Wo ist Vlotho?
Ordnung ist das halbe Leben

Ordnung ist das halbe Leben, das sagt auch meine Mutter und die muss es ja wissen und natürlich hat sie recht, denn nur wer Ordnung hält, kann dem Tag eine vernünftige Struktur und dem Leben einen Sinn geben, sagt meine Mutter.
Fußbodenpanorama des Autors himself
Illustration: Sebastian Köpcke

Nach dem Frühstück räume ich den Tisch ab. Die Brotkrümel wische ich in den Balkonkasten. Für die Vögel. Den Teller stelle ich ordentlich zu den anderen, unter den Hocker neben der Spüle. Ich wasche nicht jeden einzeln ab. Das spart Wasser. Wegen der Umwelt. Die Butter kommt wieder in den Kühlschrank. Butter muss hart sein. Das spart Butter. Ich nehme meine Turnschuhe aus dem Gemüsefach. Im Kühlschrank bleiben sie länger frisch. Denke ich. Das spart Turnschuhe. Und Umwelt.

Dann mache ich es mir auf der Toilette bequem und putze zugleich die Zähne. Das spart Zeit. Sind die Zähne sauber, bin ich fertig. Ich denke wieder an die Umwelt. Und spüle trotzdem. Da habe ich meine Grundsätze. In meinen Turnschuhen jogge ich zum Briefkasten und mache ihn leer. Dann sortiere ich den ganzen Papierkram. Pizza-Werbezettel kommen zu Pizza-Werbezetteln, Gewinnverlosungen zu Gewinnverlosungen.

Meine Tageszeitung lege ich ordentlich auf den Zeitungsstapel, auf dem Hocker über dem gebrauchten Geschirr. Wer weiß, ob ich heute noch dazu komme, sie zu lesen. Auf jeden Fall studiere ich gründlich das Informationsblatt meines Dicounters. Verlockende Angebote. Ein Navigationssystem, das eigentlich 200 kostet, gibt es in dieser Woche für nur 99,90. Das spart Geld. Kaufe ich gleich drei davon, spare ich dreifach. Sollte mal eines kaputt gehen, kann ich es beruhigt wegwerfen, weil eine Reparatur heutzutage sicher so viel kosten würde, wie zwei neue.

Jetzt brauche ich aber erst mal einen Kaffee. Ich lasse den von gestern noch mal durchlaufen. Das spart Kaffee. Ich nehme die Fotoalben vom Sofa und trage sie in die Badewanne. Die Turnschuhe kommen zurück in den Kühlschrank. Der Kaffee ist fertig. Ich stelle die Tasse vorsichtig auf den Hartschalenkoffer neben dem Sofa, bringe das Angelzeug ins Schlafzimmer und schalte das Morgenmagazin an.

Spielte Albert Einstein Klavier oder Geige? Geige. Wenn ich sofort anrufe gewinne ich eine Frühstückstasse. Wo ist mein Telefon? Ich eile in den Hausflur und klingle bei Frau Disselkamp. „Hallöchen! Mein Telefon ist kaputt! Darf ich mal ganz schnell telefonieren?“ Ich wähle meine Nummer. Es klingelt nebenan. „Na so was, jetzt geht es wieder!” Das blöde Ding finde ich, unter den leeren Getränkepackungen hinter dem Wäschekorb.

Im Fernsehen gratulieren sie gerade dem Gewinner. Die Tasse bekommt ein Kurt aus Vlotho. Wo ist Vlotho? Jetzt bräuchte man so ein Navigationsgerät. Ich lege das Telefon wieder unter die leeren Getränkepackungen. Bei mir hat alles seine Ordnung. Nur der Wäschekorb quillt über. Diesen Anblick ertrage ich nicht. Schnell die Klamotten zusammengerafft und ab damit in die Waschmaschine! Als ich das runde Bullauge öffne, trifft mich der Pesthauch des Hades. Ich werfe den nassen Klumpen hinaus auf den Balkon. Wie konnte ich das nur vergessen?

Mein Kaffee ist jetzt kalt. Genau richtig. Und nicht zu stark. Das spart Nerven. Im Fernsehen melden sie das Neuste von der Börse. Wo war noch gleich mein Telefon? Beim Angelzeug im Schlafzimmer? Quatsch, unter den Getränkepackungen, wo es hin gehört. Im Flur fliege ich über meine Golfschläger. Ach da sind die Dinger! Ich rufe im Büro an. „Wie läuft’s?“ „Alles bestens, Chef!“ „Etwas anderes möchte ich auch nicht von ihnen hören, Ackermann. Sie tragen die volle Verantwortung! Halten sie mir den Laden in Ordnung, denn Ordnung ist das halbe Leben! Und sagen sie mal, mein Bester, wo ist eigentlich Vlotho?“ Er weiß es auch nicht. Komischer Vogel. Den Kerl sollte ich besser im Auge behalten. Der macht sonst was er will.

Wie spät mag es sein? Meine Uhr findet sich an ihrem Platz, in der Besteckschublade, neben dem Rasierapparat und dem Schraubglas mit den Treueherzen. Gleich Halbelf, jetzt aber hopp, Turnschuhe an und los! Verabredungen sind mir heilig. Ich lasse andere ungern warten. Mit den Golfschlägen im Arm begebe ich mich in den Garten. Meine Mutter wartet bereits in der Hollywoodschaukel. Eine Yucca-Palme ragt aus ihrer Golftasche. Zur sportlichen Freizeitjacke trägt sie Nerzstola, Nachthemd und nagelneue Filzpantoffeln. Nur wenige Frauen können eine derart gewagte Kombination tragen. Meine Mutter sieht phantastisch aus!

„Da bist du ja endlich! Wo ist denn deine Mütze?“ Oh verdammt, bin gleich wieder da! Ich lasse meine Golfschläger fallen, jage die Treppe hoch, steige über das Angelzeug im Schlafzimmer, öffne den großen Kleiderschrank und in diesem Augenblick stürzt das ganze Universum auf mich herab! Kochbücher, Schraubenzieher, Konservendosen, Wollsocken und meine komplette Schallplattensammlung – alles fliegt mir um die Ohren. Eine Bratpfanne verfehlt nur knapp meinen Kopf. Schau an, da ist ja meine Mütze! Um den Rest kümmere ich mich später. Mutter wartet mit laufendem Motor. Unser Golfequipment hat sie bereits verstaut. Das spart meine Kraft. „Na, wie geht es meinem kleinen Hosenmatz?“ „Super, Mutti! Alles in Ordnung!“


Sebastian Köpcke
Ein Beitrag von

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“