ingrid_lehmann

Treptow-Köpenick ist einer der grünsten Bezirke der Stadt. Das macht den Bezirk so attraktiv und lebenswert. Je nachdem, wo sich Baum und Strauch befinden, sind entweder private Grundstücksbesitzer, die Berliner Forsten oder aber das Grünflächenamt des Bezirks dafür zuständig, dass gepflanzt, gepflegt und auch entfernt wird. 40 Männer und Frauen sind im Dienste der bezirklichen Flora im Einsatz. Das viele Grün beschert ihnen jede Menge Arbeit. Rund 43.000 Bäume an Straßen und noch einmal etwa 50.000 in Grünanlagen und Parks sind ihre Klienten. Den meisten geht es gut. Doch immer wieder heißt es „Baum fällt!“. Kernfäule, Stammfuß- und Wurzelstockmorschung, Zwieselriss, Vergreisung und „Rückläufigkeit“ sind einige der Gründe, die zum Einsatz der Kettensäge führen. Manchmal geht es nicht anders. Oder doch? Wir haben nachgefragt bei Dr. Ingrid Lehmann, der Leiterin des Straßen- und Grünflächenamtes:

Frau Dr. Lehmann, wer sind eigentlich die Baum- Experten in Ihrem Team?
Sieben Mitarbeiter sind als Kontrolleure ganzjährig draußen unterwegs. Jeder von ihnen begutachtet pro Jahr 9.000 bis 12.000 Bäume, mal im belaubten und mal im unbelaubten Zustand. Sie analysieren, was an den Bäumen gemacht werden muss. Eine Kolonne von neun Baumpflegern setzt die Pflegemaßnahmen dann um. Sind die Kontrolleure nicht sicher, ob Baumpflegemaßnahmen eingeleitet werden müssen, werden durch eine speziell weitergebildete Fachkraft weitergehende Untersuchungen durchgeführt, z.B. Bohrungen im Stammbereich mit dem Resistographen zum Erkennen von Fäulen im Stamminneren.

Anfang des Jahres 2014 gab es 43.216 Bäume im Bezirk. Im Laufe des Jahres wurden 637 Bäume gefällt, aber nur 302 neu gepflanzt. Warum?
Einerseits fehlt dem Bezirk das Geld. Andererseits muss auch berücksichtigt werden, dass nicht jeder ehemalige Baumstandort wieder bepflanzt werden kann. Oftmals liegen im Untergrund Leitungen, die eine Wiederbepflanzung verhindern oder der sog. Schattendruck durch die Nachbarbäume ist zu hoch, so dass ein Jungbaum keine Wachstumschancen hat. Wir versuchen, das finanzielle Defizit gegenwärtig durch die Stadtbaumoffensive des Senates auszugleichen. Das spart uns die Kosten für die Baumpflanzung und wir konzentrieren uns mit unseren Mitteln auf die anschließende Pflege, d.h. die Baumbewässerung und den Jungbaumschnitt.

Die Entscheidungen für Fällungen werden auf der Grundlage entsprechender Gutachten getroffen. Werden diese Gutachten ausschließlich von Mitarbeitern des Bezirks erstellt?
Nein. Es wird im Einzelfall entschieden, ob unsere Fachkraft oder ein externes Büro die Begutachtung vornimmt.

In welchen Fällen werden denn externe Gutachter herangezogen? Wird vermutet, dass unsere Kenntnisse und/oder technischen Möglichkeiten nicht ausreichen, wird ein Büro beauftragt. Die Anfang Oktober gefällte Linde in der Scharnweberstraße stand schief, sah aber wohl gesund aus. War die Fällung tatsächlich unvermeidlich?
Ja. Nicht der Schiefstand der Linde war der Fällgrund, sondern eine Morschung im Stammfuß. Man kann diese noch sehr gut am verbliebenen Stubben erkennen. Die Morschung hat in 1m Stammhöhe bereits 5 0% d es Stammquerschnitts erreicht u nd geht bis in den Wurzelbereich. Ich habe ein Bild gesehen, auf dem ein Besenstil im Stamminneren bis ¾ seiner Länge verschwunden ist. Die Linde war nicht mehr standsicher.
Da die Versorgungsbahnen unter der Rinde aber noch intakt waren, war dem Baum die Erkrankung nicht anzusehen. Die Krone wurde noch gut mit Nährstoffen versorgt, so dass der Baum bei erster Betrachtung gesund aussah. Erst die weitergehende Untersuchung mit dem Resistographen hat die Fäule erkennbar gemacht.

Auf der Westseite der Scharnweberstraße sollen in den vergangenen Jahren viele Bäume gefällt worden sein. Einige Bürger vermuten, das Amt würde u.a. dort das Konzept der „ einseitigen“ Allee praktizieren und damit das historische Straßenbild verändern. Was sagen Sie denen?
Ich versuche die Bürgerinnen und Bürgern immer wieder zu überzeugen, dass wir selbst an jedem Baum hängen. Wir haben den Beruf des Gärtners erlernt aus Liebe zur Natur. So wird sehr genau geprüft, ob ein Baum gefällt werden muss oder nicht. Wir sind für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger verantwortlich und müssen dafür sorgen, dass keine Gefahr von den Bäumen ausgeht, nicht im Straßenland und auch nicht in den Grünanlagen. Auf einer nicht öffentlichen Fläche, z.B. im eigenen Garten könnte tatsächlich mancher Baum noch stehen bleiben, den wir im öffentlichen Raum aber fällen. Es ist immer eine Abwägung zwischen der vom Baum ausgehenden Gefahr für die öffentliche Sicherheit und dem Aufwand, einen Baum noch länger zu erhalten. Ist der Aufwand zu hoch, erfolgt die Fällung.
In der Scharnweberstraße wurden deshalb nur die Bäume gefällt, die die öffentliche Sicherheit gefährdet haben. Es gibt nicht die Absicht, eine Straßenseite baumfrei zu halten. In den letzten Jahren wurden auch Bäume nachgepflanzt – übrigens gegen den Widerstand einiger Anwohner bis hin zu dem Versuch einer einstweiligen Verfügung.

Soweit bekannt, kommt es immer wieder vor, dass Bürger eine leere Baumscheibe in Eigeninitiative mit einem Baum bepflanzen und sich dann darum kümmern. Freut Sie das?
Leider nein, weil in den meisten Fällen der gepflanzte Baum nicht den Anforderungen eines Straßenbaumes entspricht oder die gepflanzte Baumart für die Straße nicht geeignet ist oder im Untergrund Leitungen verlaufen. Es wäre auf jeden Fall besser, wenn die Bürger sich vorab mit uns abstimmen. Dann wäre eine spätere Entfernung der gepflanzten Bäume und der verständliche Frust der Bürger zu vermeiden. Wir verstehen die gute Absicht der Bürger, aber die Verantwortung für die Verkehrssicherheit nimmt uns niemand ab.

In der Bruno-Wille-Straße 5 -7 plant das Grünflächenamt wohl genau dort einen Baum zu pflanzen, wo Anwohner im Frühjahr eine Linde gepflanzte haben. Was geschieht nun? Wird der „ Anwohnerbaum“ gefällt – oder wird dem Neuling ein neues Plätzchen zugewiesen?
Der Anwohnerbaum wird in die Grünanlage Goldmannpark umgesetzt. Der gepflanzte Baum entspricht nicht den Anforderungen an einen Straßenbaum (z.B. kein Leittrieb vorhanden). Es ist nicht sicher, ob sich mit Schnittmaßnahmen in den Folgejahren ein Leittrieb entwickeln lässt, abgesehen von dem hohen Aufwand, der für unser Revier entstehen würde.
In der Grünanlage sind die Anforderungen an einen Baum nicht so hoch, so dass auch dieser Baum dort wachsen darf. Die notwendigen Maßnahmen zur Umpflanzung sind bereits eingeleitet worden. Am Standort im Bruno-Bürgel-Weg wird ein normgerechter Baum gepflanzt.

Wenn es um das Fällen von Bäumen geht, reagieren viele Menschen sehr emotional. Sie sehen im Baum das mitunter sehr betagte Lebewesen. Wie sehen Sie das?
Wir freuen uns, wenn sich Bürgerinnen und Bürger für unsere Umwelt interessieren. Wenn der Umgangston stimmt, ist alles in Ordnung. Meine Kollegen sind verstimmt, wenn die Bürger ihre Fachkompetenz nicht respektieren. Viele meiner Kollegen sind seit Jahrzehnten in der Baumpflege tätig. Wir versuchen, den Bürgern die Gründe für die Fällung zu erläutern. Da müssen wir wahrscheinlich noch besser werden, damit das Verständnis bei den Bürgern für unsere Entscheidungen wächst.

Wo im Bezirk Treptow-Köpenick steht Ihr persönlicher Lieblingsbaum?
Das ist eine zweistämmige Eiche in der Dammheide. Die erinnert mich an manches gruseliges Märchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto: Matthias Vorbau


Anke Assig

Ein Beitrag von Anke Assig

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: "Das wird schon!"