schnee

„Nun ist er also doch da.“ sagt die ältere Dame neben mir leise seufzend. Wir stehen zitternd am vereisten S-Bahnhof Köpenick und warten auf die Bahn, die bereits fünf Minuten Verspätung hat. Um uns herum sehe ich Menschen in dicken Jacken mit noch dickeren Mützen und Handschuhen. Die zittern nicht ganz so stark wie wir. Ich nicke ihr bedeutungsschwanger zu, den anderen nach und nach auch. Ich ernte zwar mehrheitlich verdutzte Blicke, dennoch gilt es jetzt den Mitmenschen Mut zu machen in diesen kalten Tagen. Wie unsere Bahn hatte auch der Winter Verspätung. Zehn Minuten, mindestens. Aber jetzt kam er einfach plötzlich hereingeschneit, ohne vorher Bescheid gegeben zu haben. Hätte ja auch netterweise eine SMS schicken können, der Winter. Komme später, bin noch auf der Südhalbkugel, oder so. Dann hätte man planen können. Ich wusste nämlich nicht, ob ich das Geld lieber sparen oder mir nun noch gefütterte Schuhe kaufen sollte. Oder ein schönes Fleece. Vielleicht auch eine wasserdichte Außenjacke mit dazugehöriger Fleece-Innenjacke.

Generell scheint seit einigen Jahren das gesamte Sortiment an Winterbekleidung überwiegend aus Fleece zu bestehen. Kuschelig und warm. Warm wie die Sonnenstrahlen, die noch Anfang Januar bei mir und vielleicht anderen für Aufbruchstimmung gesorgt haben und einen den echten Winter so fern wähnen ließen, dass man schon fast die Grillsaison eröffnet hätte. Es gingen in der Nachbarschaft sogar Gerüchte um, der Winter würde diesmal wirklich ausfallen. Frühling, Sommer, Herbst. Fertig, das reicht. Aller guten Dinge sind sowieso drei und irgendwann muss der Klimawandel schließlich auch mal deutlich spürbare Konsequenzen haben. Im Grunde freut sich eh niemand auf den Winter. Bis auf Fleecejackenverkäufer vielleicht. Und Wintersportler. Die sind aber im hiesigen Flachland ohnehin aufgeschmissen, kann ihnen demnach egal sein, wie viel Grad wir hier haben.

Der Winter ist nicht die Verabredung, auf die man sehnsüchtig im Restaurant sitzend wartet und dabei traurig am Weinglas nippt, während der Blick ständig zur Uhr geht. Der Winter ist der Lehrer von früher, der eine Mathematik-Klassenarbeit angekündigt aber zu Unterrichtsbeginn noch nicht den Raum betreten hat. Der Winter ist das schwarze Schaf der Familie, den keiner auf der Geburtstagsfeier der Oma dabei haben möchte, der aber anstandshalber trotzdem eingeladen wird. Der Winter ist der Bußgeldbescheid wegen Geschwindigkeitsüberschreitung, von dem man nicht weiß, ob er kommt und falls ja, wie schlimm er wird. Und sobald man wider besseres Wissens leise Hoffnungen hegt, dass es dieses Mal gutgehen könnte, dass der Kelch gerade so an einem vorbeigeht, kommt er doch. Der Lehrer. Das schwarze Schaf. Der Bußgeldbescheid. Der Winter. Der Frühling, der schon frohlockend an der imaginären Tür namens Jahreszeitenwechsel stand und sein Köpfchen vorsichtig in die Wohnung streckte, machte abrupt auf dem Teppichabsatz kehrt. Frühlingsrolle rückwärts, sozusagen. Und jetzt haben wir den Salat. Passend zu den Temperaturen jedoch wohl eher Eisbergsalat.

Während ich so darüber nachdenke, sehe ich auf dem Bahnsteig zwei Kinder. Das eine baut aus wenigen Zentimetern Neuschnee eine Art Minischneemann und grinst dabei so breit, dass die Ohren Besuch bekommen. Das andere rutscht laut johlend auf einer länglichen Eisfläche hin und her. Angesteckt von der kindlichen Freude fangen andere Menschen an zu lachen, unter anderem die ältere Dame neben mir. Ist der Winter vielleicht doch nicht so schlimm? Immerhin sind andere Jahreszeiten ebenso wenig perfekt. Im Frühling hat jeder kitzelnde Schmetterlinge im Bauch, im Sommer schwitzt man sich zu Tode und im Herbst regnet es nasses Herbstlaub. Wer will, findet immer etwas zu meckern. Entscheidend ist letztlich doch nur, was man aus den gegebenen Umständen macht.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“