Maulbeere Dietrich

Der Sonnabend war komplett verplant, und wenn nicht alles wie geschmiert liefe, würde ich irgendetwas nicht schaffen. Ein Tag wie auf Kante gebügelt, jede Minute kostbar, keine Sekunde zu verschenken. Zeit ist eben Geld.
Seit Tagen stand der Ablauf fest. Früh um halb sieben raus den Federn. Mein Kleiner muss zum Fußball gegen eine Mannschaft aus Marzahn. Eigentlich kommen zu den Auswärtsspielen die meisten Väter mit, aber diesmal ist es wohl auch für sie zu früh. Da ich schon lange nicht mehr dabei war, muss ich nun einen Teil der 13- bis 14-Jährigen zum Platz zwischen den Plattenbauten fahren.

Danach gleich wieder zurück nach Hause. Ich hole meine Frau ab, ein Besuch im Möbelhaus steht auf dem Programm. Wir haben uns für einen neuen Fernseher entschieden. Die alte Kiste mit Bildröhre wird einem Flachbildschirm weichen – zur unbeschreiblichen Freude unserer beiden Söhne. Sie schämen sich schon seit Jahren für unser vorsintflutliches Gerät. Meine Frau nutzt den Anlass, das Wohnzimmer umzugestalten. Am Ende ihrer Überlegungen steht: Wir kaufen einen neuen Tisch, auf dem der neue Familienmittelpunkt seinen Ehrenplatz erhält.
Der Möbelladen wird um 10 Uhr aufgeschlossen. Zeit für einen zweiten schnellen Kaffee am heimischen Frühstückstisch, wieder rein ins Auto, später ins Gewühl. Es muss schnell gehen, mehr als anderthalb Stunden sind nicht drin. Meine Frau versprach hoch und heilig, die Zeit einzuhalten, wir wüssten ja schon, was wir holen wollten. Außerdem sei sie selbst um 13 Uhr mit einer Freundin auf dem Flohmarkt verabredet. Der Plan sieht vor, dass ich sie um 12 Uhr an der S-Bahn-Station absetze. Von dort kutschiert sie zum Flohmarkt an der Museumsinsel. Ich schaffe das Möbel nach Hause, um sofort zum nächsten Termin zu hetzen.

Ein Freund hat vor, auf dem Grundstück seiner Eltern in Brandenburg Holz zu sägen und zu hacken. Er bat mich um Hilfe, stellte mir dafür eine ordentliche Fuhre Brennholz in Aussicht. Die Aktion würde bis zum Abend dauern. Anschließend wollten wir beide nach Hause zurück, und da wir nicht weit auseinander wohnen, noch gemeinsam grillen.
Man kann sein Wochenende auch ruhiger angehen. Aber mal ehrlich, hat man Einfluss auf die Geschehnisse? Den Spielplan muss man akzeptieren, wie er ist. Wenn die Ehefrau für den neuen Fernseher einen passenden Unterstelltisch erwerben will, ist das höhere Gewalt. Und einem Freund solch eine Bitte abzuschlagen, das geht einfach nicht. Also eilst du fremd gesteuert durch den Tag, ohne Atem zu holen, fällst erschöpft ins Bett und sagst dir trotzdem: Es war schön heute.
Klar, ich hätte die Wahl gehabt: zwei andere Kumpels haben sich zu dem längst fälligen Angelwochenende in Polen verabedet. Ich hätte auch mit meinem Schwiegervater ganz gechillt eine Bootstour auf dem Müggelsee unternehmen und danach mit ihm Bundesliga schauen können. Eine Einladung zu Freunden in Prenzlauer Berg wäre für diesen Sonnabend ebenfalls eine Option gewesen. Oder einfach nur mal wieder mit der Frau ins Kino gehen.
Später. Alles später.

Morgens um halb sieben standen wir auf, die Müdigkeit, die der Kaffee nicht bewältigte, jagten mir die Halbwüchsigen auf dem Weg zum Fußball aus den Gliedern. Videos auf Handy, Gelächter, dumme Sprüche. Um halb neun stand ich pünktlich wieder zu Hause auf der Matte. Aber meine Frau gähnte nur und sagte, das mit dem Fernseh-Tischchen habe sich erledigt. „Mir gefällt das gar nicht richtig. Ich will ein anderes.“
Also rief ich meinen Holzfäller-Freund an, dass ich jetzt doch, wie er ursprünglich vorgeschlagen hatte, früher kommen könne. „Da musst du etwas falsch verstanden haben“, gab er zurück, ebenfalls gähnend. „Wir sind erst fürs nächste Wochenende verabredet.“ Ich widersprach, und es ging noch eine Weile hin und her. Aber welchen Tag wir vereinbart hatten, ließ sich nicht klären.

Angeln in Polen! Von einer der Frauen erfuhr ich: „Die sind ganz spontan schon gestern Abend los. Handy? Nee, die sind nicht zu erreichen.“ Sie hatte Recht. Die beiden angelten offensichtlich im Funkloch. Prenzlauer Berg? „Nein, tut uns leid, aber die Marie ist krank. Was? Sie hat sich den Fuß umgeknickt, gestern in der Schule … ganz schlimme Schmerzen.“
Mein Schwiegervater war nicht zu erreichen und nun hatte ich die Schnauze voll. Ich habe den Tag alleine zu Hause verbracht, der Kleine blieb bei einem Fußball-Kumpel, meine Frau kam
abends zurück und mein Großer ist, nachdem er mittags aufgestanden war, zu seinen Freunden und von dort weiter zur Party.

Und ich hatte Zeit – Zeit, über die Zeit nachzudenken. Wie Geld ist sie jedenfalls nicht. Mit Geld hätte ich andere einladen können, und sie wären dagewesen Aber von meinem unerwarteten Überfluss an Minuten und Stunden ließ sich nichts abgeben. So gesehen hat man Zeit nur für sich, nie für andere. Ich hätte nun Muße gehabt, endlich mal das zu tun, wozu ich immer schon Lust hatte. Aber mir ist nichts eingefallen, ich hab Fernsehen geschaut und bin irgendwann eingeschlafen.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"