsinnig deklariert wird und was nicht, hängt nämlich nicht zuletzt davon ab, was als konventionell gilt. Wenn die halbe Welt wie toll auf das Erscheinen eines neuen Smartphones wartet, das eine unvollständige Obst-Silhouette ziert, ist das nichts Außergewöhnliches mehr.

Strandet man auf einer unerklärlicherweise bis dato unbekannten Insel, die leider von Kannibalen bewohnt wird, würden die ihrerseits jeden für verrückt erklären, der nicht auf saftiges Menschenfleisch steht. Was benötigt wird, ist also immer ein Vergleichswert und am besten noch eine Mehrheit, die vorgibt zu wissen, was normal ist. Analog zur Frage, ob ein Baum im Wald wirklich umgefallen ist, wenn es keiner gesehen hat, bleibt offen, ob man allein überhaupt verrückt sein kann. Denken wir uns im Insel-Beispiel die Kannibalen weg, hätten wir keinen Vergleichswert mehr – und der einsame Insulaner wäre plötzlich die Norm. Solche vermeintlich tiefgründigen Gedanken machen mich zuweilen ziemlich fertig. Ich werde mir deshalb demnächst zwei Hunde zulegen. Einen Chihuahua, den ich Sinn nenne, und einen Mops, den ich Unsinn taufe. Wenn wir drei es uns dann am Abend gemütlich machen, liegen Sinn und Unsinn wenigstens nah beieinander.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“